Extreme Mediennutzung in der Pandemie sorgt für Stress
Spielzeit unbedingt begrenzen

Warendorf -

Bis zu sieben Stunden täglich verbringen Kinder und Jugendliche in der Corona-Zeit mit Neuen Medien. Nach Ansicht von Experten ist das viel zu viel Zeit.

Dienstag, 16.02.2021, 16:16 Uhr aktualisiert: 16.02.2021, 16:20 Uhr
Rund sieben Stunden verbringen Kinder und Jugendliche in der Corona-Zeit täglich mit Neuen Medien. Fachleute sehen das kritisch.
Rund sieben Stunden verbringen Kinder und Jugendliche in der Corona-Zeit täglich mit Neuen Medien. Fachleute sehen das kritisch. Foto: dpa

Ein Reizthema, das Eltern in der ohnehin wenig erquicklichen Pandemie-Zeit unter immensen Stress setzt, ist die Mediennutzung des Nachwuchses. Das Verlangen nach Neuen Medien sei in der Corona-Zeit massiv gestiegen, weiß Erziehungswissenschaftler und Mindful-Geschäftsführer Oliver Bokelmann und verweist auf aktuelle Zahlen.

Danach verbrachten Jugendliche mehr Zeit als vorher mit YouTube Videos (82 Prozent), Musikhören (78 Prozent), Streaming-Diensten (71 Prozent und Fernsehen (54 Prozent). Im Schnitt verbrächten Jugendliche derzeit zwei Stunden pro Tag mit Lernen, zwei Stunden mit Streaming-Diensten, 100 Minuten mit Musikhören und 92 Minuten mit dem Konsum von YouTube Videos. „Das sind gut sieben Stunden Medienzeit“, rechnet Bokelmann vor. Natürlich sei das viel zu viel Zeit, die Kinder und Jugendliche mit Smartphone, Tablet und Co. verbrächten. Die Chancen, den Medienkonsum 16- oder 17-Jähriger zu reglementieren, hält der Pädagoge allerdings für gering: „Das führt zu Konflikten.“

Bei kleineren Kindern jedoch hält er eine Begrenzung der Medienzeit für unumgänglich, selbst wenn es Eltern geben soll, die ihre Ruhe schätzen und die Kinder gerne vor dem Tablet parken. „Das funktioniert wie ein Schnuller“, bemerkt Bokelmann. Doch Kinder bis zu einem Alter von zehn Jahren sollten Medien per se nicht unbeaufsichtigt und maximal 45 Minuten am Tag nutzen. In Zeiten der Pandemie allerdings findet der Hochschuldozent eineinhalb bis zwei Stunden täglich vertretbar, warnt aber Eltern davor, sich auf Diskussionen mit ihren Kindern einzulassen, die unbedingt noch dieses eine Spiel zu Ende spielen wollen. „Bei diesen Spielen findet man kein Ende. Da ist man nie fertig“, stellt Bokelmann klar, dass die digitalen Games, die an Konsolen und auf dem Handy gespielt werden, mit dem guten alten Gameboy nicht vergleichbar sind.

Die Spielzeit zu begrenzen, sei auch für das Gehirn wichtig, das schnelle Bilder verarbeiten müsse und nicht ausruhen könne. Bokelmann empfiehlt eine klare Regelung für alle Zwölf- bis 15-Jährigen: Morgens Videokonferenzen mit dem Lehrer, ab 13 Uhr Medienzeit. Allerdings nicht mit offenem Ende. Zwei oder drei Stunden Medienzeit zwischen 13 und 20 Uhr, die von den Kindern und Jugendlichen frei gewählt werden könne, seien ausreichend. In jedem Fall sollte eine Endzeit für den Abend vereinbart werden. Eine Stunde vor dem Schlafengehen müsse der Blick aufs Handy tabu sein.

Was die Nutzung der Smartphones angeht, rät der Erziehungswissenschaftler im Übrigen allen Eltern, im Freundeskreis eine einheitliche Regelung zur Handynutzung zu überlegen; und damit den Alle-anderen-dürfen-aber-auch-Argumenten der Kinder von vornherein etwas entgegenzusetzen. Um den Medienkonsum von Kindern unter 14 Jahren im Blick zu behalten, sei es ratsam, die Bildschirmzeiten auf den Smartphones der Kinder einzustellen. Das lasse sich ganz einfach über das Elternhandy regeln. Beim iPhone über die Funktion „Einstellungen, Bildschirmzeit“, beim Android-Handy über den „Family Link“. Empfehlenswert sei auch die Salfeld Kindersicherung, Testsieger der Stiftung Warentest. Während Bokelmann zu einer Begrenzung für Spiele rät, findet er, dass die Kommunikationsapp WhatsApp, für viele Kinder und Jugendliche im Moment die einzige Möglichkeit, Kontakt zu Gleichaltrigen zu halten, frei verfügbar bleiben sollte. Einen Ortungsdienst einzuschalten, sollten Eltern sich verkneifen. „Bloß nicht überwachen“, so der Erziehungswissenschaftler.

Mediennutzungsverträge, die man sich aus dem Internet herunterladen kann seien möglicherweise hilfreich, wenn Eltern von Grundschülern mit diesen die Mediennutzung offiziell regeln wollen. Doch: „Jugendliche lachen sich darüber tot.“

Zum Thema Mediennutzung müssten im Grunde auch die Schulen beraten, findet Bokelmann. Eltern könnten die Schule in die Pflicht nehmen und zum Beispiel einen digitalen Elternabend einfordern, bei dem ein Referent zum Thema berichtet. Ein Vorteil eines solchen Angebotes liegt nach Ansicht des Mindful-Geschäftsführers auf der Hand: „Dann kommen auch viel mehr Eltern.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7822985?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F
Nachrichten-Ticker