Nach Übergriffen auf Polizisten in Warendorf
Aggression gegen „Freunde und Helfer“

Warendorf -

Es ging – wieder einmal – um fremdes Eigentum. Wieder einmal wurden einige der Jugendlichen Polizeibeamten gegenüber aggressiv, die es Mittwoch am HOT waren. Diesmal kam im Emsseepark Verstärkung. Sieben Streifenwagen.

Freitag, 19.07.2019, 16:15 Uhr aktualisiert: 19.07.2019, 16:20 Uhr
Dirk Schellhammer mit seiner Kollegin, Polizeisprecherin Susanne Dirkorte-Kukuk. Im Hintergrund das HOT, an dem es Mittwoch den ersten Einsatz mit Angriffen gegen Polizeibeamte gab.
Dirk Schellhammer mit seiner Kollegin, Polizeisprecherin Susanne Dirkorte-Kukuk. Im Hintergrund das HOT, an dem es Mittwoch den ersten Einsatz mit Angriffen gegen Polizeibeamte gab. Foto: Jörg Pastoor

Dirk Schellhammer spricht ruhig und konzentriert. Er macht keinen unüberlegten Eindruck. Der fokussiert wirkende 42-jährige Polizei-Hauptkommissar hat trotzdem Mittwochabend Pfefferspray gegen Jugendliche eingesetzt. Warum? Nach den erneuten Übergriffen auf Polizeibeamte haben die WN Freitag drüber geredet. Mit Menschen, die Gewalt anwenden müssen, um andere zu schützen. Und: Inzwischen auch öfter sich selbst. Weil Gewalt gegen sie Alltag zu werden scheint.

Vorweg: Dass Jugendliche oder Heranwachsende zunehmend im Rudel die Grenzen dem System, dem Staat oder Hauptsache irgendwem gegenüber ausreizen oder bewusst übertreten wollen, ist für den Praktiker kein Warendorfer Phänomen, so Dirk Schellhammer. „Neu ist das nicht – das haben wir auch schon mal in Telgte oder Ostbevern.“ Ein Beamter wie er mit seinen 22 Dienstjahren hat da einige Routine. „Das sind trainierte Handlungen, die wir in der Situation abrufen.“ Dennoch blitze das dann regelrecht auf und ja: Es bringe schon Stress.

Das führt dann auch mal dazu, dass die Betroffenen länger warten müssen.

Der Einsatz dauerte Donnerstag von 18.30 bis 1 Uhr

„Das“, das sind die beiden Einsätze am Mittwoch am HOT und Donnerstagabend an der Skateranlage im Emsseepark. Normal sei ja eine Eins-zu-Eins-Situation: „Es geht um einen Unfallbeteiligten, um einen Täter oder um einen Menschen, der Hilfe braucht.“

Bildet sich eine Gruppe und macht klar, dass sie sich dem Zweierteam eines Streifenwagens überlegen fühlt, geht es um den Rückgriff auf besagtes Training. „Ich habe irgendwann zwei Möglichkeiten: Breche ich das Einsatzgeschehen erst einmal ab und warte im Zweifel auf Verstärkung, oder greife in konsequent zu?“ Mittwoch ging noch Variante eins, Donnerstag war es so brenzlig, dass alles eine Nummer größer wurde.

Am Ende waren es acht Streifenwagen

Verstärkung ist nicht immer und vor allem nicht immer schnell dazugerufen im Flächenkreis Warendorf. „Das führt dann auch mal dazu, dass die Betroffenen länger warten müssen.“ Dann steht eben Donnerstagabend nach dem im Park gestarteten Einsatz eine Dauer von 18.30 bis 1 Uhr im Bericht.

Solche Stunden mit intensiver Emotionalität vor Ort, Geschrei, Beleidigungen, Rempeleien, Spucken und Imponiergehabe, danach langen Hin- und Rückfahrten zu anderen Wachen bleiben im Kopf. „Ich behaupte, es gibt keinen Kollegen, der das nicht nach Dienstende mit nach Hause nimmt“, schätzt Schellhammer. Dann sprechen sie drüber. Auf der Wache, mit Kollegen. Schließlich gehe es um die eigenen Wertvorstellungen, die Basis dieses Berufs.

Fast immer seien bei Einsätzen wie jetzt Straftaten im Spiel – quer durch vom Eigentumsdelikt über Gewalt bis zu Betäubungsmittelgeschichten. Die Jugendlichen haben Probleme: Stress im Elternhaus, aus Jugendamts-Unterbringungen geflohen, teils wohnsitzlos. Susanne Dirkorte : „Die turnen dann halt nachts hier irgendwo herum.“ Ein Rädelsführer bringt schnell Gruppen um sich, die sich stark fühlen wollen. „Es dauert manchmal ein, eineinhalb Jahre, bis dann ein Staatsanwalt oder ein Gericht entscheidet, dass es jetzt genug ist und Zeit für härtere Maßnahmen wird“, meint Susanne Dirkorte. Donnerstagabend war es laut Schellhammer so weit. „Da ist entschieden worden, dass so ein Verhalten nichts mit dem zu tun hat, das man noch anders erklären könnte.“ Gemeint: der 20-Jährige Verdächtige, der jetzt in der Psychiatrie sitzt.

Kein typisches Warendorfer Phänomen

Die Stimmung unter den Polizeibeamten? „Sie sind alle entschlossen, den Beruf mit der nötigen Konsequenz auszuüben.“ Zur Not mit Pfefferspray. Auch das wollte er gezielt gegen den einen Aggressiven einsetzen, weil‘s nicht mehr anders ging. Dass Umstehende auch etwas davon abbekommen – er selbst eingeschlossen? Eine Windböe reichte dazu. „Aber das nimmt man in Kauf, wie die Tatsache, dass man beleidigt oder bespuckt wird.“

Der Einsatz am Donnerstag mag lange gedauert haben, aber Schellhammer und die 16 anderen Polizeibeamten in acht Streifenwagen aus dem ganzen Kreis waren danach zufrieden. Die Verstärkung war da, das Einsatzziel erreicht. Das sei nicht immer möglich; der Landrat selbst, sein Chef, habe ja beim Land darauf hingewiesen, dass der Polizei Kräfte fehlen.

Natürlich seien sich Polizisten bewusst, dass sie für viele ein rotes Tuch seien, erklärt Susanne Dirkorte-Kukuk. „Wir repräsentieren den Staat, wie halten den Menschen Fehler vor.“ Das gehöre zur Rolle. Aber erledigt sind die Angriffe auf Polizisten damit noch nicht. Die Polizei hat nach den wiederholten Übergriffen einen offensiv emotionalen Post auf Facebook veröffentlicht. „IHR wollt doch auch, dass wir Euer Eigentum schützen“, heißt es dort unter anderem, „IHR wollt doch auch, dass wir die Täter ermitteln, wenn Ihr bestohlen worden seid, „IHR ruft uns zur Hilfe, wenn IHR euch selber nicht mehr helfen könnt.“ Der Post sorgt für Diskussionen in den virtuellen Kanälen.

IHR ruft uns zur Hilfe, wenn IHR euch selber nicht mehr helfen könnt.

Aus dem Polizei-Post auf Facebook

Viele Reaktionen sind positiv, wie die einer Frau, die Mittwoch Pfefferspray abbekommen und sich dann auf den Weg zur Polizeiwache gemacht hatte. „Sie wollte aber ihre Solidarität mit der Polizei ausdrücken und war erschrocken, wie sich Menschen so verhalten können“. Und das, sagt Susanne Dirkorte, tue gut.

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