Vor 75 Jahren: Ende des Zweiten Weltkriegs in Warendorf
Der Tag der weißen Betttücher

Warendorf -

Am 8. Mai 1945 standen die Geschütze endlich still: Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete der Weltkrieg. Und in Warendorf? In den Warendorfer Schriften hat der Heimatverein die Aufzeichnungen des damaligen Stadtrendanten Theodor Lepper veröffentlicht.

Freitag, 08.05.2020, 00:00 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 05:04 Uhr
Die alte Emsbrücke vor 1945: Bei der Sprengung am Ostermontag 1945 wurde sie in Teilen zerstört.
Die alte Emsbrücke vor 1945: Bei der Sprengung am Ostermontag 1945 wurde sie in Teilen zerstört. Foto: Warendorfer Schriften

„Der Stadtrentmeister Theodor Lepper leitete seit den 1920er Jahren die Stadtkasse. Er war ein sehr verantwortungsbewusster Beamter, und als geborener Warendorfer fühlte er sich seiner Heimatstadt in besonderer Weise verpflichtet. In den letzten Kriegstagen, kurz vor der alliierten Besetzung, musste er „als Rang ältester Beamter der Stadt die Amtsgeschäfte der Stadtverwaltung übernehmen“, denn am 31. März 1945, es war Karsamstag, hatten Landrat Gerdes und Bürgermeister Haase in Sanitäter-Uniformen die Stadt fluchtartig verlassen.

Bei einem Angriff auf Warendorf werden Sie jetzt entscheiden müssen.

Der damalige Bürgermeister Haase an Stadtrendant Theodor Lepper

„Das Schicksal der Stadt liegt jetzt in ihrer Hand. Bei einem Angriff auf Warendorf werden Sie jetzt entscheiden müssen. Bedenken Sie dabei aber, dass eine eventuelle Besetzung der Stadt nur kurze Zeit dauern wird, denn vom Teutoburger Wald aus, wo erhebliche Truppenverbände bereit stehen, erfolgt der Rückschlag.“ Mit diesen Worten hatte Bürgermeister Haase die Verantwortung für die Stadt dem Stadtrendanten Theodor Lepper übertragen.

Viele Bürger verließen die Stadt und brachten sich auf Bauernhöfen in Sicherheit. Jetzt, als alles kopflos und führungslos war, fasste Lepper den Entschluss, sich für seine Vaterstadt einzusetzen und sie nicht zu verlassen.

Theo Lepper reagierte umsichtig und klug. Als erstes ließ er die am Münstertor bei der Gaststätte Höner angelegten Panzergräben beseitigen, denn damit wäre den anrückenden Truppen die Verteidigungswilligkeit der Stadt Warendorf signalisiert worden. Um sich mit den alliierten Truppen

verständigen zu können, bat Lepper Oberstudienrat Blum, sich als Dolmetscher bereit zu halten. Auch Blum erkannte den Ernst der Lage und willigte sofort ein. In der Polizeistation im Rathaus wurde eine ständige Wache eingerichtet. Hier bezog Stadtrendant Lepper sein Standquartier.

Um 17.30 Uhr hing die erste weiße Fahne

Etwa gegen 17.30 Uhr hängte Kathrinchen Wonnemann am Haus Markt 12 eine weiße Fahne aus dem Fenster – und schnell wurden viele weiße Fahnen, sprich weiße Betttücher, in der ganzen Stadt gehisst. Der Schreinermeister Heinrich Webbeler kletterte in den Turm der Laurentiuskirche und machte mit der weißen Fahne weit sichtbar, dass Warendorf sich nicht verteidigen will. Dieses Zeichen der Ergebung wurde von zwei alliierten Aufklärungsfliegern, die gegen 18.30 Uhr über die Stadt flogen, verstanden, und die vier Bomber drehten wieder ab. Die Zerstörung Warendorfs war abgewendet.

