Unternehmen stellt Azubis aus Syrien ein
Maurerlehre statt lebenslänglich Mindestlohn

Freckenhorst/Hoetmar -

Wichtige Weichenstellungen finden in Hoetmar auch schon mal am Swimmingpool statt. Als sein Nachbar den neuen Pool fertiggestellt und Freunde und Helfer zum Umtrunk eingeladen hatte, kam Detlef Rosenbach, der sich im Arbeitskreis Integration vor allem um die beruflichen Perspektiven geflüchteter Menschen aus aller Herren Länder kümmert, mit den Unternehmern Andreas Künnemeyer und Rainer Freitag ins Gespräch. Die beiden Hoetmarer betreiben seit 20 Jahren in Freckenhorst ein florierendes Bauunternehmen mit mittlerweile 28 Mitarbeitern. Schon häufiger haben sie Flüchtlinge eingestellt, überzeugt davon, als Unternehmer auch eine soziale Verpflichtung zu haben, der sie sich stellen wollen.

Mittwoch, 11.12.2019, 22:00 Uhr
„Hoetmar ist ein Segen für diese jungen Menschen“, findet Detlef Rosenbach, der sich im Arbeitskreis Integration engagiert und dafür gesorgt hat, dass die Brüder Abdulbassad (2. v. l.) und Khaled (r.) Kemhia bei den aus Hoetmar stammenden Unternehmern Andreas Künnemeyer (2. v. r.) und Rainer Freitag (l.) Lehrverträge bekommen haben. Begleitet werden die Syrer von Marcel Ott (3. v. l.). Der junge Hoetmarer absolviert ebenfalls eine Ausbildung bei der Künnemeyer & Freitag Bauunternehmung in Freckenhorst.
„Hoetmar ist ein Segen für diese jungen Menschen“, findet Detlef Rosenbach, der sich im Arbeitskreis Integration engagiert und dafür gesorgt hat, dass die Brüder Abdulbassad (2. v. l.) und Khaled (r.) Kemhia bei den aus Hoetmar stammenden Unternehmern Andreas Künnemeyer (2. v. r.) und Rainer Freitag (l.) Lehrverträge bekommen haben. Begleitet werden die Syrer von Marcel Ott (3. v. l.). Der junge Hoetmarer absolviert ebenfalls eine Ausbildung bei der Künnemeyer & Freitag Bauunternehmung in Freckenhorst. Foto: Joke Brocker

Das Gespräch, in dem es hauptsächlich um einen serbischen Mitarbeiter ging, den er dem Bauunternehmen vermittelt hatte, war Rosenbach in Erinnerung, als ihn Abdulbassad (17) und Khaled Kemhia (20) fragten, ob er ihnen nicht einen Job vermitteln könne. Die jungen Syrer leben seit 2015 in Hoetmar in der ehemaligen Hausmeisterwohnung der Grundschule. Um dem Krieg in ihrer Heimat zu entgehen, in dem sie zwangsläufig Soldaten geworden wären, hatten Abdul und Khaled Eltern und Geschwister in Syrien zurückgelassen und waren mit Onkel und Tante und deren fünf Kindern nach Deutschland geflüchtet.

In Hoetmar kümmert sich seither eine Patin um die Familie. Den beiden jungen Männern, die bei ihr Deutsch lernten, attestiert sie „viel Potenzial“. Beide seien wissbegierig und willig. Abdul habe die Verbundschule in Everswinkel besucht, sein Bruder das Paul-Spiegel-Berufskolleg. Dass sie nun Geld verdienen möchten, um auf eigenen Beinen stehen zu können, verwundert die Patin nicht.

„Das ist der erste Fall, in dem zwei junge Leute in das hierzulande übliche Ausbildungsmuster passen“, freut sich Detlef Rosenbach, der bis dato immer nur ältere Flüchtlinge vermitteln konnte. Weil deren Ausbildung, wie qualifiziert auch immer sie gewesen sein mag, in Deutschland nicht anerkannt wurde, konnten die Unternehmen diese Menschen nur als einfache Arbeiter einstellen.

Abdulbassad und Khaled machte Rosenbach rasch klar, dass sie ohne Ausbildung wahrscheinlich „lebenslänglich Mindestlohn“ zu erwarten hätten. Mit einer Maurerlehre im Rücken könnten sie, sollten sie – wie ihr Onkel – eines Tages nach Syrien zurückkehren wollen, Millionäre werden. Um Millionäre zu werden, müssten die jungen Syrer nicht in ihre Heimat zurückkehren, finden Andreas Künnemeyer und Rainer Freitag , bei denen die Brüder am 30. September eine Maurerlehre begonnen haben. „Sie müssen nur was tun.“ Schon im Vorstellungsgespräch haben die Unternehmer ihren neuen Mitarbeitern klar gemacht, dass auch sie in der Schule keine Überflieger waren, auch einmal klein angefangen haben. „Ich habe nichts anderes gelernt, als das, was ihr das jetzt bei uns lernen sollt. Und der Rainer hat auch eine normale Lehre als Kaufmann gemacht“, zeigte Künnemeyer seinen Lehrlingen auf, wie wichtig gerade im Bauberuf eine abgeschlossene Lehre ist.

Damit der Einstieg in die Lehre für Abdul und Khaled etwas leichter wurde, bekam der 16-jährige Hoetmarer Marcel Ott, der bereits zum 1. August seine Lehre bei Künnemeyer & Freitag begann, den Auftrag, die beiden Syrer unter seine Fittiche zu nehmen. Er erkundete beispielsweise den Weg zum Lehrbauhof in Beckum und hilft beim Überwinden gelegentlicher Sprachbarrieren. Die drei Auszubildenden seien bei den Mitarbeitern gern gesehen. „Es gibt keinen, der morgens sagt, den musst du mir nicht mitgeben. Die haben sich alle drei gut geführt und gut mitgearbeitet. Auch beim Lehrbauhof ist man sehr zufrieden“, berichtet Andreas Künnemeyer merklich zufrieden. „Eine sinnvolle und wertvolle Hilfe“, zeigen sich die Unternehmer und Detlef Rosenbach angetan von der Rolle des Integrations-Scouts Wilhelm Wagener, der jederzeit ansprechbar sei.

„Ohne Flüchtlinge könnten viele Betriebe dauerhaft nicht aufrecht erhalten werden“, ist Andreas Künnemeyer überzeugt. „Das muss man klipp und klar sagen. Wir brauchen weiter Fachkräfte, das ist in allen Bereichen so.“ An seine strahlenden Auszubildenden gewandt meint er: „Wenn ihr mit der Ausbildung fertig seid, gehen hier wieder welche in Rente, und dann habt ihr Chancen. Handwerk hat einen goldenen Boden.“ Kompagnon Rainer Freitag ergänzt: Man sollte sich nicht von anderen blenden lassen die behaupten, dass sie nach dem Studium mehr Geld verdienen. Das wird auf Dauer nicht mehr der Fall sein. Wenn ihr euren weg geht und richtig Gas gebt im Leben, könnt ihr den Studierten zeigen, wer Geld verdienen kann und wer nicht. Das ist Fakt.“

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