Oliver Wunderlich auf den Spuren des Bogenschießens
Geschichte war spannender als Wettkämpfe mit Leistungsdruck

Warendorf -

Einst betrieb er Bogenschießen als Leistungssport. Doch dann begann er, sich für die Geschichte dahinter zu interessieren. Heute ist Oliver Wunderlich eine Art Zeitreisender.

Samstag, 22.06.2019, 10:00 Uhr
Von Fantasiekostümen und Requisiten will Oliver Wunderlich nichts wissen. Er hat genau recherchiert, wie Bogenschützen vor 600 Jahren gelebt haben und arbeitet in jeder freien Minute an möglichst originalgetreuen Rekonstruktionen.
Von Fantasiekostümen und Requisiten will Oliver Wunderlich nichts wissen. Er hat genau recherchiert, wie Bogenschützen vor 600 Jahren gelebt haben und arbeitet in jeder freien Minute an möglichst originalgetreuen Rekonstruktionen. Foto: Marion Fenner

Oliver Wunderlich ist so etwas wie ein Zeitreisender: Gut 600 Jahre geht es für ihn regelmäßig zurück. Mit seiner Lebensgefährtin Sabine Koch und seinem Sohn Wido gehört er zu den Freien Bogenschützen Anion (wie Wunderlichs Heimatort Einen im Mittelalter). In seiner Rolle demonstriert er, wie Bogenschützen zur Zeit des 100-jährigen Krieges im Jahr 1415 gelebt und gearbeitet haben.

„Wir zeigen und berichten als Familie, wie Langbogenschützen ihre Ausrüstung herstellten und in die Schlacht zogen“, erklärt Wunderlich. Von Pfeil und Bogen sei er schon als Jugendlicher fasziniert gewesen. Bogenschießen wurde zu seinem Sport. Doch irgendwann hatte er den Leistungsdruck und die Wettkämpfe satt und er setzte sich ernsthaft mit der Geschichte seines Hobbys auseinander.

„Ich wollte wissen, wo das Bogenschießen herkommt und wie ,Berufssoldaten‘ im Mittelalter gelebt haben“, sagt der 47-Jährige. Langbogenschützen hätten damals ein hohes Ansehen gehabt, sie standen im Dienst des Königs und seien sehr gut entlohnt worden.

Über die Schlacht von Azincourt im Jahr 1415, bei der die Truppen von König Heinrich V. von England gegen das Heer von König Karl VI. von Frankreich kämpften, gebe es sehr detaillierte Aufzeichnungen, die den Recherchen von Wunderlich zugrunde liegen. Wunderlich baut seine Bögen, aber auch viele Alltagsgegenstände der Bogenschützen, wie den Köcher, Lampen, Trinkgefäße und Vieles mehr möglichst genau nach. Die dazu passende Kleidung näht seine Lebensgefährtin Sabine Koch.

Eine weitere Quelle, die Wunderlich für seine Nachbauten nutzt, sind Funde aus dem Schiff „Mary Rose“. Das englische Kriegsschiff sank 1545 bei einem Seegefecht gegen die Franzosen. 1971 ist das Schiff entdeckt und 1982 geborgen worden. „Viele Ausrüstungsgegenstände sind sehr gut erhalten, weil sie im Schlamm konserviert wurden. „Heute sind sie in einem Museum ausgestellt“, berichtet Wunderlich.

„Ich habe mir das Wissen über das Herstellen von Bögen, Pfeilen und die unterschiedlichen Spitzen angeeignet und arbeite in jeder freien Minute weiter daran“, erklärt er. Der Köcher ist selbst hergestellt, die Gänsefeder für die Pfeile selbst präpariert und zurechtgeschnitten. Und das alles handwerklich mit den Materialien, wie sie die Bogenschützen vor 600 Jahren genutzt haben. Wunderlich weiß, welches Holz sich am besten eignet, dass mit geschmolzenem Kuhhorn, die Enden der Pfeile, die in den Bogen eingespannt werden, am besten halten und welches Leder für den Armschutz zu verwenden ist.

Bei Mittelaltermärkten stellt der selbstständige Fußpfleger sein Hobby gerne vor. „Wir schlüpfen aber nicht in Rollen und verkleiden uns nicht. Es ist mir sehr wichtig, dass wir originalgetreue Gewänder tragen und keine Fantasiekostüme.“

Bogenschützen hätten früher ein sehr gefährliches Leben geführt, berichtet Wunderlich. Sie mussten absolut fit und gut trainiert sein, um so ihr eigenes Überleben zu sichern. Der Bogen hatte ein Zuggewicht von 115 bis 120 englische Pfund. Natürlich hat auch Wunderlichs Bogen dieses Zuggewicht. „Dafür muss auch ich täglich damit trainieren. Einfach so könnten selbst kräftige Personen damit nicht schießen.“

Ein präziser Schuss habe damals selbst Ritterrüstungen durchschlagen oder 600 Kilogramm schwere Schlachtrösser getötet. Wunderlich bevorzugt heute Zielscheiben oder Plastiktiere auf Übungsplätzen. Zehn bis zwölf Pfeile pro Minute musste ein Schütze früher im Kampf abfeuern können. Den Nachschub mit Pfeilen haben Kinder den Bogenschützen bei Schlachten nachgetragen. Wunderlichs Sohn Wido – der Neunjährige teilt die Leidenschaft seines Vaters zum Bogenschießen – kann in diesem Punkt froh sein, dass er heute lebt und die Zeitreise auch immer wieder in die Gegenwart zurückführt . . .

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6710524?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F
Vor 65 Jahren: Kaiserlicher Besuch in Warendorf
12. November 1954: Der Kaiser von Äthopien, Haile Selassie (Mitte, dunkle Haare) wird am Warendorfer Bahnhof von Bürgermeister Josef Heinermann, Stadtdirektor Dr. Karl Schnettler, Landrat Dr. Josef Höchst, dem Regierungspräsident Franz Hackethal, dem Landesminister Dr. Johannes Peters und Bundesernährungsminister Heinrich Lübke empfangen.
Nachrichten-Ticker