„Eine Winterreise“ im Theater Münster
Mit einem Grab im Schnee

Münster -

Hans Henning Paar choreografiert „Eine Winterreise“ nach Schubert und Zender. Dabei fügt er der musikalischen Komplexität weitere Dimensionen hinzu. Er interpretiert den Liederzyklus mit choreografischen Motiven, die nicht immer leicht zu entschlüsseln sind. Eine faszinierende Herausforderung.

Sonntag, 20.01.2019, 11:44 Uhr aktualisiert: 20.01.2019, 12:14 Uhr
Einen Rückblick tanzen (v. l.) Charla Tuncdoruk, Elizabeth D. Towles und Matteo Mersi. Der Sänger Robert Sellier (kl, Bild) und sein Alter Ego Jason Franklin verkörpern Schuberts Wanderer.
Einen Rückblick tanzen (v. l.) Charla Tuncdoruk, Elizabeth D. Towles und Matteo Mersi. Der Sänger Robert Sellier (kl, Bild) und sein Alter Ego Jason Franklin verkörpern Schuberts Wanderer. Foto: Oliver Berg

Der Tod als Erlöser: Ihn sehnt der Wanderer gegen Ende seiner Winterreise herbei, als er zum Friedhof gelangt. Doch zu seiner Verzweiflung sind in diesem „Wirtshaus“ die Kammern „all besetzt“, und er muss weiterziehen, um sich schließlich dem Leiermann anzuschließen, dessen Drehleier nimmer stillsteht. Ein Bild purer Hoffnungslosigkeit.

Choreograf Hans Henning Paar deutet den Ausgang der Winterreise im romantischen Sinne gnädiger: Bei seinem Tanzabend in Münsters Großem Haus wird der Wanderer nackt in den Schnee gebettet. Er scheint ans Ziel seiner Reise gelangt, während die anderen Menschen, die um ihn kreisen, bis nur noch einer übrig ist, die triste Ewigkeitsbewegung des Leiermanns nachgestalten.

Tenor mit vorbildlicher Genauigkeit und Artikulation

„Eine Winterreise“ heißt der Abend nach der „komponierten Interpretation“ des Dirigenten Hans Zender : Er hat Schuberts 24-teiligen Klavierlieder-Zyklus nicht nur orchestriert, sondern hat ihn auch übermalt, seziert und ergänzt, was die vorhandene musikalische Komplexität noch steigert. So führt etwa die optische Täuschung der Nebensonnen, die den einsamen Winterwanderer an die Augen seiner Liebsten erinnern, zu einer irritierenden Schichtung der Schubert-Klänge, in der sich ein Sänger erstmal zurechtfinden muss.

Eine Winterreise

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  • Jason Franklin, Robert Sellier, Tarah Malaika Pfeiffer 

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Charla Tuncdoruk, Elizabeth D. Towles, Matteo Mersi

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Robert Sellier, Jason Franklin 

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Kana Mabuchi, Tarah Malaika Pfeiffer

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Keelan Whitmore, Jason Franklin

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Kana Mabuchi, Robert Sellier 

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Elizabeth D. Towles, Matteo Mersi, Robert Sellier

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Maria Bayarri Pérez, Adam Dembczynski

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Ensemble

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Robert Sellier, Jason Franklin

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Leander Veizi, Adrián Plá Cerdán, Keelan Whitmore, Jason Franklin

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Der Tenor Robert Sellier hat diese Version bereits in einer Choreografie Paars in München mitgestaltet und kann daher in Münster sogar noch auf der Bühne agieren, von Dirigenten Thorsten Schmid-Kapfenburg aus dem Orchestergraben aufmerksam unterstützt. Sellier gestaltet mit vorbildlicher Genauigkeit und Artikulation die Lieder, jedes Wort ist deutlich. Auf jene Dramatik, die ein reiner Liederabend womöglich verlangen würde, kann er in dieser Produktion verzichten.

Hans Henning Paar fügt der musikalischen Komplexität weitere Dimensionen hinzu, weil er nur in wenigen Momenten die Vorgänge aus Wilhelm Müllers Texten direkt abbildet, bei der bizarren Krähe (Kana Mabuchi) etwa oder dem fast putzigen „Frühlingstraum“. Stattdessen lässt er den Wanderer mit seinem Alter Ego (Jason Franklin) die Gefühle reflektieren, die ihn nach enttäuschter Liebe in die Einsamkeit jenseits der Stadt treiben, oder er schafft Erinnerungsbilder an jene Zeit, die den Wanderer auf ein Glück in der Gesellschaft hoffen ließen. Paar unterscheidet zwischen einer festlichen Schickimicki-Truppe, die am Ende nicht merkt, dass sie ihren eigenen Totentanz aufführt, und einer bunten Menschenschar, aus der sich zu Beginn der Wanderer herauslöst (Kostüme: Isabel Kork).

Faszinierende Herausforderung

Bernhard Niechotz hat den Tänzern einen Raum auf die Bühne gestellt, dessen Hintergrund-Scheiben zunächst ein Innen und Außen suggerieren, bevor nach der Pause nur noch ein Teil davon stehenbleibt – die Welt, aus der der Wanderer kommt, ist schon fast entschwunden. Dass die Pause erst nach dem 13. Lied einsetzt und somit die kurzfristige Fröhlichkeit der Posthörner noch in den ersten Teil des Abends zwingt, gehört zu den ungewöhnlichen Entscheidungen Paars. Sein dirigierender Partner Thorsten Schmid-Kapfenburg muss mit dem skurril besetzten Orchester ein ganzes Kaleidoskop von Stimmungen koordinieren; zwischen Akkordeon- Volksmusik, der Kunstsphäre des Streichquartetts und den Choralklängen im „Wirtshaus“, in denen Schubert Schönheit und Trauer auf einzigartige Weise verbindet, reagiert Münsters Orchester in raschem Wechsel.

Das große Tanz-Ensemble bietet staunenswerte Vielfalt, sei es im Kontrast zwischen den chorischen Bewegungen der Gesellschaft und den individuellen Gestalten, sei es in der Schönheit der Nebensonnen (Elizabeth Towles, Maria Bayarri Pérez, Fátima López Garcia) oder dem beklemmenden Solo Keelan Whitmores im „Wegweiser“. Hans Henning Paar hat „Eine Winterreise“ erwartungsgemäß nicht illus­triert, sondern mit einer Fülle choreografischer Motive interpretiert, die nicht immer leicht zu entschlüsseln sind. Eine faszinierende Herausforderung, die mit reichem Beifall bedacht wurde.

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Die nächsten Aufführungen: 26. Januar, 2. und 8. Februar

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