Verkürzte Ruhrfestspiele bieten „Poesie und Politik“ sowie neue Ideen
100 Menschen auf dem Laufsteg

Recklinghausen -

Eine Woche kürzer, weniger Sponsorengeld in der Hand – und doch scheinen die Ruhrfestspiele mit einem Etat von sechs Millionen Euro vital zu sein. Und das im ersten Jahr nach dem Ende des Steinkohlebergbaus. „Poesie und Politik“ verspricht das Leitwort 2019. Das kann spannend werden.

Mittwoch, 30.01.2019, 17:48 Uhr
Olaf Kröck ist neuer Intendant der Ruhrfestspiele, die vom 1. Mai bis zum 9. Juni mit 90 Produktionen und 210 Veranstaltungen in Recklinghausen über die Bühne gehen.
Olaf Kröck ist neuer Intendant der Ruhrfestspiele, die vom 1. Mai bis zum 9. Juni mit 90 Produktionen und 210 Veranstaltungen in Recklinghausen über die Bühne gehen. Foto: dpa

Eine Woche kürzer, weniger Sponsorengeld in der Hand – und doch scheinen die Ruhrfestspiele mit einem Etat von sechs Millionen Euro vital zu sein. Und das im ersten Jahr nach dem Ende des Steinkohlebergbaus. „Poesie und Politik“ verspricht das Leitwort 2019. Das kann alles und nichts heißen. Aber der neue Intendant Olaf Kröck (47), der in Bochum wohnt und dort lange am Schauspielhaus wirkte, erklärt den rund 100 angereisten Journalisten aus der Region zwischen Rhein, Ruhr und Ems eloquent, was er selbst will, was das Theater will und was die Ruhrfestspiele wollen. Es gebe eine „Sehnsucht nach einfachen Antworten“ auf „komplexe Fragen“. Das sei „gefährlich“. Das Theater wolle „gegenwärtig“ sein, „Widerstand leisten“ gegen den Populismus der einfachen Lösungen. Diese Theaterlosungen klingen in Münster und anderswo ähnlich.

Die komplexe weite Welt, das komplizierte Innenleben der Menschen: Beidem wollen die Festspiele Raum bieten. Schon zum Auftakt am 1. Mai, wenn 100 gecastete Menschen aus dem Revier im Recklinghäuser Stadtkern über einen Laufsteg ziehen und ihre Geschichten erzählen. Sodann mit der Uraufführung des Stückes „Das Heerlager der Heiligen“ nach Jean Raspail, eine Koproduktion mit dem Theater Frankfurt. Da geht es um 100 Schiffe aus Indien mit den Ärmsten der Armen, die in Frankreich anlegen und das Land in Verlegenheit stürzen. Verheißungsvoll klingt auch das Stück „Ein wenig Leben“ nach dem Roman von Hanya Yanagihara. Die Produktion aus Amsterdam dreht sich um vier Männer und ihre Beziehungen zwischen Schönheit und Abgründen. Der Brite Peter Brook, einer der einflussreichsten Theatermacher des 20. Jahrhunderts, erzählt in „The Prisoner“ (Théâtre des Bouffes du Nord, Paris) eine atemberaubende Geschichte von Schuld und Sühne. Vielleicht kommt der 94-Jährige zur Deutschlandpremiere. „Das Hotel für ihn ist gebucht“, versichert Kröck.

Waren zuletzt auch Hollywood-Größen wie John Malkovich oder Bill Murray zu Gast im Revier, so wird der Glamour-Faktor diesmal etwas zurückgefahren, was die Theater-Puristen des traditionsreichen Arbeiter-Festivals nicht stören wird. Denn was sich da sonst noch im Schauspiel tut, klingt spektakulär: Ein 24 Jahre alter Klassiker des Berliner Ensembles etwa ist die Heiner-Müller-Inszenierung des Brecht-Stücks „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mit Martin Wuttke, den Quentin Tarantino immerhin als „Hitler“ für Hollywood engagierte.

Wieder ganz „gegenwärtig“ kommt das Stück „Hochdeutschland“ nach dem furiosen Roman von Alexander Schimmelbusch daher, in dem ein frustrierter Investmentbanker eine Revolution anzettelt. Die Münchner Kammerspiele bringen ihre Uraufführung des Stoffes nach Recklinghausen. Devid Striesow und Maria Schrader kommen mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, das am Schauspielhaus Hamburg gefeiert wird, ebenfalls vorbei. Für Theater-Feinschmecker dürfte auch die Theaterwerkschau mit dem Mülheimer Theatermann Roberto Ciulli mehr als attraktiv sein.

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