Shakespeares Shylock singt
Deutsche Erstaufführung von Hahns „Kaufmann von Venedig“

Bielefeld -

Sechs Opern hat der als Liedkomponist heute noch bekannte Reynaldo Hahn hinterlassen – keine von ihnen wird indes gespielt. Um so schöner, dass sich das Theater Bielefeld um Hahns „Der Kaufmann von Venedig“ kümmert und 82 Jahre nach der Pariser Uraufführung für die deutsche Erstaufführung sorgt.

Dienstag, 09.05.2017, 16:05 Uhr

Industriekultur und Börsenparkett prägen die Bielefelder Operninszenierung.
Industriekultur und Börsenparkett prägen die Bielefelder Operninszenierung. Foto: Bettina Stöß

Musikalisch ist das mehr als dreistündige Werk ein Stil-Mix: der Massenet-Schüler und Ravel-Kommilitone Hahn ist ganz Kind seiner Zeit. Puccini klingt mit, dann schwelgen, charmant wie bei Brahms, die hohen Streicher in Terzen- und Sextenseligkeit. Die emotionalen Vibrationen aus Wagners „Tristan“ schwingen nach, ein satter Blechbläser-Choral klingt wie englische Spätromantik, kontrapunktisch Gewobenes mutet an wie Max Reger , wenn dieser sich von Bach hatte inspirieren lassen. Dies alles aber nicht unbedingt als „Flickenteppich“, sondern schon intelligent verknüpft. Manko des „Kaufmanns“: ein mitunter ausuferndes, Längen aufweisendes Libretto, das sich ziemlich genau an Shakespeares Vorlage hält, die judenfeindlichen Ausfälle gegenüber dem Geldverleiher Shylock eingeschlossen. Regisseur Klaus Hemmerle „entschärft“ diesen Aspekt und siedelt die letzte Szene auf einem heutigen Börsenparkett an, also im gefühlten Zentrum des Kapitalismus. Dort wird Shylock ruiniert und Antonio, der Kaufmann, entgeht der vertraglich eigentlich vorgesehenen Strafe, weil er seinen Kredit nicht pünktlich zurückzahlen kann. Das Ergebnis sind stattdessen drei Liebespaare, die sich gesucht und schließlich gefunden haben.

Hahns „Kaufmann“ ist beides, Tragödie und Komödie. Und das ist in Hemmerles Inszenierung auch zu sehen: heftige Attacken und niedliche Tändeleien, schmutzige Spielchen und sehnsüchtiges Begehren. Der große, dramaturgisch überzeugende Bogen fehlt in Hahns Oper. Sehens- und hörenswert ist die Produktion dennoch, zumal unter Leitung von Pawel Poplawski, Bielefelds Erstem Kapellmeister, auf hohem Niveau gesungen und musiziert wird.

Zum Thema

Weitere Termine: 21. Mai, 1. und 15. Juni, 7. Juli  | www.theater-bielefeld.de

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4822931?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
Nachrichten-Ticker