Hauptkommissar geht in Pension
Ralf Kesse: „46 Jahre sind genug“

Freckenhorst/Hoetmar -

Der Freckenhorster Dorf-Sheriff Ralf Kesse, 62, geht Ende Januar offiziell in den Ruhestand. Seinen letzten Arbeitstag hat der Hauptkommissar am 20. Dezember. Mit WN-Redakteurin Joke Brocker hat der Vater einer erwachsenen Tochter auf knapp 46 anekdotenreiche Dienstjahre zurückgeblickt, die ihn mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus dem Arbeitsleben scheiden lassen.

Dienstag, 26.11.2019, 22:00 Uhr
Nach knapp 46 Dienstjahren ist für Hauptkommissar Ralf Kesse Ende Januar Schluss. Für das Foto hat er schon einmal Kisten gepackt. Sein letzter Arbeitstag wird der 20. Dezember sein.
Nach knapp 46 Dienstjahren ist für Hauptkommissar Ralf Kesse Ende Januar Schluss. Für das Foto hat er schon einmal Kisten gepackt. Sein letzter Arbeitstag wird der 20. Dezember sein. Foto: Joke Brocker

Wollten Sie immer zur Polizei gehen?

Kesse: Nein. Das hat sich ein bisschen komisch entwickelt. Ich wollte eigentlich immer Kameramann werden. Aber dann hat meine Mutter mich ohne mein Wissen in Münster bei der Polizeischule angemeldet. Sie hat mir irgendwann mitgeteilt, wann ich wo zu sein hatte. Sie musste mich ja irgendwo unterbringen. Und ich bin dann dahingegangen. Ich hatte auch nichts dagegen. Aber auf die Idee wäre ich selber nie gekommen. Nachdem ich das dreitägige Auswahlverfahren bestanden hatte, war ich dabei.

Wo haben Sie Ihre Ausbildung absolviert?

Kesse: Wenn man, wie ich, Mittlere Reife hatte, konnte man damals mit 16 Jahren zur Polizei. Angefangen habe ich in Münster an der Polizeischule, war dann schon während des ersten Jahres in Selm-Bork, im Folgejahr Stukenbrock, dann in Bochum bei der Bereitschaftspolizeiabteilung. Nach Abschluss der dreijährigen Ausbildung an mehreren Polizeischulen ging es vor der abschließenden Prüfung ein halbes Jahr nach Bonn. Da habe ich Personen- und Objektschutz gemacht, das heißt Botschaften oder die Wohnhäuser von Politikern bewacht.

Wessen Häuser haben Sie denn da bewacht?

Kesse: Zum Beispiel das von Werner Maihofer, damals Bundesminister des Innern. Und das von Franz-Josef Strauß . Da gibt es eine kleine Anekdote. Strauß wurde abends von einem dieser schwarzen Wagen nach Hause gebracht. Die Sicherheitsbeamten verabschiedeten sich von ihm mit „Bis morgen Früh“. Irgendwann ging die Tür auf. Er guckte raus und ging dann so mal eine Runde. Er kam dann irgendwann wieder und war leicht angesäuselt. Da hat er ein lockeres Gespräch mit mir geführt und mich in die Arme genommen. Für mich als jungen Polizeibeamten eine tolle Erfahrung.

Was kam nach Bonn?

Kesse: Im April 1977 ist mir mitgeteilt worden, dass ich nach Köln-Bergisch-Gladbach komme. Da musste ich von heute auf morgen Dienst machen, hatte kein Zimmer, keine Wohnung. Dass ich im Hotel hätte wohnen können, hatte mir keiner gesagt. Ich bin dann direkt nach Bergisch-Gladbach gefahren und habe mich vorgestellt: „Ich bin der Neue und fange übermorgen hier an.“ Dann hat mich einer ans Händchen genommen und hat mir eine kleine Wohnung besorgt. Das war ein, wie man so sagt, guter Bärenführer, der mich ans Händchen genommen hatte. Ich hatte ja von nichts eine Ahnung, kannte bloß die Theorie aus der Schule. Das war ein ganz prima Kollege. Den habe ich 35 Jahre später auf einer griechischen Insel im Hotel wiedergetroffen. Seine Stimme war plötzlich neben mir. Er hat mich nicht mehr erkannt. Und ich habe gesagt: Dieter, kannst du dich noch an mich erinnern? Der war völlig platt, und wir haben einen schönen Abend miteinander verlebt.

Welche Aufgaben hatten Sie?

Kesse: In den eineinhalb Jahren in Köln beziehungsweise Bergisch-Gladbach habe ich normalen Wach- und Wechseldienst gemacht, Einsätze gefahren, Unfälle aufgenommen, Schlägereien und, und, und. Da hat man die Großstadt kennen gelernt. Und dann habe ich, weil ich als gebürtiger Freckenhorster viele Kontakte hierhin hatte, natürlich ein Versetzungsgesuch gestellt, was damals noch einfacher war, und bin dann in den Kreis Warendorf versetzt worden. Hier war ich zunächst auf der Wache in Oelde und bin dann nach etwa zwei Jahren zur Wache nach Warendorf versetzt worden. 22 Jahre war ich im Verkehrsdienst. Geschwindigkeits- Kontrollen, Lkw-und Gefahrgut-Kontrollen, Ladungssicherung. Danach bin ich in den Bezirksdienst gekommen. Das sind jetzt knapp elf Jahre.

Ich habe immer gedacht ,Irgendwann möchte ich hier mal Dorf-Sheriff werden‘.

Ralf Kesse

Wollten Sie in den Bezirksdienst?

