Gaststätten sind erneut vom Corona-Lockdown betroffen
„Wir fühlen uns als Sündenbock“

Warendorf -

Der November-Lockdown trifft die Gastwirte in der Stadt besonders hart. Trotz guter Hygienekonzepte dürfen sie nicht weiterarbeiten. Einige versuchen mit Essen zum Abholen, wenigstens einen Teil ihrer Kunden zu halten, damit das Loch in der Kasse nicht allzu groß wird.

Montag, 02.11.2020, 17:28 Uhr aktualisiert: 03.11.2020, 16:56 Uhr
Auf dem Marktplatz haben Mitarbeiter des In Mezzo am Montag Schirme, Tische und Bänke abgebaut.
Auf dem Marktplatz haben Mitarbeiter des In Mezzo am Montag Schirme, Tische und Bänke abgebaut. Foto: Marion Fenner

Gaststättenbetreiber sind erneut von dem Corona-Lockdown betroffen. Erst einmal bis Ende des Monats dürfen sie die Türen ihrer Betriebe nicht öffnen. Dabei gibt es gute Hygienekonzepte, disziplinierte Gäste, geschulte Mitarbeiter, Plexiglasabtrennungen zwischen den Tischen und penibel genau geführte Kontaktlisten. „Wir fühlen uns als Sündenböcke der Nation“, bringt Martina Mersch vom Ringhotel Mersch ihre Gefühlslage und die der Kollegen auf den Punkt. „Wir machen jetzt den dritten Lockdown mit, wir wissen wie das geht“, nimmt Mersch es mit Galgenhumor.

Keine Touristen

Sie selbst hofft, dass wenigstens noch ein paar Hotelgäste kommen, denn Geschäftsleute dürften ja weiterhin untergebracht und auch bewirtet werden.

Auf dem Marktplatz haben am Montag Mitarbeiter der Gastronomiebetriebe damit begonnen, die Tische, Stühle und Schirme abzubauen. Der Marktplatz ist nun leer, Leben in der Innenstadt sieht anders aus. Ute Leve Mitgeschäftsführerin des Hotel-Restaurants „Im Engel“, hofft ebenfalls auf einige geschäftsreisende Übernachtungsgäste. Für Touristen jedoch ist geschlossen. Die Küche im Restaurant und im Bistro bleibt in den nächsten Wochen aber nicht kalt. „Bei uns können Speisen abgeholt werden.“ Von montags bis freitags in der Zeit von 17.30 bis 20 Uhr können sich Kunden vorbestellte Speisen abholen.

Bistro

Im Bistro gibt es von 11.30 bis 14 Uhr einen Mittagstisch und Kuchen außer Haus. Damit es sich vor der Tür nicht knubbelt, müssen die Gerichte vorbestellt werden. Dem Kunden werde eine Uhrzeit mitgeteilt, zu der er seine Bestellung abholen kann, erklärt Leve das Prozedere. Sie rät außerdem dazu rechtzeitig zu bestellen, damit sich die Küche besser auf die Nachfrage einstellen könne.

Der November treffe die Gastwirte besonders hart, sagt Leve. Dort fänden traditionell schon die ersten Weihnachtsfeiern vieler Firmen statt. Auch die seien nun alle abbestellt worden. „Wir bleiben dennoch optimistisch und freuen uns auf die Vorweihnachtszeit“, sagt Leve. „Die ganze Sache reißt ein sehr großes Loch in unsere Kassen.“ Die Gastwirtin hofft, dass die Maßnahmen wirklich etwas bringen und dann wieder Normalität einkehrt.

Wir bleiben dennoch optimistisch und freuen uns auf die Vorweihnachtszeit

Ute Leve

„Augen zu und durch“, sagt sich Bernd Schmitz vom Historischen Brauhaus Warin­tharpa. Sein Lokal bleibt bis zum 30. November geschlossen. In den vergangenen Wochen seien angesichts steigender Infektionszahlen ohnehin schon weniger Besucher gekommen.

