Nike Wagner im Gespräch
Nicht jedes Jahr die „Neunte“

Münster -

„Mit Liszt in Weimar war es einfacher, als es mit Beethoven in Bonn ist. Da gab es so viel zu entdecken.“ Nike Wagner liebt es, auch über Musik zu sprechen, die nicht von ihrem Urgroßvater Richard Wagner stammt. Bei ihrem Besuch in Münster antwortet sie zwar ebenso geduldig wie gewitzt auf alle Fragen, die sich um ihre berühmte Familie und die Bayreuther Festspiele ranken. Doch ihren Haupt-Job seit 2014, nach der Tätigkeit beim Kunstfest Weimar, hat sie als Intendantin des Beethoven-Fests in Bonn.

Freitag, 26.05.2017, 16:05 Uhr

Feste Größe im deutschen Kulturbetrieb: Nike Wagner ist Intendantin des Beethoven-Fests in Bonn, mischt aber auch aus familiären Gründen in Bayreuth mit.
Feste Größe im deutschen Kulturbetrieb: Nike Wagner ist Intendantin des Beethoven-Fests in Bonn, mischt aber auch aus familiären Gründen in Bayreuth mit. Foto: Rüdiger Wölk

Entdeckungen sind ihr natürlich auch beim scheinbar so bekannten Beethoven wichtig. „Womit er punktet, das ist das Männliche, das Energetische, etwa in seinen Sinfonien“, sagt sie – und möchte, statt „alle Neune runterzuspielen“, lieber die weichere Seite des Klassik-Titanen betonen. So hat das diesjährigen Fest die „ferne Geliebte“ zum Thema – ziemlich frei nach dem von Beethoven geschaffenen ersten großen Liederzyklus „An die ferne Geliebte“. Lieder und Streichquartette spielen eine große Rolle, aber natürlich auch die ganz populären Werke. „Ich kann die Sehnsucht der Bonner nach der neunten Sinfonie nicht jedes Jahr befriedigen“, erzählt sie lachend – spricht dann aber voller Vorfreude von der Public-Viewing-Übertragung auf dem Bonner Marktplatz zur Festival-Eröffnung: In einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1977 dirigiert Herbert von Karajan am 9.9. die Neunte. Beethoven als Zentrum und Ausgangspunkt für die Entdeckung neuer Klänge – darauf zielt Nike Wagner mit Musikern wie dem Dirigenten Ingo Metzmacher oder den Bamberger Symphonikern, aber auch mit einem alten Bekannten aus Münster: dem Dirigenten Dirk Kaftan . Der ehemalige Kapellmeister und derzeitige GMD in Graz tritt im Spätsommer die entsprechende Stelle in Bonn an und entfacht schon große Vorfreude beim Beethoven-Fest. „Er hat eine große Luigi-Nono-Aufführung in Augsburg gemacht“, schwärmt Nike Wagner und plant mit Kaftan ungewöhnliche Programme wie die Aufführung der Dallapiccola-Oper „Il Prigoniero“, die thematisch zu Beethovens „Fidelio“ passt.

Eigentlich möchte Nike Wagner lieber die Werke als die Stars in den Blickpunkt rücken – weiß aber auch, dass Stars wie der Dirigent Teodor Currentzis oder die Geigerin Patricia Kopatchinskaja der Branche guttun. Sorge um die Attraktivität klassischer Musik macht sie sich nicht: „Oft hört man das Vorurteil über alterndes Publikum – da sitze nur ,der Silbersee‘. Aber die Zahlen sprechen dagegen.“

So ganz ohne Wagner kommt sie natürlich nicht aus. Zumal in diesem Jahr ein runder Geburtstag zu feiern ist: Ihr 1966 gestorbener Vater Wieland Wagner, Enkel des legendären Komponisten, wäre 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund gibt es zu Beginn der Bayreuther Festspiele ein Gedenkkonzert, bei dem „durch die Hintertür“ andere Musik als die von Wagner ins Festspielhaus kommt: Berg und Verdi sind dabei, weil Wieland Wagner auch deren Opern inszenierte. Nike Wagner ist der Festspielleitung, also ihrer jungen Cousine Katharina, sehr dankbar, dass das Festspielorchester dafür zur Verfügung steht. Und betont, dass die gern im Boulevard breitgetretenen Familienstreitereien „nicht größer sind als in anderen Familien. Es zeigt ja auch, dass wir uns dafür interessieren, was mit dem Werk unseres Urgroßvaters geschieht“. Zu Wieland Wagner wird es eine Sonderausstellung im Museum Haus Wahnfried geben – mit dessen Leiter Nike Wagner „ex­trem höfliche Briefe“ austauscht, wie sie lächelnd erzählt. Denn bei der Eröffnung des neu gestalteten Museums 2015 hat sie keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des Ausstellungs-Konzepts gemacht. Den Anbau des Architekturbüros Staab, das in Münsters den Museumsneubau schuf, findet sie „okay – das Desaster ist Wahnfried“. Dort hätte dargestellt werden sollen, wie Wagner lebte – aber: „Sie gehen rein, und da ist nichts.“ Um dem Ausstellungs-Minimalismus etwas entgegenzusetzen, hatte Nike Wagner den ironischen Vorschlag unterbreitet, sich mit ihren Geschwistern als lebendige Exponate zur Verfügung zu stellen. Aber eine Einladung der Museumsleitung sei noch nicht gekommen.

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