David Neite wird in Neuseeland von Corona-Krise überrascht
Der Roadtrip zum „Lockdown“

Warendorf/Leithfield -

Ende Januar kam der Coronavirus erstmals in Neuseeland vermehrt in den Medien vor. Zu diesem Zeitpunkt trat der Warendorfer David Neite einem Freiwilligenarbeiter-Programm gegen Kost und Logie (wwoofing) auf der Coromandel Halbinsel an. „Noch nahmen die meisten meiner Gesprächspartner und auch ich selbst das Ganze nicht wirklich ernst“, erzählte der Warendorfer. Gemeinsam mit einem slowakischen Paar richtete er sich später auf der Farm in Leithfield häuslich ein. Unter einer Art Hausarrest zu stehen, war jedoch für Neite ein seltsames Gefühl „Seit etwa einer Woche sind wir nun hier und verbringen den Lockdown unter anderem damit, Haselnüsse zu ernten, Bäume zurück zu schneiden, Holz zu häckseln und einen „Food Forest“ anzulegen“, beschrieb er seinen Alltag während des Lockdown in Neuseeland.

Montag, 13.04.2020, 10:50 Uhr aktualisiert: 14.04.2020, 10:33 Uhr
David Neite (2. v.l) musste sich während des „Lockdowns“ in Neuseeland kurzfristig ein zu Hause suchen. Während das Land vier Wochen unter häuslicher Quarantäne steht, arbeitet er auf einer Haselnussfarm in Leithfield.
David Neite (2. v.l) musste sich während des „Lockdowns“ in Neuseeland kurzfristig ein zu Hause suchen. Während das Land vier Wochen unter häuslicher Quarantäne steht, arbeitet er auf einer Haselnussfarm in Leithfield. Foto: Rebecca Lek

David Neite stellte sich eine Abenteuerreise vor, ein Ausflug ins Unbekannte, als er im Oktober in Auckland aus dem Flieger stieg.

Ganz alleine wollte er Neuseeland erkunden und auf Frodos Spuren durch die Landschaft streifen. Auch ohne Corona gestaltete sich seine Reise abenteuerlich, denn wer Neite kennt, weiß dass er sich eher in das Abenteuer stürzt, als große Planungen anzustellen. „Im Gepäck hatte ich eigentlich nur mein Working-Holiday-Visum, etwas Erspartes und einen deutschen Reiseführer“, gestand der 22-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.

Genau dese Spontanität und Ungezwungenheit machten für ihn jedoch den Reiz der Reise aus. „Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser mangelnden Vorbereitung lockte die Vorfreude, in den kommenden Wochen und Monaten täglich neue Landschaften zu entdecken, Menschen zu treffen und Dinge zu lernen“.

Den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser erlebte der Warendorfer direkt am Anfang seiner Reise, als er in Paihia, in der sonnigen „Bay of Islands“ nördlich von Auckland, mit seinem Kajak kenterte. Zwar sollte die Tonne an Bord wasserdicht sein, sie bringt jedoch nichts, wenn sich der Deckel öffnet. Gleich zwei Smartphones und der Schlüssel des zwei Tage zuvor erworbenen Autos fanden so ihren Weg auf den Grund der Bucht. Zähneknirschend ließ der Backpacker einen neuen Funkschlüssel anfertigen und fuhr zur nächst größeren Stadt, um sich den ersten Job zu suchen. „Das Schicksal führte mich auf eine Beeren-Plantage und nach knapp einer Woche hatte ich wohl einen Funkschlüssel verdient“, scherzte Neite.

Nachdem er die Blaubeer-, Brombeer- und Kiwi-Pollen Ernte miterlebt hatte, machte er sich Mitte Januar mit deutlich gefüllteren Geldbeutel in einem chaotisch anmutenden Zickzack-Kurs über den Norden Neuseelands her.

Ende Januar kam der Coronavirus dann auch in Neuseeland bereits vermehrt in den Medien vor. Zu diesem Zeitpunkt trat Neite einem Freiwilligenarbeiter-Programm gegen Kost und Logie (wwoofing) auf der Coromandel Halbinsel an. „Noch nahmen die meisten meiner Gesprächspartner und auch ich selbst das Ganze nicht wirklich ernst. Recht unbekümmert lernte ich also bei meinem Host, einiges über Medizinherstellung und die heimische Tier- und Pflanzenwelt“, erzählte der Warendorfer.

