Anna Menke erlebt in der Sozialberatung alle Facetten
Abrutschen in die Armut

Warendorf -

Für rund 400 neue Klienten im Jahr ist die Allgemeine Sozialberatung beim SKM – Katholischer Verband für soziale Dienste im Kreisdekanat Warendorf – die erste Anlaufstelle. Es werden immer mehr, und das liegt weniger an den aktuellen Corona-Problemen mit Kurzarbeit und Jobverlust. Sozialpädagogin Anna Menke hängt nach acht Jahren längst nicht mehr der Illusion an, dass die Not mit Sozialleistungen aufgefangen wird.

Samstag, 17.10.2020, 12:27 Uhr aktualisiert: 18.10.2020, 10:00 Uhr
Anna Menke hat in der Allgemeinen Sozialberatung des SKM einen tiefen Einblick in die Armutslage in Warendorf. Die Sozialpädagogin hängt nach acht Jahren längst nicht mehr der Illusion an, dass die Not mit Sozialleistungen aufgefangen wird.
Anna Menke hat in der Allgemeinen Sozialberatung des SKM einen tiefen Einblick in die Armutslage in Warendorf. Die Sozialpädagogin hängt nach acht Jahren längst nicht mehr der Illusion an, dass die Not mit Sozialleistungen aufgefangen wird. Foto: Harald Westbeld/Caritas Münster

Wer auf dem Marktplatz in Warendorf vor der Kulisse der stolzen Giebel der Kaufmannshäuser eine Tasse Kaffee trinkt, für den könnte der Gedanke an Armut in der Stadt kaum ferner sein. Aber nur wenige Meter weiter hinter der Laurentius-Kirche erlebt Anna Menke in ihrem Büro all deren Facetten. Ob Schulden, Obdachlosigkeit oder Krankheit – Ursachen, arm zu werden und nur schwer wieder herauszufinden, gibt es viele.

Für rund 400 neue Klienten im Jahr ist die Allgemeine Sozialberatung beim SKM – Katholischer Verband für soziale Dienste im Kreisdekanat Warendorf – die erste Anlaufstelle. Es werden immer mehr, und das liegt weniger an den aktuellen Corona-Problemen mit Kurzarbeit und Jobverlust.

Anna Menke hängt nach acht Jahren längst nicht mehr der Illusion an, dass die Not mit Sozialleistungen aufgefangen wird. Kaum einer der Ratsuchenden bekommt tatsächlich den vollen Hartz-IV-Satz, der das gesetzlich bestimmte Existenzminimum markiert. Die Sozialpädagogin ist schon froh, wenn nur ein Darlehn abzutragen ist und – wie eigentlich vorgesehen – die Rückzahlung maximal zehn Prozent der Leistung ausmacht. „Manchmal sind es auch zwei oder drei“, erklärt sie. Dann werde das Geld so knapp, „dass es wochenlang nur für Spaghetti mit Tomatensoße reicht“.

Das Grundübel liegt für Anna Menke in den zu niedrig berechneten Sätzen des Arbeitslosengeldes II. Aus dieser Regelleistung noch Geld zurückzulegen für den Fall, dass Waschmaschine oder Kühlschrank streiken, sei praktisch nicht möglich. Da brauche es immer wieder Vorauszahlungen vom Jobcenter , die dann abzustottern seien.

Überhaupt spielten Schulden eine große Rolle bei ihren Klienten, nicht zuletzt für Strom. Auch dafür sei der Regelsatz nicht auskömmlich, zumal Haushalte im Sozialleistungsbezug über eher ältere und wenig energieeffiziente Geräte verfügten.

Letztlich ist „jeder Fall eigentlich ein Einzelfall“, sagt Anna Menke, dafür seien die Lebensgeschichten zu unterschiedlich. Deshalb gebe es für die Allgemeine Sozialberatung auch kein „Einheitskonzept“. So weit gefächert wie die ihr vorgetragenen Probleme müssen deshalb auch Fachkenntnis und Lösungsansätze ein. Die SKM-Mitarbeiterin kennt die Kartons und Schubladen, die überquellen mit ungeöffneten Umschlägen. Wenn notwendig, fährt sie zu einem Klienten nach Hause und gemeinsam beginnt dort die Öffnung und Sortierung jedes Briefes.

