Kultur-Serie: Interview mit Giulia Wahn
Der Lebensinhalt wird genommen

Warendorf -

Dass ausgerechnet im Land der Dichter und Denker die Kunst- und Kulturszene seit Monaten am Boden liegt, ist eine der nur schwer erträglichen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie.In der neuen Serie „Ohne uns wird‘s still“ erzählen sie, wie sie die vergangenen Monate erlebt haben und wie es ihnen nach fast einem Jahr beruflichen Stillstands geht

Freitag, 08.01.2021, 23:09 Uhr
Giulia Wahn verdient ihren Lebensunterhalt mit ihrer Stimme. Ihren letzten Auftritt hatte die Sängerin, die eigentlich immer einen vollen Terminkalender hatte, am 19. Februar. Dann kam Corona. 2019 stand Giulia Wahn (2. v. l.) beim ESC in Tel Aviv als Backgroundsängerin für den Zwergstaat San Marino auf der Bühne.
Giulia Wahn verdient ihren Lebensunterhalt mit ihrer Stimme. Ihren letzten Auftritt hatte die Sängerin, die eigentlich immer einen vollen Terminkalender hatte, am 19. Februar. Dann kam Corona. 2019 stand Giulia Wahn (2. v. l.) beim ESC in Tel Aviv als Backgroundsängerin für den Zwergstaat San Marino auf der Bühne. Foto: Giulia Wahn

Giulia Wahn (33), gebürtige Belgierin, lebt seit ihrem dritten Lebensjahr im Münsterland. Die gelernte Eventmanagerin, die zwischen Telgte, Warendorf und Everswinkel wohnt, arbeitet seit 2012 als selbstständige Musikerin und Sängerin und ist auf unterschiedlichsten Events in ganz Europa unterwegs. So stand sie im Mai 2019 beim ESC-Finale in Tel Aviv als Background-Sängerin für den Zwergstaat San Marino auf der Bühne. Wahn ist außerdem Bookerin und Agentin für weitere Musiker. Im Gespräch mit WN-Redakteurin Joke Brocker beschreibt sie, wie die Corona-Pandemie ihr Leben verändert hat.

 

Was siehst Du beim Blick in den Terminkalender 2021? Kannst Du in diesem Jahr überhaupt planen?

 

Giulia Wahn: Ich gehöre zu der Art Organisatorin, die alle Termine und Auftritte mit Farben und Post-its an einen großen Wandkalender heftet und ich habe gerade gestern noch meinen alten Wandkalender für 2018 und 2019 rausgekramt. Ich war selbst erstaunt, es gab kaum Tage, an denen nicht entweder Studiotermine, Proben, Shootings, Videodrehs oder Auftritte markiert waren. Irre, wie leer 2020 daneben aussah mit gerade mal elf oder zwölf Terminen. Was jetzt in 2021 passiert – keine Ahnung – 2020 hat mir gezeigt: Planen bringt so gar nichts, es kann in kürzester Zeit nämlich wieder alles über den Haufen geschmissen werden.

Was sind für Dich als Sängerin in der Corona-Zeit gerade die größten Herausforderungen?

 

Giulia Wahn: Die größte Herausforderung in dieser Zeit ist es, seine sieben Sinne beisammen zu halten! Es geht dabei nicht nur mir so, meine Kollegen und ich sprechen regelmäßig und bauen uns gegenseitig immer wieder auf. Und mit Aufbauen meine ich nicht „Wir schaffen das schon, nach Regen kommt Sonnenschein“. Allen geht es an die emotionale Substanz, dass wir unseren Beruf nicht ausüben dürfen, teilweise mit wirklich drastischen Folgen.

Wie sehen diese aus? Gibt es für Künstler keine finanzielle Unterstützung?

Giulia Wahn: Ich bekomme finanzielle Unterstützung – ich kann mich aktuell nicht beklagen. Das war aber nicht immer so. Die ersten Hilfen flossen zwar, mehr oder weniger schnell, die Rahmenbedingungen für die „betrieblichen Ausgaben“ waren jedoch so schwammig, wenn nicht sogar gar nicht existent, dass wir Künstler und Solo-Selbstständigen echt viel Geld auf dem Konto hatten, aber nicht wussten, wofür wir das Geld ausgeben durften. Dieser Aspekt plus die Unsicherheit, wie es wirtschaftlich weitergeht, das hat mir persönlich sehr zugesetzt. Ich habe mich dann, als mir das alles zu kompliziert wurde, arbeitslos gemeldet. Das waren zwei sehr harte Monate, denn ich habe gerade mal 344 Euro monatlich bekommen. Mit Grundsicherung hatte das nichts zu tun. Glücklicherweise – und ich wüsste nicht, was ich ohne dieses Engagement gemacht hätte – habe ich dann ein paar Konzerte in Autokinos geben dürfen, was mich von der „Grundsicherung“ weggebracht hat. September bis Dezember konnte ich dann recht gut von der Überbrückungshilfe 2.0 leben, aber auch nur, weil ich 2019 sehr gut verdient habe und 75 Prozent meines Vorjahres-Umsatzes finanziell einiges ausgleichen konnten. Und ich kann von noch größerem Glück sprechen, dass ich so einen fixen und sehr zuverlässigen Steuerberater habe, der sich das ganze Jahr über für mich eingesetzt hat. Nicht allen Künstlern geht es so gut.

Inwiefern?