Kesse: Ja. Ich habe immer gedacht „Irgendwann möchte ich hier mal Dorf-Sheriff werden“. Das bot sich für mich an, als Uli Rottenberg in Pension ging. Da habe ich mir gesagt, wenn ich mich jetzt nicht bewerbe, dann ist die Stelle zu für die nächsten Jahre. Ich habe mir das ein paar Tage überlegt, weil man ja auch hier aufgewachsen ist. Da habe ich zunächst Bedenken gehabt, aber das hat sich alles gut entwickelt.

Haben Sie so etwas wie Polizei-Bashing erlebt?

Kesse: Das Klima hat sich verändert, aber ich bin bis jetzt einigermaßen schadlos daraus gekommen. Aber die Leute werden aggressiver, vor allem die Leute, mit denen man zu tun hat, weil man etwas von ihnen will. Früher, wenn man etwas angeordnet hat, ist man auch auf Widerstand gestoßen, aber nicht in der Häufigkeit wie heute.

Wie erklären Sie sich das?

Kesse: Ich kann’s mir nur so erklären, dass das Leben hektischer wird, immer mehr Menschen unter Druck geraten, mit dem sie nicht klar kommen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Rettungskräfte oder Sanitäter, die eigentlich nur helfen wollen, ständig angegriffen werden. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Das gab es früher überhaupt nicht. Widerstände gab es höchstens der Polizei gegenüber, weil wir was von den Leuten wollen.

Gibt es Ereignisse in Ihrer Dienstzeit, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Kesse: Ich habe einige schwere Unfälle erlebt. Einen habe ich nie vergessen. Da war eine Person im Fahrzeug eingeklemmt, lebte aber und hat auch kurz mit mir gesprochen. Aber der saß fest und war nicht rauszukriegen. Das Fahrzeug fing an zu brennen. Die Feuerwehr war noch nicht da. Ich habe versucht, ihn zu befreien, musste dann aber zurück, weil ich sonst selbst verbrannt wäre. Und dann ist der Mann vor meinen Augen verbrannt. Das war sehr hart.

Das hätte uns doch nie einer abgekauft, wenn der uns wieder gerammt hätte… Da hätte sich doch die ganze Behörde tot gelacht.

Ralf Kesse über eine folgenreiche nächtliche Begegnung mit einem Schafbock

Gab es denn auch amüsante Erlebnisse?

Kesse: Oh ja, ich bin mal nachts mit einem Kollegen im Beckumer/Oelder Bereich Streife gefahren. Wir sind einen Wirtschaftsweg gefahren, und dann stand da auf einmal im Scheinwerferlicht nachts um zwei Uhr ein Riesenschafsbock. Um zu gucken, was macht der da, wo ist der wohl ausgebüxt, sind wir aus dem Auto raus und auf den zugegangen. Schon als wir ausstiegen, senkte er den Kopf, kratzte mit den Vorderhufen und ging dann in einem Affenzahn auf uns los. Wir beide sind, nix wie weg, in das Auto gesprungen, und dann hat der Bock unseren Wagen gerammt. Der ganze Wagen wackelte, die Scheinwerfer hat er kaputt gemacht, der Kotflügel war eingedellt. Und dann war der Bock weg. Wir mussten zurück auf die Wache und das Ganze dann ja schreiben. Das war schließlich ein erheblicher Schaden. Wir haben das also geschrieben, und da hat die Behörde doch reichlich geschmunzelt. So nach dem Motto „Was haben die sich denn da für eine Ausrede einfallen lassen?“ Das konnte man merken. Der Clou war: Ich fahre mit dem gleichen Kollegen ungefähr eine Woche später noch einmal den gleichen Weg. Und genau an der gleichen Stelle stand der alte Bock nachts wieder da und ging sofort wieder in Angriffsstellung. Wir haben sofort den Rückwärtsgang eingelegt. Das hätte uns doch nie einer abgekauft, wenn der uns wieder gerammt hätte… Da hätte sich doch die ganze Behörde tot gelacht.

Die Leute werden aggressiver, wenn man Maßnahmen treffen muss, und in meinem Alter braucht man das nicht mehr.

Ralf Kesse

Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Kesse: Ich freue mich. 46 Jahre sind genug. Die Leute werden aggressiver, wenn man Maßnahmen treffen muss, und in meinem Alter braucht man das nicht mehr. Ich habe es nie bereut, dass ich zur Polizei gegangen bin.

Auch nie dem Kameramann nachgetrauert?

Kesse: Doch, schon so ein bisschen. Das hätte ich doch ganz gerne gemacht.

Werden Sie jetzt in ein tiefes Loch fallen?

Kesse: Ich werde in kein Loch fallen. Erst einmal werde ich Zuhause sicherlich noch ein bisschen mehr eingebunden. Das hat meine Frau mir schon angedroht. Wir haben einen riesigen Garten, da ist unheimlich viel zu tun. Außerdem habe ich eine Enkelin, mit der ich sehr viel Zeit verbringe, und demnächst noch viel mehr, solange sie noch nicht in der Schule ist. Ich bin seit 40 Jahren im Kartenclub. Ich habe lange Fußball gespielt, bin aber jetzt im Bouleverein, da spielen wir dreimal die Woche. Das macht unheimlich viel Spaß.

Gibt es einen Nachfolger?

Kesse: Die Nachfolgefrage ist geregelt, aber da will ich dem Landrat nicht vorgreifen. Der Nachfolger beziehungsweise die Nachfolgerin kommt noch drei Tage zu mir, damit ich ihn/sie ordentlich einweise und auch in den Schulen vorstelle, damit er/sie einen leichteren Einstieg hat.

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