Scala Filmtheater ohne Zuschauer – wie lange geht das gut?
„Ich glaube ans Kino“

Warendorf -

Kino ohne Zuschauer – wie lange geht das noch gut? Kinobesitzer Johannes Austermann hat auch im dritten Lookdown den Mut nicht verloren und kann auch noch lachen. Die Westfälischen Nachrichten sprachen mit dem 24-jährigen Scala-Chef über die magische Kraft der Kinos, die Solidarität der Warendorfer – und warum James Bond allen nützt.

Samstag, 28.11.2020, 12:10 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 15:14 Uhr
Schon dreimal wurde der neue James Bond verschoben. Jetzt soll er Ende März in die Kinos kommen. Johannes Austermann, Scala-Kinobesitzer, hat den Papp-Aufsteller mit Bond-Darsteller Daniel Craig fürs Pressefoto wieder vom Boden geholt. „Mit James Bond aus der Corona-Krise durchstarten – das wäre mal ein Signal.“
Schon dreimal wurde der neue James Bond verschoben. Jetzt soll er Ende März in die Kinos kommen. Johannes Austermann, Scala-Kinobesitzer, hat den Papp-Aufsteller mit Bond-Darsteller Daniel Craig fürs Pressefoto wieder vom Boden geholt. „Mit James Bond aus der Corona-Krise durchstarten – das wäre mal ein Signal.“ Foto: Joachim Edler

Die Corona-Krise ändert alles – unsere Kultur, unsere Gesellschaft, unser Leben. Johannes Austermann ist das, was man einen Cineasten nennt. Der 24-Jährige hat den Beruf des Bankkaufmanns nach der Lehre an den Nagel gehängt und hat sich den Traum von einem eigenen Kino erfüllt. Und dann kam Corona. Nicht direkt, aber ein Jahr nach der Übernahme des Scala-Filmtheaters, traf der Lockdown den Kinobesitzer, der gerade kräftig investiert hatte, besonders hart.

Kino ohne Zuschauer – wie lange geht das noch gut? Austermann hat auch im dritten Lockdown den Mut nicht verloren und kann auch noch lachen. Die Westfälischen Nachrichten sprachen mit dem Scala-Chef über die magische Kraft der Kinos, die Solidarität der Warendorfer – und warum James Bond allen nützt.

Der 24-Jährige ist froh, dass das Land Kinos wie seines finanziell unterstützt. Es nütze nichts in Depression zu verfallen, sehe er ein Licht am Ende des Tunnels. Und damit meint er nicht einen Zug, der ihn bildlich überrolle, sondern die Aussicht auf Impfungen gegen das Corona-Virus. Gute Ideen seien bis dahin gefragt, rechnet Austermann nicht mehr damit, dass er sein Kino in diesem Jahr noch einmal öffnen wird. „Gerade im Herbst und Winter sind die einnahmenstärksten Monate. Restaurants haben im Sommer ihre Biergärten. Wir haben immer dunkle Kinosäle. Deshalb ist die Hilfe des Landes auch so wichtig. Ich habe alle finanziellen Kosten, die möglich waren, runtergefahren.“ Seine einzige Mitarbeiterin, seine Schwester Katharina, hat er in Kurzarbeit geschickt.

„Wir haben im ersten Lockdown einiges ausprobiert. Ein Beispiel: das Autokino. Ich habe kurz darüber nachgedacht, aber im Winter macht ein Autokino keinen Sinn. Es ist kalt, die Scheiben beschlagen. Außerdem weiß ich gar nicht, welche Filme ich zeigen soll, weil ich gar keine neuen bekomme. Es fehlen die Kassenknüller. Wir benötigen die großen Streifen, die Blockbuster, weil sie mit einem Riesenbudget und Weltstars den Leuten zeigen, was Kino zu leisten vermag.“

Dreimal sei der neue James Bond schon verschoben worden. Papp-Aufsteller in allen Größen und jede Menge Plakate hat der Kinobesitzer bereits bekommen. Sie liegen auf dem Dachboden. „Jetzt soll die Premiere im März sein. Mit James Bond aus der Corona-Krise durchstarten – das wäre mal ein Signal.“

Fatal wäre es, wenn die großen Hollywoodstreifen künftig von Streamingdiensten angeboten würden. „Disney“ habe es vorgemacht und biete mit der Übernahme des traditionsreichen Hollywood-Filmstudios 20th Century Fox auch den Streamingdienst „Disney Plus“ an. James Bond im Streaming-Dienst, download zu Hause auf dem Sofa – für den Cineasten Austermann nicht vorstellbar. Kino sei ein politisch-gesellschaftlicher Ort, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen. „Hier lacht man und hier weint man gemeinsam. Die großen Filme brauchen das Kino mit seiner Strahlkraft. Das kann weder eine Serie noch eine Streamingplattform. Ich glaube ans Kino.“

