Kabarettistischer Jahresrückblick im TaW
Humor – messerscharf und schwarz

Warendorf -

Jedes Jahr müssen sie gar nicht viel tun, um Politik und Gesellschaft mit schneidender Bissigkeit auf ihren alltäglichen Wahnsinn zu prüfen: Thomas Philipzen, Harald Funke und Jochen Rüther „stornieren“, bis es quietscht.

Sonntag, 01.12.2019, 14:36 Uhr
Thomas Philipzen, Harald Funke und Jochen Rüther (v.l.) sind Storno – und wie auch andernorts Kult in Warendorf.
Thomas Philipzen, Harald Funke und Jochen Rüther (v.l.) sind Storno – und wie auch andernorts Kult in Warendorf. Foto: Axel Engels

Für viele Kabarettliebhaber ist ein Jahresabschluss ohne „Storno“ nicht denkbar. Dieser Kult breitet sich wie ein Virus immer weiter aus und befällt weite Teile der Bevölkerung Westfalens. Auch Warendorf ist davon nicht verschont geblieben, da fallen die drei Herren regelmäßig mit ihrem kultigen Exkursen in die Welt der großen und kleinen Politik ein.

Wer eine der heiß begehrten Karten für eine der beiden Aufführungen am Samstag im Theater am Wall ergattern konnte, zählte da zu den Glücklichen, die wenigstens für zwölf Monate als geheilt angesehen werden können. Thomas Philipzen , Harald Funke und Jochen Rüther haben sich besonders ins Zeug gelegt. Überaus spritzig und bitterböse, dabei jederzeit unterhaltsam präsentierten sie ihren ganz besonderen Rückblick auf die vergangenen elf Monate. Was im Dezember in der bunten Republik noch passieren mag, werden sie sicherlich bei weiteren Aufführungen einfließen lassen, schließlich geht ihre mit schwarzem Humor durchtränkte Abrechnung ja bis in den April 2020.

Wortwitz contra Wahn der Weltmächtigen

An die drei so unterschiedlichen Herren hat man sich gewöhnt, da kennt man deren Eigenarten und Vorlieben bis ins kleinste Detail. Thomas Philipzen wirbelte mit einzigartiger Körperbeherrschung über die Bühne, Jochen Rüther als akademisch dozierender Lehrmeister warf mit Fakten um sich und Harald Funke als leicht debiler Pantoffelheld verzauberte mit virtuoser Mimik jeden im ausverkauften Paul-Schallück-Saal.

Das vergangene Jahr hatte den drei Kabarettisten jede Menge Stoff für ihre wortgewaltige Kunst geliefert, stocherten sie mit Genuss in den Wunden, die sie vorher mit ihrem Seziermesser geschlagen hatten. Da blieb niemand verschont, der in dieser Zeit eine größere Schlagzeile wert gewesen war. Selbst der Brexit wirkte da wie einer Inszenierung von Monty Python entnommen. Donald Trump fand natürlich besondere Beachtung, schließlich ist solch ein außergewöhnlich bedeckter Kopf mit weltbewegender Twitter-Leidenschaft ein gefundenes Fressen für jeden Vertreter der Kabarettzunft. Putin als Drahtzieher des Weltgeschehens war dem Trio ein Dorn im Auge, den sie mit spürbarer Freude sogar musikalisch zerlegten. Wenn Thomas Philipzen zur Gitarre griff, sich Jochen Rüther am Flügel ausbreitete und Harald Funke mit einem grandiosen Lied über die im Angesicht des Klimawandels bedingte Verwandlung der Essensgewohnheiten zum „Dass ich nicht auf’n Pott kann“ glänzte, sprengte die Stimmung im Saal alle vorstellbaren Grenzen.

Orpheus in der Polit-Unterwelt

Vom „Akku-Rap“ und der von Thomas Philipzen selbst am Flügel begleiteten Ballade über den Klimawandel ging es nahtlos im Madrigal zu „Maria 2.0“ und dem Kampf gegen die Mühlen des Vatikans. Wenn die Münsteraner Weiblichkeit vor den Toren Roms aufmarschiert, müssen sich die Klerikalen ganz warm einpacken. Jongleuren gleich warfen sie sich die Stichworte zu, Abgrenzung und Parteiendebakel wurden zu wortreich inszenierten Spielbällen. Jens Spahn mit seinen Organspendenplänen bekam natürlich auch sein Fett weg. Wenn Thomas Philipzen intonierte „Ich hab’ mein Herz in Rimini verloren“, offenbarte sich der ganze Wahnsinn der Gesundheitspolitik. Da durfte Peter Maffay seiner Frau zur sommerlichen Melodie ruhig einmal jede Menge Verjüngungspillen geben. Harald Funke mutierte gar zum Zalando-Boten, um das Interesse seiner Gemahlin wieder zu erlangen. Für das Bildungsbürgertum gab es beim grandiosen Finale eine moderne Inszenierung von Orpheus in der Unterwelt, in der die Rollen der Oper jeweils Politikern zugeordnet wurden.

Unter der Maske von Darth Vader alias AKK verbarg sich die von Harald Funke so verehrte Angela Merkel, deren sinkender Stern ihm so manche Träne beschert hat. Das Publikum vergoss nur Tränen der Begeisterung für „Storno 2019“, bei dem die Zeit trotz Überlänge wie im Fluge verging und man mit einem gemeinsam gesungenen „Dirty old town“ als Hommage an Warendorf beendete.

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