Allerdings verlangt Anna Menke immer Eigeninitiative von ihren Klienten. Nach einer Stunde, in der sie gezeigt hat, wie die Unterlagen sortiert werden sollen, müssen sie selbst weitermachen. Genauso hilft sie beim Ausfüllen von Anträgen, aber übernimmt es nie selbst. Ihr Ziel ist immer, dass Klienten wieder ohne ihre Hilfe auskommen können. Das gelingt in vielen Fällen, manchmal reicht ein Telefonat aus, aber einige Familien begleitet sie seit Jahren.

Manche Ursachen für die Probleme der Ratsuchenden in der Allgemeinen Sozialberatung sind schwer zu lösen, psychische Erkrankungen zum Beispiel oder die immer schwieriger werdende Wohnungssuche. Zwar drehen sich auch in Warendorf viele Baukräne, aber die schaffen nicht den Wohnraum für Anna Menkes Klienten.

Auch die Mieten sind den realen Höchstsätzen des Jobcenters längst enteilt. Entweder muss vom knappen Budget draufgezahlt werden – oder man findet nur Bruchbuden, heizungsintensive natürlich, sagt Menke.

Besonders gravierend sei das für unter 25-Jährige, die aus einer „Bedarfsgemeinschaft“ mit ihren Eltern ausziehen wollen oder müssen. Für über 18-Jährige sieht sich das Jugendamt nicht mehr zuständig und das Jobcenter noch nicht. Nur in Härtefällen, wenn also zum Beispiel Gewalt im Spiel ist, werden die Kosten doch übernommen.

Allerdings müssten sie sich dann alleine auf die Suche machen, und welcher Vermieter wolle schon einen alleinstehenden jungen Erwachsenen? Sie gleiten dann teilweise in die Obdachlosigkeit ab, beobachtet Menke. Bei jungen Frauen kommt nicht unberechtigt die Angst vor Übergriffen hinzu. Mit Aufputschmitteln hielten sie sich wach und rutschten damit leicht in die Drogensucht. Zu diesen und mehr Gründen, die in ein von Sozialleistungen abhängiges Leben führten, sei in den vergangenen Monaten Corona noch hinzugekommen.

Eine alleinerziehende Friseuse habe mit Kurzarbeit nur noch 600 Euro für ihre beiden Kinder und sich im Monat gehabt. Mit Wohngeld und Kinderzuschlag konnte Anna Menke die glücklicherweise nur vorübergehende Not auffangen. Wer langjährig auf Hartz-IV angewiesen sei, habe es dagegen ganz schwer, wieder aufzustehen.

Dabei sei nur in seltenen Fällen „Faulheit“ der Grund für das Abrutschen in Armut. Das Leben mit Arbeitslosengeld II koste im Gegenteil viel Kraft, nicht zuletzt wegen des in der Regel eher unentspannten Verhältnisses mit dem Jobcenter, in dem man ständig als Bittsteller auftreten müsse.

Selbst mit neu gefundener Arbeit könne es schwierig sein, sich aus der Armut heraus zu kämpfen. Manche stünden nach zwei, drei Monaten wieder im Büro, weil sie mit ihrem Einkommen etwas über dem Hartz-IV-Satz unter dem Strich sogar weniger Geld zur Verfügung hätten. Dann werde die Klassenfahrt nicht mehr bezahlt und es gebe keinen Zuschuss mehr für Schulmaterialien aus dem Bildungs- und Teilhabepaket.

Im Ergebnis wächst die Zahl der Klienten weiter. In Form der Obdachlosigkeit könnte sie im Stadtbild sichtbar werden. Dass das nicht passiert, ist gut geregelt. Für Durchreisende gibt es nur dreimal im Monat Tagegeld und in der Corona-Zeit auch mal für eine Woche. Das zwingt sie weiterzuziehen. Und die Wärmestube des SKM, die manchen von Anna Menkes Klienten Schutz und Struktur bietet, liegt vom Marktplatz in der entgegengesetzten Richtung etwas versteckt am Rande der Innenstadt.

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