Planungsrechtlicher Streit um Nachfolgenutzung des Sägewerkes in Vohren
„Herr der Kräne“ bald heimatlos?

Warendorf -

Seit einem Jahr betreibt Sergej Abrams seine Firma (40 Mitarbeiter) auf der Fläche des ehemaligen Sägewerks Heitmann in der Bauerschaft Vohren 90. Er hat die 9600 Quadratmeter große Fläche von Frank Heitmann, Neffe des früheren Sägewerkbesitzers (Wenzel Heitmann) gemietet – und seitdem nur Ärger. Jetzt droht ihm seitens der Stadt sogar die Räumung. Dabei war der „Herr der Kräne“ froh, endlich eine ausreichend große Lagerfläche in Warendorf gefunden zu haben.

Donnerstag, 26.09.2019, 09:18 Uhr
Planungsrechtlicher Streit um Nachfolgenutzung des Sägewerkes in Vohren: „Herr der Kräne“ bald heimatlos?
Foto: Joachim Edler

Für Sergej Abrams ist es eine unendliche Geschichte, mittlerweile eine Farce, für ihn nicht mehr nachvollziehbar. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Krane GmbH (Vermietung und Verkauf von Baukränen) fühlt sich als Leidtragender in einem Fall, der sich mittlerweile so zugespitzt hat, dass die Stadt mit Räumung des Geschäftsbetriebes droht. „Wir haben über 120 Kräne im Mietpark, die stehen teilweise auf Baustellen mitten in der Stadt. Wenn es Probleme mit Nachbarn oder der Stadt gab, haben wir miteinander gesprochen und immer eine Lösung gefunden. Doch in meinem Fall hat sich die Stadt positioniert, brachten alle Gespräche nichts.“

Seit einem Jahr betreibt Sergej Abrams seine Firma (40 Mitarbeiter) auf der Fläche des ehemaligen Sägewerks Heitmann in der Bauerschaft Vohren 90. Er hat die 9600 Quadratmeter große Fläche von Frank Heitmann , Neffe des früheren Sägewerkbesitzers (Wenzel Heitmann) gemietet – und seitdem nur Ärger. Schriftverkehr, Gespräche, Telefonate – die Akte ist viele Seiten stark. Dabei war der „Herr der Kräne“ froh, endlich eine ausreichend große Lagerfläche in Warendorf gefunden zu haben.

Der Stadt Warendorf ist die gewerbliche Nutzung in der Bauerschaft jedoch in Dorn im Auge, sprich baurechtlich nicht möglich und auch nicht zu entwickeln. „Paradox“, so Abrams, „wenn man bedenkt, dass ein Sägewerk vorher ging, ein nicht-störender Betrieb wie meiner aber nicht zulässig sein soll.“ Heitmann und Abrams werfen der Stadt gelinde ausgedrückt „gebremstes Engagement“ vor, zumal sie Lösungswege zur Änderung des Flächennutzungs- und Bebauungsplanes aufgezeigt hätten.

Dr. Bernd Köster, Justiziar der Stadt, kontert: „Die Landesplanung schiebt einer gewerblichen Ansiedlung ganz klar einen Riegel vor.“ Und er weist daraufhin, dass bereits der Betrieb des Sägewerks ein „Missstand“ und somit baurechtlich eigentlich nicht zulässig war – über die Änderung des Bebauungsplanes mit dem Vermerk „Aktivmuseum für historische Landtechnik“ aber möglich. Die jetzige Nutzung sei aber alles andere als ein historisches Landmaschinen-Museum. Der Stadt seien die Hände gebunden. Zumal sich auch noch eine direkt Nachbarin durch den Betrieb eines 40 Meter hohen und fest installierten Verladekrans beeinträchtigt fühlt und einen Rechtsanwalt eingeschaltet hat. Köster: „Da mussten wir dann auch noch mal genauer hinschauen, was da im Außenbereich los ist.“

Sergej Abrams kann die ganze Aufregung nicht verstehen, hat ein Lärmgutachten erstellen lassen. Mit dem Ergebnis, dass von seinem Betrieb ein Immissionswert von 45,8 dB gemessen wurde, der dem eines Kurgebietes entspricht. Zudem ruhe der Betrieb am Samstag und Sonntag. „Mein Betrieb erfüllt die Anforderungen an einen nicht störenden Gewerbebetrieb. Nicht zuletzt, weil der Betrieb ausschließlich am Tag stattfindet.“ Und sein Platz – aufgrund der guten Baukonjunktur zurzeit fast leer – im Winter, von Januar bis März, aber wieder voll mit Material belegt ist. Beim Tag der offenen Tür, so Abrams, hätten ihm Nachbarn bestätigt, dass sich die aktuelle Lärmsituation im Vergleich zum damaligen Sägewerk erheblich verbessert habe.

