Sie spielen um ihr Leben
Komödie „Sein oder Nichtsein“ feiert umjubelte Premiere im Großen Haus

Münster -

Es sind nicht die knalligen Momente des Stücks, die beim Publikum den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Eher die stillen, nachdenklichen Sätze wie die Shakespeare-Zitate des jungen Juden Grünberg (Niklas Marx), der gegen Ende sein Menschsein und seine Menschenrechte auf einer grotesken Gala der Gestapo ins Gedächtnis ruft. Unweigerlich wird da angesichts der Lachsalven, die Nick Whitbys Komödie nach dem Filmstoff von Ernst Lubitsch hervorruft, auch das Beklemmende der Szenerie bewusst. Ein unterhaltsamer, spannender Premierenabend im Großen Haus des Theaters Münster.

Sonntag, 18.11.2018, 16:27 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 18.11.2018, 15:18 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 18.11.2018, 16:27 Uhr
Die polnische Schauspieltruppe (v.l.: Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Ilja Harjes, Isa Weiß, Christoph Rinke) tritt kostümiert bei einer Gestapo-Gala auf, um diesen Anlass zur Flucht zu nutzen. SS-Gruppenführer Erhard (Gerhard Mohr) fällt auf die Camouflage herein.
Die polnische Schauspieltruppe (v.l.: Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Ilja Harjes, Isa Weiß, Christoph Rinke) tritt kostümiert bei einer Gestapo-Gala auf, um diesen Anlass zur Flucht zu nutzen. SS-Gruppenführer Erhard (Gerhard Mohr) fällt auf die Camouflage herein. Foto: Oliver Berg

Es sind nicht die knalligen Momente des Stücks, die beim Publikum den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Eher die stillen, nachdenklichen Sätze wie die Shakespeare-Zitate des jungen Juden Grünberg ( Niklas Marx), der gegen Ende sein Menschsein und seine Menschenrechte auf einer grotesken Gala der Gestapo ins Gedächtnis ruft. Oder der Satz einer der polnischen Schauspielerinnen, die erstmals die Bühne im gelobten Stockholmer Exil betritt und sinngemäß formuliert: „Sie werden uns sicher gut behandeln, nach allem, was wir durchgemacht haben!“ Unweigerlich wird da angesichts der Lachsalven, die Nick Whitbys Komödie nach dem Filmstoff von Ernst Lubitsch hervorruft, auch das Beklemmende der Szenerie bewusst. Und Nachdenklichkeit greift um sich über die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft heute mit Verfolgten umgeht. 

Das befreiende Lachen und das Lachen, das einem im Halse steckenbleibt, prägt die durchaus grelle und äußerst lebhafte Inszenierung von Christian von Treskow, der Tempo auf die Bühnenbretter bringt, was nicht zuletzt der „Körperarbeit und Biomechanik“ von Tony De Maeyer zu verdanken ist; denn hier wird ständig gerannt, gesprungen, geklettert, und „Heil Hitler“ gerufen, wobei sich der eine oder andere verbiegt oder lustig den Arm verklemmt. Der weitaus überzeugendere Humor freilich ergibt sich aus der „Theater auf dem Theater“-Konstruktion des Stoffes. Während der Schauspieler Josef Tura (Ilja Harjes ist die herausragende Figur des Abends) seinen stets vollkommen manierierten Hamlet-Monolog „Sein oder nicht sein“ spricht, vernascht der Fliegeroffizier Sobinsky (Paul Maximilian Schulze) hinter den Kulissen dessen Frau, die Schauspielerin Maria Tura (Extra-Applaus für Ulrike Knobloch). Doch ist das sozusagen nur die lustige Unterfütterung des eigentlichen Dramas; denn der Gestapo-Spion Prof. Silewski (Christian Bo Salle) bringt eine Liste mit polnischen Widerständlern ins längst von der Wehrmacht überrannte und besetzte Polen und will sie dem SS-Bösewicht Erhard (Gerhard Mohr als jovialer Zyniker) überreichen. Nun geht es für die subversive Schauspieltruppe ums Überleben.

Zweifellos ein Höhepunkt des Stückes ist jene Umkleideszene, unterlegt mit Glenn-Miller-Sound, bei der sich die Theatertruppe unter Führung ihres urkomischen Regisseurs Dowasz (glänzend: Christoph Rinke) für die Gestapo-Gala umzieht, um gut getarnt die finale Flucht anzutreten. Da zeigt Dorien Thomsen mit ihrer fantasievollen Kostümparade und der Drehbühne ihr ganzes Können. Während die Querseite des Aufbaus stets die Nazi-Zentrale zeigt, beherbergt die schmale Seite die Hinterzimmer des Theaters der polnischen Theaterleute. Es zählt zu den feineren Kniffen der mit fünfminütigem, zum Schluss stehendem Applaus bedachten Aufführung, dass Gerhard Mohr im ersten Teil den verfolgten Juden Grünberg darstellt und dann den NS-Schergen Erhard. Besondere Wirkung entfaltet auch das Aufeinandertreffen des erschossenen und bereits einer grotesken Leichenstarre anheimgefallenen Spions und Professors Silewski und des Schauspielers Josef Tura, dem Ilja Harjes mit O-beiniger Pose in fast allen Szenen perfekt das Image einer Knallcharge gibt.

Als Ernst Lubitsch den Stoff 1942 verfilmte, hatte dieser einen klaren Sitz im Leben, ähnlich wie zuvor Charlie Chaplins „Der große Diktator“. Die trotz aller Slapstickeinlagen starke Dramatik des Stoffs stößt heute auf ein gutbürgerliches, demokratiegewohntes Publikum. Doch wirkt das Stück dennoch nicht einfach nur grellbunt, sondern offenbart im zum Teil schwarzen Humor eine zentrale Botschaft: Wachsam zu sein für das Aufkeimen nationaler Parolen, den Hassern ins Gesicht zu lachen und den Verfolgten human zu begegnen. So hat das Stück auch und gerade 2018 in Deutschland seine tiefe Berechtigung.

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Nächste Vorstellungen: 24. Novenber, 1. und 8. Dezember

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