Kinder aus Swensk kommen nicht
Schweren Herzens abgesagt

Milte/Müssingen -

Seit 27 Jahren organisiert die Kolpingsfamilie Milte für Kinder aus der Tschernobyl-Region Erholungsaufenthalte in Milte und Müssingen. In diesem Jahr fällt die Maßnahme aus. Wegen Corona.

Donnerstag, 16.04.2020, 18:06 Uhr aktualisiert: 17.04.2020, 18:38 Uhr
Leider wird es in diesem Sommer für die Kinder und Jugendlichen aus dem weißrussischen Swensk kein Reibekuchenplätzchen-Essen bei Hovestädt geben. Die gesamte Erholungsmaßnahme musste wegen des Corona-Pandemie abgesagt werden.
Leider wird es in diesem Sommer für die Kinder und Jugendlichen aus dem weißrussischen Swensk kein Reibekuchenplätzchen-Essen bei Hovestädt geben. Die gesamte Erholungsmaßnahme musste wegen des Corona-Pandemie abgesagt werden. Foto: Hermann Mesch

Dieser Schritt ist Claire Mesch nicht leichtgefallen: Eigentlich hätte die örtliche Tschernobyl-Initiative, die seit 27 Jahren immer vor den Sommerferien Kindern aus Swensk einen mehrwöchigen Erholungsaufenthalt in Milte und Müssingen ermöglicht, spätestens jetzt die Visa für die 16 weißrussischen Kinder, die in einigen Wochen hätten anreisen sollen, beantragen und gemeinsam mit anderen Initiativen den Busverbund organisieren müssen. Doch angesichts der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen in Deutschland und den teilweise widersprüchlichen Informationen zur gesundheitlichen Situation in Weißrussland sah sich die Sprecherin der örtlichen Initiative nun gezwungen, „die Reißleine zu ziehen“. „Schweren Herzens“, wie sie sagt. In einem Brief an die Gastfamilien, darunter eine Familie, die in diesem Sommer erstmals junge Gäste aus Weißrussland aufgenommen hätte, legt Claire Mesch ihre Überlegungen ausführlich dar. Meldungen aus Weißrussland, wonach Präsident Lukaschenko von einer „Coronavirus-Psychose“ spricht, gäben Anlass zu der Vermutung, dass die Krise dort wenig verantwortungsvoll gemanagt wird.

So erklärte Lukaschenko vor Journalisten, dass besondere Maßnahmen zur Bekämpfung nicht notwendig seien. Nachbarländer wie Litauen, Lettland oder Polen hatten zu diesem Zeitpunkt längst Quarantänemaßnahmen ergriffen.

Sollte die Pandemie bis zu den Sommerferien nicht vorüber sein, was erwartbar sei, wäre es nach Ansicht Claire Meschs unverantwortlich, Gäste aus Weißrussland einzuladen, die dann unter Umständen in Milte erkrankten und das Virus mit nach Hause in ihre Familien nähmen.

Aber auch das Risiko, dass jemand bereits infiziert aus Weißrussland nach Milte kommt, wäre zu groß. Auf der Hinreise würden im Bus weitere Personen angesteckt und in Deutschland möglicherweise die Gastfamilien. „Sollte die Pandemie bei uns noch nicht vorüber sein, was durchaus erwartbar ist, ist es unverantwortlich, Gäste aus Weißrussland zu uns einzuladen“, schreibt Claire Mesch in dem Brief an die Gastfamilien.

Zudem würden in Weißrussland, wie ein Brief des Departments für humanitäre Tätigkeit des Präsidialamtes der Republik Belarus zeigt, den die Betreuerinnen Irina und Olga, Mitarbeiterinnen der Stiftung „Freude den Kindern“, erhalten haben, derzeit „bis zur Stabilisierung der epidemiologischen Situation“ keine Visa für Kindererholungsreisen nach Europa ausgestellt. Und Polen lasse niemanden aus Deutschland in sein Land.

In ihrem Brief an die Eltern gibt Claire Mesch ferner zu bedenken, dass Wissenschaftler davon ausgehen, dass die Pandemie viele Monate dauern wird und dass es vorläufig noch keine Impfung dagegen geben werde. Darum seien Sportereignisse wie Olympia und die Fußballeuropameisterschaft, die genau in den Zeitraum der Erholungsfreizeit gefallen wären, abgesagt und auf das nächste Jahr verschoben oder abgesagt worden.

Auch andere Initiativen hätten ihre Erholungsfreizeiten für dieses Jahr bereits abgesagt, den gewohnten Busverbund könnte es daher auch nicht geben.

Per WhatsApp äußerten sich die Gastfamilien, die die Bedenken Claire Merschs teilen. Auch sie hielten die Entscheidung, die Erholungsmaßnahmen zum Schutz aller Beteiligten abzusagen, für richtig. Viele Familien hätten schon signalisiert, im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder Kinder aus Swensk aufnehmen zu wollen, berichtet Claire Mesch. Die Spenden, mit deren Hilfe die Erholungsmaßnahmen in jedem Jahr realisiert werden und die auch im zurückliegenden Jahr geflossen sind, würden, so versichert sie, auf jeden Fall bis zum nächsten Sommer auf dem Konto der Kolpingsfamilie verbleiben.

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