Giulia Wahn isst keine tierischen Produkte
„Es fällt immer leichter, vegan zu sein“

Warendorf -

Giulia Wahn ist seit vielen Jahre Veganerin. Warum sie sich für diese Lebens- und Ernährungsweise entschied, erklärt die 32-Jährige im Interview.

Sonntag, 26.04.2020, 11:54 Uhr aktualisiert: 27.04.2020, 16:38 Uhr
Giulia Wahn: „Man entdeckt immer mehr neue Sachen, CO₂-neutral, klimaneutral und nachhaltig. Das öffnet dir eine kulinarische Welt, die so viel bunter ist, die so viel mehr Geschmack hat, so viel würziger ist, als ständig Kartoffeln mit Sauerbraten.“
Giulia Wahn: „Man entdeckt immer mehr neue Sachen, CO₂-neutral, klimaneutral und nachhaltig. Das öffnet dir eine kulinarische Welt, die so viel bunter ist, die so viel mehr Geschmack hat, so viel würziger ist, als ständig Kartoffeln mit Sauerbraten.“ Foto: privat

Hinter dem Wort Veganismus verbirgt sich eine aus dem Vegetarismus hervorgegangene Einstellung, Lebens- und Ernährungsweise. Vegan lebende Menschen meiden alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs oder lehnen generell die Verwertung tierischer Produkte und die Ausbeutung der Tiere ab. Ethisch motivierte Veganer achten auch bei Kleidung und anderen Waren darauf, dass diese frei von Tierprodukten sind und ohne Tierversuche hergestellt wurden. Veganerin ist seit einigen Jahren auch Giulia Wahn (32). Joke Brocker, Redakteurin dieser Zeitung, hat mit der in Raestrup lebenden Sängerin gesprochen.

 

Vegetarier zu sein, ist das eine, vegan zu leben ist noch radikaler. Wie bist du zum Veganismus gekommen?

Wahn: Als ich zum ersten Mal aufgehört habe, Eier zu essen, war ich zwölf, weil ich von Aktivisten in Münster in der _Stubengasse ein Video gezeigt bekommen habe, das zeigte, wie Küken geschreddert werden. Das ist 20 Jahre her. Als ich sah, wie 3000 Hühner auf 200 Quadratmetern gehalten werden, habe ich angefangen zu heulen und gesagt „Ich esse keine Eier mehr.“ Das war der erste Schritt. Ich habe mir gesagt, wenn ich keine Eier mehr esse, darf ich auch kein Hühnerfleisch mehr essen. Und wenn ich kein Hühnchen mehr esse, dann sollte ich auch kein Schwein essen. So ging das los. Aber dann hatte ich mit 15 einen Freund, der viel gegrillt hat . . . Mit 22 bin ich vegetarisch geworden, habe aber immer noch meinen Kaffee mit Milch getrunken, bis ich vor fünf Jahren komplett umgestiegen bin zum Veganismus.

Gab es da so eine Art Aha-Erlebnis?

Wahn: Das Aha-Erlebnis war der Film „Earthlings“, den ich als 23-Jährige gesehen habe. Das ist im veganen Lifestyle einer der bekanntesten Filme, der in fast drei Stunden alle Themen der Welt angesprochen hat, in denen Tiere für Entertainment oder Konsum missbraucht werden. An dem Tag hat sich mein Leben geändert. Bis dahin war ich vegetarisch. Es ging dann schleichend. Ich habe kein Fleisch mehr gegessen, keinen Käse mehr, nur ab und zu mal einen Schluck Milch getrunken, auch mal einen Kuchen mit Eiern gegessen. Ich habe aufgehört Pelz, Daunen, Alpaka oder Merinowolle zu tragen oder Produkte zu nutzen, bei deren Herstellung Tierversuche gemacht werden. Ich habe einfach immer mehr weggelassen, bis ich vor zwei, drei Jahren richtig aktiv geworden bin im Veganismus. Es werden auch immer mehr Filme zum Thema gezeigt. Es gibt so viel Input, es fällt immer leichter, vegan zu sein.

Wenn du auf Nahrungsmittel tierischen Ursprungs verzichtest, brauchst du im Sinne einer ausgewogenen Ernährung doch Alternativen.

