Krisensitzung beim Reit- und Fahrverein: 60 Einstaller sorgen sich um ihre Pferde
Teamarbeit statt „Hollywood“

Warendorf -

„Wir werden den Reitverein und die Anlage nicht kampflos abgeben. Wir lassen uns nicht vom Hof jagen.“ Kämpferisch gab sich Georg Ettwig, Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Warendorf, am Samstagmorgen im Casino der Hans-Günter-Winkler-Reitanlage vor 60 Einstallern. Hintergrund der Krisensitzung: Josef Besselmann (Gut Emstal) stellt die Pferdepensionshaltung zum Ende des Jahres ein (die WN berichteten).

Samstag, 07.12.2019, 15:37 Uhr aktualisiert: 08.12.2019, 12:24 Uhr
Krisensitzung am Samstagmorgen im Casino der Reithalle des Reit- und Fahrvereins: 60 Einstaller waren mit dem Vereinsvorstand zusammengekommen, um nach einer Lösung zu suchen, wie ihre Pferde ab Januar versorgt werden können. Hintergrund: Josef Besselmann (Gut Emstal) stellt die Pferdepensionshaltung zum Ende des Jahres ein
Krisensitzung am Samstagmorgen im Casino der Reithalle des Reit- und Fahrvereins: 60 Einstaller waren mit dem Vereinsvorstand zusammengekommen, um nach einer Lösung zu suchen, wie ihre Pferde ab Januar versorgt werden können. Hintergrund: Josef Besselmann (Gut Emstal) stellt die Pferdepensionshaltung zum Ende des Jahres ein Foto: Joachim Edler

„Wir werden den Reitverein und die Anlage nicht kampflos abgeben. Wir lassen uns nicht vom Hof jagen.“ Kämpferisch gab sich Georg Ettwig , Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Warendorf, am Samstagmorgen im Casino der Hans-Günter-Winkler-Reitanlage vor 60 Einstallern. Hintergrund der Krisensitzung: Josef Besselmann (Gut Emstal) stellt die Pferdepensionshaltung zum Ende des Jahres ein (die WN berichteten). Während Besselmann die Kündigung zuerst mit „defizitären Zahlen“, dann aber mit einem angeblichen Sauberkeits- und Ordnungsproblem auf seinem Hof begründete, traut der Vorstand dem Braten nicht: „Man kann die Kündigung auch so interpretieren, dass man uns hier nicht will und das Leben schwer macht – dass der Verein ausbluten und am Ende seine Anlage verkaufen soll.“ Betroffen sind 60 Pferdebesitzer, gleichzeitig Mitglieder des Reit- und Fahrvereins, die ihre Vierbeiner in den Boxen auf dem ehemaligen Hof Everwand (unmittelbar an der Reithalle) gut versorgt sahen. Sie machen sich jetzt große Sorgen, wie ihre Pferde ab Januar gefüttert, auf die Weide gebracht und die Boxen ausgemistet werden. Bislang machten das Angestellte des Besselmann-Unternehmens. Und so war am Samstag guter Rat teuer, als der Vorstand des Reit- und Fahrvereins mit den Einstallern zusammenkam, um eine Lösung zu suchen. „Das kann nur gelingen, wenn wir zusammenstehen, Stallgemeinschaften bilden, jeder Verantwortung übernimmt und Arbeitskraft einbringt. Sollte aber der Egoismus die Überhand gewinnen, wird das nicht funktionieren“, so Ettwig.

