Interview
Schauspieldirektor Frank Behnke im Gespräch über Theater und Gesellschaft

Münster -

„Je politischer, desto erfolgreicher.“ Auf diesen kurzen Nenner bringt Münsters Schauspieldirektor Frank Behnke die Erkenntnis, dass seine Sparte auf die Saison 2017/18 als ihre stärkste Spielzeit zurückblicken kann – mit politischen Stücken wie „Je suis Fassbinder“, „Andorra“ oder der Uraufführung „Der Reichsbürger“. 

Freitag, 19.10.2018, 17:10 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 18.10.2018, 17:20 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 19.10.2018, 17:10 Uhr
Schauspieldirektor Frank Behnke freut sich darüber, dass politisches Theater im Münsterland auf großes Publikumsinteresse trifft.
Schauspieldirektor Frank Behnke freut sich darüber, dass politisches Theater im Münsterland auf großes Publikumsinteresse trifft. Foto: Wilfried Gerharz

Nicht einmal das Musiktheater mit seinen Stücken im Großen Haus, denen eine Vielzahl von Schauspiel-Produktionen auch in den kleineren Spielstätten gegenübersteht, konnte da mithalten. Und für den Renner im Großen Haus sorgte Behnke als Regisseur selbst: „Obwohl ich gar nicht so gute Kritiken dafür bekommen habe, war ,Die Katze auf dem heißen Blechdach‘ der Publikumsmagnet.“

Dass es auch künstlerisch eine erfolgreiche Spielzeit war, macht Behnke unter anderem an Shakespeares „Kaufmann von Venedig´ fest, dessen Inszenierung durch Regisseur Stefan Otteni nur knapp das Berliner Theatertreffen verpasste – und dort prompt vermisst wurde. Die Art und Weise, in der das Publikum einbezogen wurde, ist nach Behnkes Überzeugung beispielhaft für das, was Theater grundsätzlich leisten muss: „Wir wollen die Menschen aus der Passivität herausholen, wollen sie nicht nur den Abend konsumieren lassen.“

Wilhelm Tell - Schauspiel von Friedrich Schiller

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  • Jonas Riemer als Wilhelm Tell in der Inszenierung von Frank Behnke.

    Foto: Oliver Berg
  • Mitte: Christoph Rinke als Hermann Gessler und Jonas Riemer als Wilhelm Tell. 

    Foto: Oliver Berg
  • Tell konnte seinen Häschern während eines Seesturms entkommen: Jonas Riemer als Wilhelm Tell (vorne) und das Ensemble.

    Foto: Oliver Berg
  • Tell (Jonas Riemer) sagt Gessler (Christoph Rinke) ins Gesicht, dass der zweite Pfeil für ihn gewesen sei und platziert den Apfel, den er vorher seinem Sohn vom Kopf geschossen hat, auf Gesslers Kopf.

    Foto: Oliver Berg
  • Standing Ovations gab es im Großen Haus für die Inszenierung, insbesondere auch für die schauspielerische Leistung von Christoph Rinke und Jonas Riemer.

    Foto: Oliver Berg
  • Dominik Paul Weber, Ilja Harjes, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Wilhelm Schlotterer

    Foto: Oliver Berg
  • Jonas Riemer, Ensemble

    Foto: Oliver Berg
  • Jonas Riemer, Wilhelm Schlotterer, Ulrike Knobloch, Dominik Paul Weber, Louis Nitsche, Paul Maximilian Schulze, Ilja Harjes, Christoph Rinke, Andrea Spicher, Frank-Peter Dettmann

    Foto: Oliver Berg
  • Jonas Riemer als Wilhelm Tell neben dem toten Hermann Gessler (Christoph Rinke).

    Foto: Oliver Berg
  • Christoph Rinke - hier in der Rolle als flüchtiger Parricida - bittet den Tyrannenmörder Tell um Beistand. 

    Foto: Oliver Berg

Wie auch in Behnkes aktueller „Wilhelm Tell“-Inszenierung soll das Publikum spüren, was es heißt, dabei zu sein, mitzugehen, einzugreifen – von dort aus zur Zivilcourage im gesellschaftlichen Umgang führe ein direkter Weg. Schillers Vorstellung vom Theater als „moralischer Anstalt“ bleibt für den Schauspiel-Chef aktuell, er schätzt es etwa, dass ganze fünf Worte von Alexander Gauland („Wir werden sie jagen!“, „Vogelschiss“) einem klassischen Text neue Erfahrungs-Horizonte erschließen, dass andererseits ein Publikum, nachdem es erst lustvoll mit Tell den „Hohle Gasse“-Monolog angestimmt hat, die eigene Erschütterung angesichts des toten Gessler spürt. Um so mehr freut es ihn, wenn durch Aufführungen in der Arena, zu der das Kleine Haus werden kann, oder durch den engen Publikumskontakt im U2 die Zuschauer bewegt werden, auf die Stücke zu reagieren, die Künstler im Nachhinein anzusprechen.

Das Politische im Theater, das sich in Behnkes aktuellem Spielplan bis in die Komödienstoffe hineinzieht („Sein oder Nichtsein“ nach Ernst Lubitsch), soll auch beim NRW-Theatertreffen im Blickpunkt stehen. Vom 30. Mai bis zum 9. Juni lädt das Theater Münster zu dem traditionellen Festival ein und gibt mit dem Motto „Vorsicht, zerbrechlich!“ einen Leitgedanken vor, der die bedeutenden Jubiläen des Jahres 2019 ins Bewusstsein hebt: 70 Jahre Demokratie in Deutschland, 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Wiedervereinigung. „Wie gehen die Theater in Nordrhein-Westfalen damit um?“, fragt Frank Behnke sich und verspricht zugleich einen zehntägigen Überblick über die Vielfalt und Kreativität der NRW-Theater. „Wie werden Theater heute ihrem selbstformulierten Anspruch gerecht, demokratische Erfahrungsräume zu sein?“, heißt es in der Einladung. Für die Zuschauer ist es eine Möglichkeit, „zehn Tage ungewöhnlich intensiv Schauspiel zu erleben“.

Zum Thema

Das NRW-Theatertreffen findet vom 30. Mai bis zum 9. Juni 2019 in Münster statt. Das Programm wird Anfang April vorliegen.

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Kurz zuvor, am 10. Mai 2019, könnte es noch einen weiteren Höhepunkt politischen Theaters in Münster geben: Regisseur Stefan Otteni ist abermals zu Gast und inszeniert „Das Floß der Medusa“ nach dem Roman des letztjährigen Buchpreis-Kandidaten Franzobel. „Diesem Text über ein historisches Ereignis“, schwärmt Behnke, „sind die aktuellen Bezüge ja schon eingeschrieben!“

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