Krüßing im Zeichen von Corona
Miniprozession ohne Gemeinde

Freckenhorst -

Am Ende eines ungewöhnlichen Krüßing-Gottesdienstes, dem eine nicht weniger ungewöhnliche Miniprozession vorangegangen war, dankte Pfarrdechant Manfred Krampe den etwa 70 Teilnehmern für deren Mut, sich trotz der Corona-Pandemie in den ersten Gottesdienst nach langer Zeit gewagt zu haben. Die Besucher, die sich strikt an alle Hygiene- und Abstandsgebote gehalten hatten, dankten ihrerseits mit Applaus.

Sonntag, 03.05.2020, 20:31 Uhr aktualisiert: 03.05.2020, 20:50 Uhr
Pfarrdechant Manfred Krampe und Pfarrer Stefan Döhner beim Aufbruch zu einer ungewöhnlichen Krüßing-Prozession.
Pfarrdechant Manfred Krampe und Pfarrer Stefan Döhner beim Aufbruch zu einer ungewöhnlichen Krüßing-Prozession. Foto: Joke Brocker

Video-Gottesdienste, da waren sich Pfarrdechant Manfred Krampe und sein evangelischer Amtsbruder Stefan Döhner einig, können den direkten Kontakt zur Gemeinde nicht ersetzen. Und so war der 3. Mai, der Tag des alten Kreuzauffindungsfestes, in gewisser Weise ein Tag der Freude, wurde doch nach Wochen wieder ein durch volles Geläut angekündigter Gottesdienst in der Stiftskirche gefeiert, an dem zumindest ein Teil der Gemeinde teilnehmen durfte, und das nicht nur virtuell.

Ordner begrüßten die rund 70 angemeldeten Gemeindemitglieder am Kirchenportal. Ein jeder hatte sich die Hände zu desinfizieren und wurde dann zu seinem Sitzplatz geleitet. Dieser in jeder Hinsicht besondere Gottesdienst, in dessen Mittelpunkt die Predigt von Pfarrer Stefan Döhner stand, wurde von Pater Joshy, Monika Gruhn (Lesungen und Fürbitten), Ruth Bettels (Sopran) und Christian Bettels (Orgel) mitgestaltet.

Pfarrdechant Manfred Krampe berichtete von dem Prozessionsweg, den er und Stefan Döhner am Morgen alleine beschritten hatten. Krampe hatte dabei das Freckenhorster Kreuz, Döhner die Heilige Schrift durch die wie leer gefegt wirkenden und zurückhaltend mit Krüßingfahnen geschmückten Straßen der Stiftsstadt getragen. Vereinzelt standen Anwohner, den gebührenden Abstand wahrend, am Straßenrand. Die gräfliche Familie hatte vor dem Schloss einen kleinen Altar aufgebaut, auch auf der kleinen Grünfläche am Wörden-Pättken hatten Anwohner das Freckenhorster Kreuz mit Blumenschmuck dekoriert und Fähnchen aufgestellt.

Besonders sehnsüchtig erwartet wurden die Geistlichen von den Bewohnern der beiden Seniorenheime. Krampe und Döhner umrundeten beide Häuser, segneten die zumeist hinter den Fenstern stehenden oder sitzenden Bewohner und riefen ihnen ein aufmunterndes „Haltet durch“ zu. „Wir sind den Prozessionsweg gegangen, nicht weil uns ein Kreuz auferlegt wird in dieser Zeit, sondern weil wir auch das Kreuz suchen und gefunden haben, weil es nicht nur unser alltägliches Leben durchkreuzt, sondern wir haben ein Kreuz getragen, das uns auf jemanden hinweist, der uns in der Hoffnung stärkt, der uns Leben verheißt, nicht den _Tod. Wir sind mit dem Kreuz und mit der Heiligen Schrift gegangen, weil wir das Kreuz nur wirklich deuten können, wenn wir das Zeugnis, die Verkündigung der heiligen Schrift in uns aufnehmen“, bemerkte Krampe später im Gottesdienst. Das Kreuz sei ein Zeichen, in dem Gott seine Liebe bis ins Extremste gezeigt habe.

Mit einer Zeile aus „White Christmas“ von Bing Crosby, der an diesem 3. Mai 116 Jahre alt geworden wäre, begann die Predigt von Pfarrer Stefan Döhner. Dieses Lied, das die Menschen in guten wie in schweren Zeiten zum Träumen bringe, treffe eine Ur-Sehnsucht des Menschen, befand er, den Wunsch nach Sicherheit und himmlischer Geborgenheit. Jesus habe bei den Menschen seiner Zeit genau bemerkt, dass sie Wesen waren, die zweierlei brauchten. Eine Art Zuhause-Gefühl und eine Tür als Zugang zu einem unentdeckten Land, zur Zukunft. „Das was mich den heutigen Tag überleben lässt, die Gewissheit, dass morgen ein neuer Tag kommen wird“, bemerkte Döhner. In der Corona-Zeit sei vielen das Zuhause-Gefühl abhanden gekommen, obwohl sie paradoxerweise viel mehr Zeit zuhause verbringen müssten.

In dieser Situation falle auf, dass man, wenn man an die Zukunft denke, auch andere brauche. „Wenn wir an andere denken, muss ich an Zukunft denken, an Verantwortung, wie ich sie für mich und andere wahrnehme“, sagte Döhner. Die Menschen spürten deutlich, dass sie auf einmal nicht mehr das Maß aller Dinge seien, dass es etwas Größeres gebe, vor dem man sich nicht schützen könne. Was uns leben lasse, seien „Gemeinschaft und die Verantwortung für eine Zukunft, aber auch, dass es jemanden gibt, der mir verspricht, du hast auch eine Zukunft.

Beim Besuch der Seniorenheime hatte Döhner Menschen gesehen, die zwar in der Isolation alles haben, sogar Menschen, die mit ihnen sprechen, denen aber doch etwas fehle, das Gefühl, noch ein Teil von etwas Größerem, dieser Gesellschaft, zu sein. Es gebe zwar kein Recht, aber doch die Hoffnung und Sehnsucht nach Kontakt und Liebe. „Vielleicht“, so Döhner, „ist es auch der Preis von Kontakt, dass, wenn ich etwas gegeben bekomme, mir etwas genommen wird. Aber in der Gewissheit, dass so lange es in einer großen Gemeinschaft geschieht, ich niemals allein sein werde.“

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