Doch der Verladekran sei nicht das eigentliche Problem, so Abrams, der gemeinsam mit seinem Vermieter Frank Heitmann immer noch nach einer Lösung in dem planungsrechtlichen Streit sucht. Hilfe hat sich Heitmann bei einem Rechtsanwalt für Planungsrecht geholt. Im Gespräch sei insbesondere die über 100-jährige Nutzung als Sägewerk und das seit circa zehn Jahren bestehende Museum beleuchtet worden, heißt es in einem 38 Seiten starken Papier, das Heitmann in der letzten Ratssitzung an alle Mitglieder des Rates verteilt hat, um politische Aufmerksamkeit für seinen Fall zu bekommen. Der Fall soll jetzt in der Sitzung des Planungsausschusses am Montag, 30. September, auf den Tisch kommen. Dazu Justiziar Köster: „Selbst wenn der Rat einer Änderung des Flächennutzungs- und des Bebauungsplanes zustimmen würde, widerspricht dies den Zielen der Regionalplanung. Und ohne landesplanerische Zustimmung macht eine Änderung keinen Sinn.“

Das sieht Ulrich Tückmantel, Pressesprecher der Bezirksregierung in Münster, anders: „Der Fall ist bekannt. Die Stadt hat bei uns nachgefragt. Jedoch kann man nicht pauschal sagen, dass die Bezirksregierung einer Änderung des Flächennutzungs- und dem daraus weiter entwickelten Bebauungsplan nicht zustimmen würde. Das ist Quatsch.“ Die Stadt müsse hier erst einmal ihr städtisches Handwerk erledigen, sprich der Rat die entsprechenden Beschlüsse fassen. Ob der Antrag dann Aussicht auf Erfolg hat, hänge von vielen planungsrechtlichen Faktoren ab. Aber auch da gebe es Lösungen. „Doch pauschal zu sagen, das geht nicht, ist falsch.“

Der Regionalplan Münsterland weist die Fläche des ehemaligen Sägewerkes als Freiraum (Allgemeiner Freiraum- und Agrarbereich) aus. Danach ist die Ausweisung eines Gewerbegebietes an dieser Stelle grundsätzlich nicht möglich.

Heitmann beruft sich auf die Aussage seines Rechtsanwaltes für Planungsrecht. Danach gebe es sehr wohl einen Lösungsweg: Der Landesentwicklungsplan schaffe in seiner neuen Novellierung gerade für den ländlichen Raum eine zusätzliche Flexibilisierung, was die Nachfolgenutzung vorhandener Betriebsstandorte angehe und ermögliche so ein „Flächenrecycling im regionalplanerisch festgelegten Freiraum“. Der im Entwurf des Landesentwicklungsplans NRW (LEP) vorgesehene Ausnahmetatbestand ermögliche es Kommunen, Bauleitpläne für Nachfolgenutzungen vorhandener Betriebsstandorte außerhalb von regionalplanerisch festgelegten Siedlungsbereichen aufzustellen. Sobald die LEP-Änderung in Kraft getreten sei, zitiert Heitmann seinen Rechtsanwalt weiter, werde die Stadt Warendorf die Möglichkeit haben, die Flächen des ehemaligen Sägewerkes als gewerbliche Baufläche darzustellen. Heitmann: „Es wäre aus unserer Sicht verantwortungslos, in Zeiten, in denen auch in dieser Stadt darüber diskutiert wird, den Klimanotstand auszurufen und damit künftig alle Beschlüsse hinsichtlich ihrer klimawirksamen Konsequenzen auf den Prüfstand zu stellen, die vorhandene Infrastruktur eines ehemaligen Gewerbebetriebes ungenutzt zu lassen und so eine Chance zur wirksamen Flächenreduktion nicht zu nutzen.“

Stadtjustiziar Dr. Bernd Köster kennt die Novellierung, betont aber den Satz „. . .was die Nachfolgenutzung vorhandener Betriebsstandorte angeht. . .“ Und fügt hinzu: „Es gibt keinen vorhandenen Betriebsstandort in Vohren 90, weil kein Sägewerkbetrieb genehmigt ist. Der jetzige Betreiber hält sich nicht an geltendes Recht.“

Bleibt ein Umzug. Als einzigen Alternativstandort habe die Stadt dem Firmenchef ein circa gleich großes Kaufgrundstück im Gewerbegebiet Freckenhorst-Ost angeboten. Abrams äußerte verkehrs- und sicherheitstechnische Bedenken, mit seinen Krangespannen die zentrale Straßenkreuzung in Freckenhorst überhaupt befahren zu können. Eine Anfahrt zu seinem Gewerbebetrieb wäre nur über Westkirchen möglich. Nächstes Problem: der 40 Meter hohe Platzkran. Nach Rücksprache mit den dortigen Nachbarn, so Abrams gegenüber unserer Zeitung, würden diese eine Überschwenkung ihrer Grundstücke keinesfalls gestatten, zumal die Weidetiere dadurch irritiert werden könnten. Auch sei eine spätere Ausweitung des Grundstücks, sprich Gewerbebetriebs, nicht möglich. Unverständlich bleibt für ihn, weshalb in Freckenhorst ein Grundstück bebaut und versiegelt werden müsse, wenn er bereits eine geeignete Fläche in Vohren gefunden habe. Sergej Abrams würde gern dort bleiben, seine Kundschaft stammt aus der Region. Er schätzt die Lage zur Bundesstraße 64. Doch die Stadt kann ihm kein geeignetes Gewerbegrundstück anbieten. Dass es zu wenige Gewerbegrundstücke in Warendorf gebe, sei ein Umstand, den

Bürgermeister Axel Linke und Baudirektor Peter Pesch im Gespräch mit Frank Heitmann und Sergej Abrams mit der „verfehlten Politik der Vergangenheit“ begründet haben sollen.

Im Falle einer Räumung weiß der Firmenchef noch nicht wohin: „Dann werde ich wohl meine Kräne auf umliegende Bauernhöfe verteilen müssen.“

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