 

Giulia Wahn: Viele meiner Kollegen haben monatelang auf die Soforthilfe gewartet, wussten nicht, wie sie die nächste Woche überstehen sollten. Wir schweben darüber hinaus aktuell immer noch im Ungewissen, weil wir noch keine Informationen darüber haben, was dieses Jahr tatsächlich zurückbezahlt werden muss. Es gibt Kollegen, die haben letztes Jahr gerade mal so viel verdient, dass die 75 Prozent der ausgeschütteten Gelder für das letzte 20er- Quartal ihre Grundsicherung ausgleichen. Ich kann von Glück sprechen, dass ich alleine lebe und keine hohen Fixkosten und Ausgaben habe, denn viele hatten keine Rücklagen mehr, um die dreimonatige Wartezeit für die Überbrückungshilfe 2.0 zu überstehen. Diese wurde Ende Dezember ausbezahlt.

Birgt die Krise auch Chancen?

Giulia Wahn: Ich habe zu Beginn der Krise gesagt, ich freue mich für die Natur, der Lockdown wäre eine Entlastung für die Umwelt und man spüre eine deutliche Entschleunigung bei Mensch und Natur. Ich habe gehofft, dass die Menschen realisieren, worauf es wirklich ankommt im Leben und dass Gesundheit nicht mit Geld und Erfolg im Beruf aufzuwiegen ist. Ich habe gehofft, dass die Menschen an der schnellen Erholung der Natur sehen, was wir unserer Erde eigentlich antun. Ich habe auch gehofft, dass dieser zu Beginn spürbare Zusammenhalt der Menschen, die Nachsicht und das Beschützen unserer Alten, das Miteinander statt Gegeneinander länger halten würde. Mit Sicherheit birgt diese Krise Chancen, bestimmt haben auch Menschen und Wirtschaftszweige davon profitieren können, mittlerweile befürchte ich aber, dass wir ziemlich schnell wieder zurück in unseren Alltagstrott verfallen, sobald der Lockdown vorbei ist.

Und für Dich persönlich?

 

Giulia Wahn: Für mich war dieses Jahr leider nicht so chancenreich. Ich habe oft versucht, mich „neu zu erfinden“, für uns Musiker andere Möglichkeiten auszuschöpfen, Alternativ-Konzerte zu organisieren und anzubieten, jedoch hat dann der zweite Lockdown im November meine letzten Energiereserven geraubt.

Bereitest Du Dich denn schon auf die Nach-Corona-Zeit vor? Gibt es konkrete Projekte?

Giulia Wahn: Wenn ich eines gelernt habe in 2020, ist es, verschwende keine Energie in vage Projekte, die dann womöglich wieder nicht umsetzbar sind. Für 2021 habe ich jetzt eine gesunde „Abwarten-gesund bleiben-und-Tee-trinken“- Einstellung. Ich werde die Entwicklung zunächst beobachten und erst dann wieder konkreter planen, wenn sowohl Kunde als auch Künstler auf der sicheren Seite sind.

Hast Du einen Plan B, falls der Lockdown noch längere Zeit andauern sollte?

 

Giulia Wahn: Als gelernte Veranstaltungskauffrau ist ein Plan B in die Richtung auch ein wagemutiges Spiel. Und ich glaube, dass sich die gesamte Veranstaltungsbranche sowieso erst mal erholen muss, wenn sie denn überhaupt noch existiert nach dem zehnmonatigen Lockdown, ehe neue Mitarbeiter eingestellt würden. Mein Ziel ist es auch nicht, zurück in meinen Ausbildungsberuf zu gehen, sondern zurück auf die Bühne. Und bis dahin habe ich überhaupt kein Problem in einen anscheinend „systemrelevanteren“ Beruf einzusteigen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ob jetzt bei dm oder in der Pferdeabteilung bei Raiffeisen (lacht), ich bin facettenreich.

Hast du das Gefühl, dass Künstler während der Pandemie von der Politik im Stich gelassen werden?

 

Giulia Wahn: Was mich am meisten getroffen und verletzt hat, ist, dass in den Medien immer gesagt wurde, den Solo-Selbstständigen würde doch geholfen. Ich kann nur sagen: Man hat uns seit März nicht nur unseren Beruf genommen – mein letzter normaler Auftritt war der 19. Februar. Man hat uns unsere Meinungen, unsere Stimmen und unseren Lebensinhalt genommen. Kunst, Kultur und Musik sind nicht nur systemrelevant, sie sind lebenswichtig! Einem Musiker das Instrument, die Stimme oder die Bühne zu nehmen, hat nichts damit zu tun, dass wir uns in unserer Selbstdarstellung beraubt fühlen. Es ist verletzend zu lesen, dass Politiker sagen, wir sollen aufhören uns zu beschweren und in unserem Wohnzimmer singen oder spielen; wir könnten ja weiterhin unseren Beruf ausüben, nur nicht mehr vor Publikum. Ich möchte gerade wirklich nicht in der Haut von Politikern stecken. Doch wage ich es auch nicht, mir anzumaßen, ihre Position zu entwürdigen und so etwas zu sagen wie „Ihr kriegt 10 000 Euro Gehalt jeden Monat, also beschwert euch doch nicht“. Und so eine Behandlung wünsche ich mir für meinen Beruf auch nicht. Einem Künstler die Pinsel wegzunehmen, so dass er nicht mehr malen kann, ist grausam. Wieso sieht man also nicht den direkten Vergleich beim Musiker und seiner Bühne? Live-Konzerte, die Interaktion mit Gästen, das Kreieren einzigartiger Momente für das Publikum, das ist die Magie der Kultur.

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