Wahn: Ich habe herausgefunden, dass es für alles einen Ersatz gibt, und das bedeutet nicht, dass es ein Verzicht ist oder dass dieser Ersatz nicht gleich gut schmecken kann. Wenn du auf Honig verzichtest, heißt das nicht, dass Agavendicksaft, der Ersatz, schlecht schmeckt. Ganz im Gegenteil. Ich habe auf einmal eine kulinarische Welt entdeckt. Der Gang durch Denns Biomarkt ist für mich wie ein Ostereiersammeln. Man entdeckt immer mehr neue Sachen, CO₂-neutral, klimaneutral und nachhaltig. Das öffnet dir eine kulinarische Welt, die so viel bunter ist, die so viel mehr Geschmack hat, so viel würziger ist, als ständig Kartoffeln mit Sauerbraten. Ich habe angefangen, vegan zu kochen und experimentiere mit Seidentofu statt Eiweiß und Eigelb, mit Chia-Samen, mit Algen, mit Tapioka-Samen.

Ist es nicht sehr aufwendig, sich vegan zu ernähren, gerade wenn man beruflich so viel unterwegs ist wie du es bist?

Wahn: (lacht) Es gibt auch vegane Dosen. Ich habe immer meine Hafermilch dabei, meinen veganen Käse.

Und es gibt sogar veganes Fleisch!

Wahn: Und das schmeckt so gut.

Aber warum braucht ein Veganer veganes Fleisch?

Wahn: Es geht nicht um das Fleisch. Es ist die Gewürzmischung, es ist der Geruch, es ist die Konsistenz, aber nicht der Gedanke, ich esse jetzt ein Ferkel. Warum Spaghetti bolognese, wenn man theoretisch auch Spaghetti-Soja bolognese essen könnte? Der Geschmack ist derselbe, du sparst CO₂ ein, du tötest kein Tier, niemand hat für dich gelitten. Du kannst Sojaprodukte aus regionalen Gebieten kaufen. Auf einmal ist das Gewissen ein anderes, und es geht dir auch noch besser.

Ist es schwierig, Restaurants zu finden, die auf Veganer eingestellt sind?

Wahn: In Münster poppen inzwischen so viele Lokale auf, die veganes Essen servieren. Es gibt sogar ein sehr bekanntes, gutbürgerliches Restaurant, das es sich zum Ziel gesetzt hat, bis zum Jahresende die halbe Karte vegan gemacht zu haben. Die wollen nicht nur missionieren, sondern die Gäste bewegen, doch mal was anderes auszuprobieren.

Du selbst bist aber nicht militant-missionierend unterwegs?

Wahn: Nicht mehr. Ich habe anfangs sehr mit der Ignoranz vieler Menschen zu kämpfen gehabt, die das alles nicht sehen und wissen wollen oder sagen „Das Fleisch liegt doch schon in der Theke, wenn ich es nicht esse, wird es doch weggeworfen“. Damit musste ich mich sehr auseinandersetzen und war sehr militant. Je weniger militant ich durchs Leben gehe, desto mehr Leute erreiche ich. Man muss einfach ins Gespräch kommen. Das ist subtiler.

Oder andere mal bekochen .  . .

Wahn: Genau. Meine Großeltern aus Berlin waren letztens da. Die glauben, sie kochen vegan oder vegetarisch, wenn kein sichtbarer Speck im Nudelauflauf ist. Ich habe den beiden, sie sind beide Mitte 80, einen veganen Süßkartoffel-Kichererben-Kokos-Curry-Wok gemacht. Mit Reis. Die zwei, die normalerweise abends nur ein Tellerchen essen, haben vielleicht reingehauen. Sie waren begeistert. Am nächsten Tag waren wir vegan frühstücken.

Hast du keine Angst vor Mangelerscheinungen?

Wahn: Ich bin sehr sensibel, was meinen Körper betrifft. Wenn es mir nach einer Gulaschsuppe schlechter geht als nach veganer Ratatouille, will mir mein Körper doch wohl was sagen. Ich supplementiere bei Bedarf Vitamin B 12. Was viele Menschen nicht verstehen, ist, dass das Tier in der Massentierhaltung Mittelsmann ist. Das Tier frisst vegan – wenn es nicht Fischmehl zu fressen bekommt. Der Verbraucher denkt, dass Fleisch Vitamine und Kalzium enthält. Aber heutzutage bekommen Tiere in der Massentierhaltung Vitamin B12 supplementiert, weil sie so schlecht ernährt werden. Warum also nicht auf den Mittelsmann verzichten und selbst Vitamin B12 supplementieren? Ich lasse mich außerdem einmal im Jahr grundimmunisieren. Der Körper kann dann ein Jahr lang von den vollen Eisenspeichern zehren. Natürlich esse ich Brokkoli, weil Eisen, Spinat, weil Eisen, Nüsse, weil Proteine. Ich achte schon auf eine ausgewogene Ernährung. Aber es geht mir nicht besser, weil ich kein Fleisch esse, sondern durch den veganen Lifestyle. Ich hatte früher trotz des Fleischkonsums mehr Mangelerscheinungen als heute.