Die weißen Fahnen wollte der zuständige Offizier der Waffen SS jedoch nicht dulden. Die Warendorfer weigerten sich, sie einzuziehen. Als aber der Hauptsturmführer drohte, die Häuser zu beschießen, wurden die weißen Fahnen dann doch eingezogen. Die SS wollte noch „jede Straße, jedes Haus, jede Treppenstufe“ verteidigen. Zwei Lastwagen mit SS Truppen trafen in Warendorf ein und besetzten alle strategisch wichtigen Punkte. Der übereifrige Hauptsturmführer, der die Befehle gegeben hatte, wurde noch in derselben Nacht bei einer Erkundungsfahrt nach Hoetmar verwundet und gefangen genommen. Sein Adjutant wurde durch Schüsse aus einem Panzerspähwagen getötet.

SS wollte noch gegen anrückende Amerikaner kämpfen

Jetzt übernahm ein junger Leutnant, der nicht so fanatisch war, die Führung der SS Truppen in der Stadt. Ein Glück für Warendorf. Der folgende Ostersonntag war ruhig, die meisten Warendorfer hatten ihre wichtigste Habe auf Bollerwagen und Fahrräder gepackt und waren in die Bauerschaften geflohen, um den Gefahren einer Beschießung zu entgehen.

Am Ostermontag kam ein Pionierkommando nach Warendorf, das den Auftrag hatte, die Emsbrücken zu sprengen. Alles wurde für die Sprengung vorbereitet. Theo Lepper versuchte, sie von dem Vorhaben abzubringen, was ihm aber nicht gelang. Es wird erzählt, dass in der Zwischenzeit zwei mutige Warendorfer unter den Brücken die Zündschnüre durchgeschnitten hätten. Eine heroische Tat, denn die Brücken wurden streng bewacht.

Als der Führer des Sprengkommandos am Ostermontag gegen 11.30 Uhr das Signal zur Sprengung gab, fiel nur ein Teil der dreibogigen Emsbrücke der Detonation zum Opfer. Die Brücken an der Gartenstraße und die Teufelsbrücke kamen ohne Schaden davon. Die städtische Wasserleitung und das Dachgeschoss des Hauses Wulff erlitten schwere Schäden. Fast alle Fensterscheiben der umliegenden Häuser und in der Firma Brinkhaus gingen zu Bruch.

Brückensprengung scheiterte weitestgehend

Am Osterdienstag kam gegen 10.15 Uhr die Meldung, dass amerikanische Truppen soeben in Warendorf eingerückt seien und an der Ecke Münsterstraße/Freckenhorster Straße bei Pletzer stünden. Stadtrendant Lepper ging eilig zum Kommandanten der amerikanischen Truppe und brachte ihn zum inzwischen installierten Bürgermeister, dem Fabrikanten und 1. Beigeordneten Schmücker. Mit Hilfe von Oberstudienrat Blum als Dolmetscher gab der Kommandeur der amerikanischen Truppe den Bürgern von Warendorf die Anweisung, dass die Straßen sofort zu räumen seien. Ein Ausgang war nur von 9 bis 12 Uhr zum Einkauf der nötigen Lebensmittel erlaubt. Der Verkauf von Spirituosen wurde sofort verboten.

Mit Hilfe von Bürgermeister Schmücker, Stadtrendant Lepper, dem Standortältesten Oberst Winkel und Oberstudienrat Blum gelang es, in diesen ersten kritischen Tagen Ruhe und Ordnung zu bewahren und einen reibungslosen Umgang mit der Besatzungsmacht zu erreichen. Es ist in nicht unbeträchtlichem Maße der Umsicht und dem Mut des Stadtrendanten Theo Lepper zu verdanken, dass Warendorf das Kriegsende so glimpflich überstanden hat. Dafür sind wir ihm sehr zu Dank verpflichtet.“

 

Quelle: Theo Lepper: Die letzten Tage des 2. Weltkrieges in Warendorf; in: Warendorfer Schriften 6/7, 1977, S. 155-159, und Berichte von Zeitzeugen

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