Falk Roerkohl vom Alten Gasthaus Wiese will erst einmal abwarten, welche Regeln das Land NRW für die Soforthilfe aufstellt. „Wenn wir 90-prozentige Umsatzeinbußen nachweisen müssen, um überhaupt eine Unterstützung zu erhalten, kann es sein, dass es sich für uns eher rechnet, wenn wir besser geschlossen bleiben“, berichtet Roerkohl. Das müsse genau kalkuliert werden, denn schon bei elf Prozent des Umsatzes vom Vorjahr gebe es dann nichts. Grundsätzlich plant der Gastwirt, freitags, samstags und sonntags Essen zum Abholen anzubieten.

Gute Konzepte

Ähnlich will es Katharina Gawrys vom Stiftshof Dühlmann handhaben. Auch sie hat noch ein paar Geschäftsreisende, ansonsten seien aber alle Buchungen, darunter auch lukrative Tagungen, storniert worden. „Die Bücher waren trotz Corona voll“, sagt sie. Die Kunden hätten sich bei ihr sicher gefühlt.

Sie hofft, dass die Stammgäste ihr die Treue halten. Eine Karte für das Abholangebot am Wochenende wird sie auf ihrer Internetseite veröffentlichen. „Wir haben viel Arbeit in gute Konzepte gesteckt, damit sich die Menschen bei uns sicher fühlen. Damit spricht auch Gawrys für alle. Denn eine Infektion in ihrem Geschäft ist ihr nicht bekannt. Auch Mersch bestätigt, dass es bisher noch nicht eine einzige Anfrage vom Gesundheitsamt für die Listen für eine Infektionsketten-Nachverfolgung gegeben habe.

Die Leute wollten am Wochenende noch mal richtig Gas geben.

Falk Roerkohl

Michaela Allendorf und ihr Bruder Carsten stehen ebenfalls vor schweren Zeiten. Auch wenn sie, wie beim ersten großen Lockdown im Frühjahr, wieder ein Abholfenster anbieten werden, ersetzt dies nicht die Feierlichkeiten die sonst bereits im November beginnen. „Wir hatten auf kleinere Weihnachtsfeiern im Dezember gehofft. Diese fallen jetzt auf Null. Es herrscht eine große Ungewissheit – bei uns als Betreiber genauso wie bei den Gästen“, beschreibt Michaela Allendorf ihre Sorgen. Von Freitag bis Samstag bietet das Haus Allendorf wieder „Allendorf für zu Haus“ an. Mittags von 11.30 bis 14 Uhr und abends von 17.30 bis 20 Uhr.

Finanzielle Hilfe

Allgemein ist die Stimmung bei den Gastronomen angespannt. Nachdem alle Auflagen, die teilweise mit hohen Ausgaben verbunden waren, erfüllt wurden, erfolgt ein erneuter Lockdown. Großes Unverständnis gibt es vor allem für den Zeitpunkt. „Der Lockdown wurde Mittwoch beschlossen, aber für Montag. Die Leute wollten am Wochenende noch mal richtig Gas geben. Wir mussten einige Gäste auch enttäuschen, denn voll ist und nun mal voll. Mit nur knapp 60 Prozent der Plätze passiert das schnell“, erinnert sich Roerkohl an das vergangene Wochenende und freut sich, dass er die Lebensmittel gut kalkulieren konnte.

Zusammenhalten

Nun hoffen die Gastronomiebetriebe auf schnelle finanzielle Hilfe. Wie diese genau aussehen wird, steht jedoch nicht fest. Bis zu 75 Prozent des Vorjahresumsatzes möchte der Bund den betroffenen Unternehmen erstatten. Die eigenen Erlöse werden mit anderen staatlichen Hilfsgeldern zusammengerechnet – die Lücke, die dann bis zu 75 Prozent des Vorjahresumsatzes bleibt, soll laut Regierungskreisen aus dem neuen Programm erstattet werden. Schriftlich fixiert ist dies jedoch noch nicht.

Matthias Jäger hingegen greift lieber zur Selbsthilfe. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir eine reelle Hilfe bekommen werden“, stellt der Inhaber des Kolpinghauses klar. Er versucht sich mit Essen außer Haus über Wasser zu halten. „Der große Mist ist, dass wir alles richtig gemacht haben und trotzdem bestraft werden und zwangsweise schließen müssen.“ Seine Hoffnung liegt bei den Stammgästen, die ihn bereits im Frühjahr unterstützt haben. „Die Warendorfer halten zusammen.“

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