Liturgische Texte
In alten Folianten geblättert

Freckenhorst -

Folianten nennt man nach dem Wort folio für Blatt die alten Bücher im Din-A4 Format. Davon sind zahlreiche in der Alten Bibliothek der Stiftsgemeinde Freckenhorst aufbewahrt.

Freitag, 02.04.2021, 13:22 Uhr aktualisiert: 02.04.2021, 13:30 Uhr
Das schönste „Osterbild“ in der Freckenhorster Bibliothek ist kein Bild, sondern ein aus Blüten und Akanthussprossen entwickelter Schmuckbuchstabe „R“.
Das schönste „Osterbild“ in der Freckenhorster Bibliothek ist kein Bild, sondern ein aus Blüten und Akanthussprossen entwickelter Schmuckbuchstabe „R“. Foto: Klaus Gruhn

Folianten nennt man nach dem Wort folio für Blatt die alten Bücher im Din-A4 Format. Davon sind zahlreiche in der Alten Bibliothek der Stiftsgemeinde Freckenhorst aufbewahrt. Es sind Bücher aus mehreren Jahrhunderten mit Gebetstexten und den Texten für die Liturgie, also für die Messfeiern. Sie führen nicht nur in die Geschichte des ehemaligen Klosters zurück, sondern zeigen auch die Verehrung, die man den liturgischen Texten entgegenbrachte. Weil das so war, wurden sie vielfach mit Bildern und Ausmalungen geschmückt.

1632 erschienen für das Bistum Münster neue, in Antwerpen gedruckte Bücher mit den verbindlichen Texten für die Feier der heiligen Messe. Mehrere dieser „Missale“ genannten Bücher befinden sich in der Freckenhorster Bibliothek. Die Texte der Karfreitagsliturgie zur Erinnerung an den Kreuzestod Christi sind darin jeweils mit einem ganzseitigen Kupferstich geschmückt, der dieses Ereignis im Bild vergegenwärtigt.

In unserem Beispiel sehen wir nicht nur den Gekreuzigten mit der Dornenkrone, sondern auch die Gottesmutter, Johannes, einen der Jünger Jesu, sowie die am Kreuzstamm kniende Maria Magdalena, die in unterschiedlichen Haltungen Schmerz und Trauer offenbaren.

Wir sehen auch einen Engel, der einen Kelch unter die geöffnete Seitenwunde hält und darin das Blut Christi auffängt, ein Hinweis auf die Eucharistiefeier der Kirche als vergegenwärtigtes Gedächtnis an den Tod Christi. Bildliche Vergegenwärtigung zeigt sich auch darin, dass im Hintergrund eine spätmittelalterliche Stadtsilhouette sichtbar wird und dadurch das Geschehen an die damalige Gegenwart herangerückt wird.

Dem Karfreitag voraus geht in der Kirche die Gedächtnisfeier des letzten Abendmahls von Christus mit seinen Jüngern am Gründonnerstag . Im Missale von 1632 ist dazu den Texten der Messe in einer breiten Bordüre das Bild einer Tischgemeinschaft vorangestellt, in der Christus als Mittelpunktfigur, umgeben von den zwölf Jüngern, Brot und Wein segnet. Im Bild erscheint damit genau jener Akt, der in jeder Messfeier durch den Priester nachvollzogen wird und an den am Gründonnerstag in besonderer Weise erinnert wird.

Das schönste „Osterbild“ in der Freckenhorster Bibliothek ist hingegen kein Bild, sondern ein aus Blüten und Akanthussprossen entwickelter Schmuckbuchstabe „R“. Solche Schmuckbuchstaben, Initialen genannt, markieren den Anfang eines gewichtigen Wortes, in unserem Fall das lateinische Wort Resurrexi – Ich bin auferstanden. So beginnt nämlich das Einzugslied, der Introitus, zu Anfang der Ostermesse:

Ich bin auferstanden und immer bei Dir, Halleluja.

Du hast Deine Hand auf mich gelegt, Halleluja.

Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen…

Der im uralten Choral hier Sprechende ist nicht das Volk Gottes, sondern Christus selbst, der sich Gottvater zuwendet. Hinter ihm soll sich mit diesen Versen der Jubel der Miterlösten, nämlich des Gottesvolkes entfalten. Es ergibt einen tiefen Sinn, dass Ostern deshalb ursprünglich „Dominica Resurrectionis – Auferstehungssonntag“ genannt wurde.

Das Freckenhorster Schmuckblatt ist noch 100 Jahre älter als die Messbücher von 1632. Es findet sich in einem auf Pergament geschriebenen Chorbuch, das die Stiftsdame Oitberga von Langen 1530 in der Schreibstube der Fraterherren in Münster in Auftrag gegeben hatte. Dafür finden wir sogar auf unserem Blatt einen Beleg in den zarten Girlanden neben dem Schriftblock. Die darin eingefügten lateinischen Worte lauten übersetzt: „Oitberga von Langen möge mit Dir in das ewige Leben auferstehen. 1530“.

Alte Bibliotheken enthalten viele verborgene Schätze, von denen hier zum Osterfest 2021 wenigstens einige vorgestellt werden können.

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