Wald- und Wiesenkonzert
Win-win-Situation für Senioren und Künstler

Freckenhorst -

„Der Onkel Doktor hat gesagt, ich darf nicht küssen“: Kein Warnhinweis in Corona-Zeiten, sondern ein Hit aus den späten 30er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts, mit dem Mike Rafalczyk und die „Goldenen Syncopators“ aus Wuppertal am Mittwochnachmittag etwa 70 Bewohner des Seniorenheims Dechaneihof St. Marien anlässlich eines ganz besonderen Freiluftkonzertes erfreuten.

Montag, 25.05.2020, 07:47 Uhr aktualisiert: 25.05.2020, 13:28 Uhr
„Die goldenen Syncopators“ aus Wuppertal unterhielten die Bewohner des Dechaneihofes St. Marien beim Wald- und Wiesenkonzert mit Swingmusik aus den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sänger und Posaunist Mike Rafalczyk Martin Langer (Kontrabass und Sousaphon) und Uwe Rössler (Piano) spielten auf der Bonsai-Bühne von Sebastian Netta.
„Die goldenen Syncopators“ aus Wuppertal unterhielten die Bewohner des Dechaneihofes St. Marien beim Wald- und Wiesenkonzert mit Swingmusik aus den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sänger und Posaunist Mike Rafalczyk Martin Langer (Kontrabass und Sousaphon) und Uwe Rössler (Piano) spielten auf der Bonsai-Bühne von Sebastian Netta. Foto: Joke Brocker

„Der Onkel Doktor hat gesagt, ich darf nicht küssen“: Kein Warnhinweis in Corona-Zeiten, sondern ein Hit aus den späten 30er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts, mit dem Mike Rafalczyk und die „Goldenen Syncopators“ aus Wuppertal am Mittwochnachmittag etwa 70 Bewohner des Seniorenheims Dechaneihof St. Marien anlässlich eines ganz besonderen Freiluftkonzertes erfreuten. Die Hausleitung hatte sich erfolgreich um eines der „Wald- und Wiesenkonzerte“ beworben, die Sebastian Netta anbietet. Schon seit einigen Jahren organisiert der in der Musikszene international vernetzte Münsteraner gemeinsam mit anderen Künstlern Konzerte in der Natur, im Wald oder auf der Wiese, am See oder an anderen malerischen Plätzen des Münsterlandes. Ohne Strom und Verstärker, ohne Stress und ohne Hype. Die Bühne mit Tinyhouse-Maßen bringt Netta praktischerweise gleich mit.

Eigentlich hätten in diesem Jahr in der Konzertreihe „Kultur & Alter“ einige anspruchsvolle Konzerte speziell für ein älteres Publikum auf der Bonsai-Bühne stattfinden sollen. Doch dann kam das Virus. Wochenlange Isolation bedeutete das für die Senioren, Auftrittsverbot und Existenzangst für die Künstler. Sebastian Netta wandelte die ursprüngliche Projekt-Idee ein wenig ab, indem er über einen Zeitungsartikel ländlich gelegenen Seniorenwohnheimen anbot, sich um ein Nachmittagskonzert unter freiem Himmel und mit Abstand zu bewerben. Weil das Land dieses Projekt fördert, fielen für die Einrichtungen keine Kosten an. Gleichwohl erhielten die Musiker annehmbare Gagen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Neben dem Dechaneihof St. Marien meldete sich eine ganze Reihe von Interessenten. „Das ist hier heute unsere elfte Station“, freute sich Netta am Mittwoch über einen vollen Terminkalender und stellte in Aussicht, dass die Konzertreihe gerne fortgesetzt werden könnte, vorausgesetzt, es fänden sich weitere Sponsoren.

Während auf der Bonsai-Bühne im Frack und mit auf Hochglanz polierten Schuhen Mike Rafalczyk (Gesang und Posaune), Martin Langer (Kontrabass und Sousaphon) und Uwe Rössler (Piano) das Publikum musikalisch in die Goldenen Zwanziger Jahre sowie in die 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts entführten, erläuterte Netta das Konzept seiner Arbeit.

„Bei vielen Musikveranstaltungen geht es um das pure Event“, sagt er. „Alles muss größer, lauter und aufregender sein. Das ist okay. Ich möchte mit meiner Musik aber etwas anderes erreichen, als Sensationslust und Bierseligkeit zu bedienen.“ Für ihn und seine Kollegen gehe es beim Musizieren darum, sich auf etwas einzulassen, mit etwas in Verbindung zu kommen – mit der Musik, mit den Zuhörern und mit der Umgebung.“

Wie gut das funktionieren kann, zeigte sich am Mittwoch während des von Mike Rafalczyk moderierten Swing-Konzertes. Die Musikrätsel, die der Musiker, der selbst in eine Senioreneinrichtung arbeitet, aufgab, hatten die Senioren selbstverständlich schon beim Anspielen des ersten Taktes gelöst: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, riefen sie spontan und schmunzelten wissend, als Rafalczyk die jüngere Generation darüber aufklärte, dass in „Veronika, der Lenz ist da“ mitnichten das königliche Frühjahrsgemüse besungen werde, wenn vom wachsenden Spargel die Rede sei. Tatsächlich handele es sich um ein sehr frivoles Lied. Und Frivolitäten seien Ferkeleien in netter Verpackung. Die Senioren hatten ganz offensichtlich ihren Spaß daran. „Die beiden sind unglaublich“, freute sich Sebastian Netta über ein Paar, das es sich auf einer Bank bequem gemacht hatte und textsicher jede Liedzeile mitsang, darunter auch jene, die in Corona-Zeiten wohl für viele Menschen noch lange ein unerfüllter Wunsch bleiben wird: „Küss mich, bitte bitte küss mich.“

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