Verschiedene Modelle stehen jetzt im Raum: Kurzfristig wird den Einstallern nichts anders übrig bleiben, ihre Pferde selbst zu versorgen – in Stallgemeinschaften. Hier benannte jede Stallgemeinschaft einen Ansprachpartner. Wer Aufgaben übernehmen kann, soll jetzt im kleinen Kreis geklärt werden, um am kommenden Samstag erneut in großer Runde zu tagen – bestenfalls mit Ergebnissen. Mittelfristig wurde anregt, den Service an eine hauptamtliche Kraft zu vergeben. Der Verein, das sagte der Vorstand auch ganz deutlich, werde keine hauptamtlichen Mitarbeiter einstellen. Das sei nicht Aufgabe des Vereins, der sich die Förderung des Reitens auf die Fahne geschrieben habe. Der Wirtschaftsbetrieb sei Sache der Einstaller. Und ein Pferdebesitzer machte die Rechnung auf: „200 Euro Servicekosten (inklusive Box) im Monat zahle ich für die Versorgung eines Pferdes im Monat. Das macht bei 60 Pferden 12 000 Euro. Da muss es doch möglich sein, jemanden zu finden, den

wir Einstaller gemeinsam bezahlen. Wir treten dann offiziell als Arbeitgeber auf und gründen eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR).“ Auch die Möglichkeit, das Arbeitsamt oder einen Personaldienstleister einzuschalten, wurden genannt. Vielleicht sei auch aus dem familiären Umfeld der Pferdebesitzer vorübergehend jemand bereit, mit anzupacken.

Dass die Fütterung und der Auslauf der Tiere auf der Weide in der Woche nicht von den Einstallern gestemmt werden kann, die zum Großteil alle Berufe haben, war schnell klar.

Was aber auf den Tisch kam und erschreckte: Das Sozialverhalten unter einigen Reitern. So würden es einige Einstaller nicht so genau nehmen mit der Menge an Heu und Stroh: Während ein Pferd bis zum Hals im Heu stehe, begnüge sich der andere Pferdebesitzer damit, lediglich den Boxenboden auszustreuen. Wie hier mit den Ressourcen umgegangen werde, gehe auf keine Kuhhaut, nahm Jörg Distler kein Blatt vor den Mund. Halbvoll mit Stroh gefüllte Schubkarren würden einfach im Regen stehengelassen. Nach dem Motto: Es kostet ja nicht mein Geld. Der Mann der bisherigen Service- und Organisationskraft Farina Distler legte dann auch richtig los: Auch der Umgangston gegenüber den Servicekräften lasse manchmal zu wünschen übrig. So hätten sich Angestellte bei ihm beklagt: „Ich bin doch hier nicht der Sklave. Da arbeite ich doch lieber in der Schlachterei, da ist das Klima menschlicher.“

Die Vergabe von Heu und Stroh wird in diesem Zusammenhang ein wichtiger Punkt sein, den es künftig zu klären gilt. Wird es weiter eine offene Lagerung geben, wo jeder frei zugreifen kann? Oder bekommt jeder Pferdehalter seine benötigten Ballen portioniert und zahlt je nach Verbrauch? „Alle an einem Strang ziehen – und wenn einer ausschert, muss er gehen“, war ein Vorschlag dazu.

Die Reinigung der Reitanlage ist im kommenden Jahr ebenfalls von den Mitgliedern des Reit- und Fahrvereins zu leisten, denn auch aus dieser Serviceleistung zieht sich Besselmann zurück. „Die Eigenleistung beginnt beim Gießen und endet beim Wegräumen der Pferdeäpfel der anderen“, brachte es Andreas Ridder, zweiter Vorsitzender, auf den Punkt. Die Vorstandsmitglieder seien es leid, am Ende des Tages die „Arschgeigen“ zu sein, sagte er wörtlich und prangerte ebenfalls das soziale Verhalten auf der einen und den Umgang miteinander auf der anderen Seite an. „Wir können es nur schaffen, wenn wir ein vernünftiges Sozialverhalten an den Tag legen, ein Stück Verantwortung übernehmen und im Team denken, statt den Müll vor die Box des anderen zu schieben.“ Die Fitness-Studio-Mentalität, nach der dem Nutzer nach dem Duschen noch das Handtuch gereicht werde, sei vorbei. Dem stimmte ein Mitglied zwar zu, drängte aber darauf, schnell eine Lösung zu finden: „Hollywood ist vorbei. Jetzt geht es um die Grundversorgung. Denn in 24 Tagen stehen unsere Pferde ohne Futter da.“

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