Auch du nutzt moderne Kommunikationsmittel wie PC und Handy. Wie gehst du damit um, dass diese Geräte tierisches Cholesterin enthalten, das aus den Zellmembranen von Tieren gewonnen wird ?

Wahn: Das ist eine Frage, die auch unter Veganern diskutiert wird. Genau wie die Frage, ob man Lederschuhe, die alte Ledertasche oder den alten Pullover aus Wolle noch tragen darf. Wir sind leider abhängig von technischer Kommunikation. In manchen Bereichen mache ich Abstriche zu 100 Prozent, in manchen nicht. Bei Kosmetika zum Beispiel achte ich darauf, dass sie ohne Tierversuche produziert sind. Du kannst Bereiche, wo es dir nicht wehtut, zu 100 Prozent einsparen. Wo  es nicht geht, probierst du es halt zu 80 Prozent. Wer nicht komplett auf Fleisch verzichten möchte, versucht dann eben, es nur zweimal die Woche zu essen. Natürlich habe ich auch meine Leichen im Keller. Aber ich versuche, nicht zwölf, sondern nur noch zwei Leichen im Keller zu haben. 100 Prozent ist extrem schwierig und in meinem Beruf nicht zu 100 Prozent möglich.

Du trägst Plastikschuhe statt Leder?

Wahn: Auch das ist ein großer Konflikt. Plastikschuhe werden aus Erdöl produziert, das importiert wird. Da muss man sich schon fragen, ob der CO₂-Weg nicht schlechter ist für die Natur und ob man dann nicht besser Schuhe aus Leder trägt. Ich persönlich trage meine alten Lederschuhe auf und versuche dann hochwertige Kunststoff-Produkte zu finden. Im Sommer laufe ich barfuß oder trage vegane Birkenstock.

Und bei Auftritten? Du bist schließlich Sängerin.

Wahn (lacht): Ich hab‘ so viele Pumps gekauft in meinem Leben, ich bräuchte keine neuen mehr kaufen. Aber natürlich verfalle auch ich immer mal wieder dem Konsum und kaufe Schuhe. Auch mal aus Plastik. Niemand kann absolut leben in dieser Gesellschaft. Aber man kann mal auf das eine oder andere verzichten und sich fragen, ob man den achten schwarzen Pullover wirklich braucht. Aus Umweltgründen verzichte ich seit diesem Jahr auch zu 100 Prozent auf Inlands-Flüge.

Du bist im Tierschutz aktiv. Eine logische Konsequenz des Veganismus?

Wahn: Das Tierleid sehen und das tierfreundlich sein, war schon immer da. Aber ich habe die Zusammenhänge als 16-Jährige nicht gesehen. Das ist das, was wir kritisieren, dass der Zusammenhang nicht mehr da ist, dass die Leute nicht mehr wissen, was ihre Ernährung mit dem Klima zu tun, was das CO₂ mit ihrem Steak zu tun hat. Die Bärchenwurst sieht super aus und die will das Kind unbedingt haben, aber die Mutter erklärt dem Kind nicht, was es isst. Was mich wirklich ankotzt ist, dass man über viele Dinge nicht Bescheid weiß. Dass Wein unter anderem mit Hilfe von Gelatine gefiltert wird, dass Laugenbrötchen und einige Sauerteigbrote mit Gelatine bepinselt werden und damit nicht vegan sind, oder dass Weichspüler Schlachtabfälle enthalten, die, weil das moralisch, ethisch, kommerziell natürlich nicht gut klingt, als kationische Tenside deklariert werden.

Glaubst du, dass künftig immer mehr Menschen auf Geschmack kommen und vegan werden?

Wahn: Ja, vor allem durch die Generation, die jetzt diesen Trend lebt und auch dank Facebook und Instagram, wo es hip ist, vegan zu sein. Die infizieren die Freunde, die dann zum Beispiel Weihnachten kein Fleisch mehr essen und ihre Eltern zum Umdenken bewegen, die dann auch das vegane Essen probieren. Das fängt bei meiner Familie an. Meine Mutter und meine Schwester essen vegan, mein Vater inzwischen auch. Und auch die Freunde meines Freundes essen inzwischen vegan. Das läuft nicht über den militanten, extremistischen, krassen Weg, sondern vielmehr durch das „Probier doch mal“.

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