Drei Wochen später trieb ihn die Reiselust schließlich Richtung Süden. „Im Laufe des März zog ich entlang der Ostküste von Hostel zu Hostel und erlebte, wie der Corona-Schatten langsam über das Land zog und die Pläne aller Backpacker durcheinander zu bringen drohte“, beschrieb Neite die Situation vor Ort. „Während die Nachrichten zur Krise aus Europa sich täglich überschlugen, wirkte der Alltag in Neuseeland davon lange Zeit recht unberührt“.

  Dennoch begleitete das Reisen von Tag zu Tag immer mehr eine Ungewissheit, ob und wie lange das in dieser Form noch möglich sein würde. „Einige Wochen zeitversetzt kam der Wahnsinn auch in Neuseeland an.“ Schließlich beschloss die Regierung einen vierstufigen „alert Plan“ einzuführen, der zunehmend stärkere Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus vorsah. Am Donnerstag, 23. März, ging dann alles sehr schnell. „An diesem Tag wurde alert level 3 eingeleitet und angekündigt, dass zu level 4 und dem damit verbundenen „Lockdown“ noch 48 Stunden verblieben. Für die Neuseeländer hieß das, es blieben noch zwei Tage, um sich auf mindestens vier Wochen der Isolation Zuhause vorzubereiten. Für die Backpacker im Land bedeutete es, sich möglichst schnell ein Zuhause für diese Wochen zu suchen“, erklärte der Warendorfer die Misere. Durch Glück kam er jedoch bei einem weiteren „wwoofing-Host“ unter, musste dafür aber eine knapp 8,5 stündige Autofahrt vom südlichen Te Anau hoch zu einer Hobbyfarm in der Nähe von Christchurch in Kauf nehmen. „Unterwegs habe ich zum ersten Mal erlebt, dass eine Frau live im Radio mit den Tränen kämpft, weil sich ihr letzter Einkauf als regelrechter Kampf um die letzten Nudel- und Reispackungen dargestellt hat“, erinnerte sich der 22-Jährige.

Gemeinsam mit einem slowakischen Paar richtete er sich auf der Farm in Leithfield häuslich ein. Unter einer Art Hausarrest zu stehen, war jedoch für Neite ein seltsames Gefühl „Seit etwa einer Woche sind wir nun hier und verbringen den Lockdown unter anderem damit, Haselnüsse zu ernten, Bäume zurück zu schneiden, Holz zu häckseln und einen „Food Forest“ anzulegen“, beschrieb er seinen Alltag während des Lockdown. Doch einen Zweck erfüllt die Arbeit. „Es beschäftigt und lenkt uns in dieser doch sehr neuen, seltsamen Situation ab“. Eine Woche geschafft, drei liegen noch vor ihm. „Drei Wochen des vollständigen Lockdowns liegen mindestens noch vor uns, das entspricht schätzungsweise 22 000 Haselnüssen und hoffentlich noch einigen australischen und neuseeländischen Trash-Filmen“, versucht sich der Warendorfer selber Mut zu machen.

Gleichzeitig hält er viel Kontakt zu seiner Familie und seinen Freunden in der Heimat. Hier werden natürlich die unterschiedlichen politischen Wege der Länder stark diskutiert. „Die neuseeländische Gesetzeslage wirkt auf meine Kontakte und auch auf mich etwas konsequenter und vielversprechender“, erklärte Neite. Gleichzeitig sieht er einen Vorteil in der geringen Bevölkerungsdichte, da der Kontakt zu anderen Menschen dadurch automatisch eingeschränkter ist.

Auch, wenn die Situation in Neuseeland ungewöhnlich ist, möchte der Warendorfer von der Sondermöglichkeit der Ausreise für Ausländer nicht Gebrauch machen. „Diesbezüglich habe ich mich entschlossen, in Neuseeland zu bleiben, auch durchaus länger als geplant. Wie schnell und mit welchen Einschränkungen ich wieder reisen kann, ist natürlich noch völlig offen. Allerdings bin ich auch bereit, für einen längeren Zeitraum an einem Ort zu bleiben und zu arbeiten. Das Visum gilt immerhin noch bis Oktober und bei der aktuellen Rückreisewelle wird in wenigen Wochen nicht nur viel Platz im Land sein, sondern auch ein ungewöhnlich hoher Bedarf an Arbeitskräften

 

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