Besonderer Orgelabend mit gekrönten Häuptern der Karnevalssession
Auch Bach zündete so manche Rakete

Freckenhorst -

Zu den Klängen der „Königin der Instrumente“ beschritten die gekrönten Häupter der Karnevalssession die Kirche – und Hallen

Dienstag, 25.02.2020, 15:50 Uhr aktualisiert: 25.02.2020, 17:04 Uhr
Lukas Maschke, Kirchenmusiker am Billerbecker Ludgerus-Dom, entlockte der Seifert-Orgel in der Stiftskirche Bizarres, Dunkles, Leichtes, Weltliches, Starkes, Wunderschönes und noch viel mehr.
Lukas Maschke, Kirchenmusiker am Billerbecker Ludgerus-Dom, entlockte der Seifert-Orgel in der Stiftskirche Bizarres, Dunkles, Leichtes, Weltliches, Starkes, Wunderschönes und noch viel mehr. Foto: Orgelbauverein

Das dürfte selbst für einen erfahrenen Konzertorganisten wie Lukas Maschke eine echte Premiere gewesen sein: Zu den Klängen der „Königin der Instrumente“ beschritten die gekrönten Häupter der Karnevalssession die heiligen Hallen: So geschehen am Sonntag in der Stiftskirche, als die Tollitäten samt Gefolge zum „Radetzky-Marsch“ ihre Plätze in der vordersten Reihe einnahmen. Natürlich wie es sich gehört vom rhythmischen Klatschen des Publikums begleitet. Ein schöner Einstieg in einen Orgelabend der besonderen Art, an dem weit mehr als üblich applaudiert wurde.

An Karneval darf sich die Orgel ja durchaus auch mal von ihrer heiteren, ja geradezu weltlichen Seite zeigen. Schließlich liegen ganz und gar hier, im Profanen, die Wurzeln des liturgischen Instruments. Im römischen Zirkus lieferte es die Begleitmusik zu Wettbewerben und martialischen Kämpfen. Davon ist Camille Saint-Saëns‘ „Danse macabre“ gar nicht weit entfernt.

Bizarres Kostüm

Lukas Maschke, seit 2013 Kirchenmusiker am Billerbecker Ludgerus-Dom, verpasste der Orgel das bizarre Kostüm des Sensenmanns, der seinen mitternächtlichen Spuk verbreitet – mit unerbittlichem Rhythmus, dunklem Grummeln und scharf tönenden Trompeten. Davon hat die Seifert-Orgel der Stiftskirche jede Menge zu bieten. Nicht weniger profan die mitunter derben Gesänge, mit denen Carl Orff in seinen „Carmina Burana“ das Szenario einer mittelalterlichen Dorfgemeinschaft entwirft. Diese Musik hat schon lange die ganze Welt erobert. Auf Massenchöre und ein Riesenorchester ist sie aber offensichtlich nicht unbedingt angewiesen. Lukas Maschke entfaltete nämlich auch auf der Orgel die höchst suggestiven Wirkungen dieser „Carmina“. Dabei konnte er sich ganz und gar auf seine spieltechnischen Fähigkeiten verlassen, die ihn als brillanten Virtuosen auszeichnen.

Unheilvoll dräuende Ouvertüre

Auch in der Wahl der Farben bewies er ein sicheres Händchen, ganz so wie in der finalen „Carmen-Suite“, in der all die bekannten „Ohrwürmer“ dieser Erfolgs-Oper von Georges Bizet präsentiert werden: die unheilvoll dräuende Ouvertüre, das lieblich-friedlich fließende Intermezzo, die Séguedilla – und natürlich der zackige Marsch der Toreros. Auch dieses Kostüm voller spanischen Temperaments stand der Orgel bestens.

Und was machte Johann Sebastian Bach in einem solchen Programm? Ganz klar: Auch Bach schoss, zumal in seiner „Sturm-und-Drang-Zeit“ als Mittzwanziger, mal über die bis dahin bekannten Grenzen hinaus. Wofür seine Trias aus „Toccata, Adagio und Fuge C-Dur“ ein prominentes Beispiel darstellt. Da zündet Bach so manche Rakete, haut er seinen Zuhörer überraschende Pointen musikalischer Art um die Ohren, heute nicht weniger als vor 300 Jahren. Man muss nur verstehen, sie so kühn und unverbraucht zu formulieren, wie Lukas Masche es in der Stiftskirche tat! Großer Beifall des Publikums – wofür sich der Gast aus Billerbeck mit einem improvisierten Pasticcio aus jecken Melodien bedankte.

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