Klar, Kinomachen sei zurzeit defizitär. „Eigentlich will ich ja aus eigener Kraft leben, freue mich aber über das Kino-Rettungsprogramm, das das Land auflegt.“ Und so geht der 24-Jährige davon aus, dass es Kinos auch noch nach der Corona-Pandemie weiter geben wird. „Die Menschen wollen ins Kino.“ Irgendwann werde Corona Geschichte sein, und die Menschen werden wieder das Erlebnis Kino genießen. „Ich hoffe, dass das schon nächstes Jahr wieder sein wird.“

Derzeit werde wenig gedreht wegen der besonderen Corona-Bedingungen. „Dieses Jahr gab es fast gar keine internationalen Produktionen.“ Über Wasser habe sich der Kino-Chef gehalten mit Streifen der deutschen Filmwirtschaft – „interessante Nischenfilme, die beim Publikum sehr gut ankamen.“

Hoffnung macht ihm, dass die letzten Vorführungen vor dem erneuten Lockdown ausverkauft waren. Er habe mit dem Erfolgsfilm „Jim Knopf“ geschlossen.

Hoffnung macht ihm auch die große Solidarität der Warendorfer mit ihrem Kino. Sie kaufen fleißig Gutscheine. Und es gibt das „Naschfenster“, das der Kinobetreiber an jedem Wochenende (Freitag bis Sonntag) öffnet und Popcorn und Nachos verkauft. „Sogar aus Niedersachsen kamen schon Menschen zu mir, um Popcorn zu kaufen. Andere kauften gleich fünf oder sechs Tüten Popcorn und stellten sie vor die Türen von Menschen, die sich coronabedingt in Quarantäne befanden und das Haus nicht verlassen durften. Eine nette Geste.“

Die Stadtwerke, die ihre Weihnachtsfeier eigentlich im Kino feiern wollten, disponierten kurzerhand um. Jetzt kommt das „Naschfenster“ zu den Stadtwerken – aufs Betriebsgelände.

An Ideen mangelt es dem jungen Kinobetreiber nicht. Neuestes Projekt: eine Gutscheinaktion. Jeder, ob Privatperson oder Unternehmer, kann sich im Kino einen oder mehrere Zehn-Euro-Kinogutscheine kaufen. Sie werden aber nicht mitgenommen, sondern dagelassen. „Wir verschenken die Gutscheine anschließend an Pflegekräfte und Mitarbeiter in Krankenhäusern, Altenheimen, von ambulanten Pflegediensten oder anderen Institutionen, die in der Corona-Pandemie eine besondere Wertschätzung verdienen. Pflegekräfte, die jetzt in dieser Zeit besonders mit anpacken, sie sollen einen Kinogutschein bekommen.“ Der erste Aufschlag an Kinogutscheinen geht an das Josephs-Hospital, den größten medizinischen Arbeitgeber in der Stadt.

Werden Kinokarten nach der Corona-Pandemie teurer? „Eigentlich müssten wir die Preise erhöhen, machen es aber nicht – wir wollen vor allem Familien mit Kindern den Kinobesuch ermöglichen. Denn das Kino richtet sich an alle Schichten, nicht nur an Cineasten. Und so ist meine Preisstruktur auch aufgebaut.“

Bedingt durch die Corona-Pandemie hat Johannes Austermann derzeit etwas mehr Zeit, sich der Kommunalpolitik in Warendorf zu widmen. Der 24-jährige Feierabend-Politiker sitzt ehrenamtlich für die CDU im Rat der Stadt Warendorf. Der Jungunternehmer ist aber auch als Redner gefragt. Auf Informationsveranstaltungen zur Berufsorientierung und jüngst bei einer Videokonferenz von Münsterland-Tourismus: „Ich war digital zugeschaltet und hatte die Ehre, über meinen Berufsweg zu erzählen.“

Bereut hat Johannes Austermann seine berufliche Entscheidung noch keinen Tag. „Es geht weiter, für mich und auch für Warendorf.“ Das habe er auch ganz deutlich einem privaten Investor gesagt, der erst kürzlich bei ihm angefragt hatte, ob er das Kino nicht verkaufen wolle – um dort Wohnungen zu errichten.

„Wenn das Kino geht, dann bricht auch ein Stück Stadtgefühl weg. Es ist ein Zusammenspiel zwischen Kino, Läden, Cafés und Restaurants. Vor dem Kino gehe ich zum Beispiel ins Café oder nach dem Kino ins Restaurant. Diese Vielfalt macht eine Stadt aus. Ich glaube ans Kino.“

Und so ist der 24-Jährige ganz sicher: „Die nächsten 50 bis 60 Jahre wird es das Kino in Warendorf geben.“

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