Der Dirigent Matthias Foremny erinnert sich an prägende Lehrjahre in Münster
„Abends Trompete in der Krypta“

Münster -

Münsters Sinfonieorchester, die Musikhochschule und die Westfälische Schule für Musik feiern ihr 100-jähriges Bestehen. In einer Serie blicken Musiker, Dirigenten und Schauspieler auf ihre prägenden Erfahrungen mit der Musik- und Bühnenwelt der Stadt zurück. Heute berichtet Matthias Foremny (46) über seinen Weg von der musikalischen Ausbildung in Münster ans Dirigentenpult renommierter Theater und Orchester.

Freitag, 01.03.2019, 18:31 Uhr aktualisiert: 01.03.2019, 19:04 Uhr
Der Münsteraner Matthias Foremny (46) in seinem Element: am Dirigentenpult. Am 26. und 27. November sowie am 1. Dezember dirigiert er das Sinfonieorchester seiner Heimatstadt Münster.
Der Münsteraner Matthias Foremny (46) in seinem Element: am Dirigentenpult. Am 26. und 27. November sowie am 1. Dezember dirigiert er das Sinfonieorchester seiner Heimatstadt Münster. Foto: Reiner Pfisterer

Münsters Sinfonieorchester, die Musikhochschule und die Westfälische Schule für Musik feiern ihr 100-jähriges Bestehen. In einer Serie blicken Musiker, Dirigenten und Schauspieler auf ihre prägenden Erfahrungen mit der Musik- und Bühnenwelt der Stadt zurück. Heute berichtet Matthias Foremny über seinen Weg von der musikalischen Ausbildung in Münster ans Dirigentenpult renommierter Theater und Orchester.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Kontakt zur Musik überhaupt?

Matthias Foremny: Mein Vater war Musiker, Komponist und Dirigent, also gingen in unserer Wohnung in der St.-Stephanus-Gemeinde in Münster die Musiker ein und aus. Da wurde sogar Kammermusik gespielt. Ich wundere mich heute noch, das die Nachbarn nicht öfter protestiert haben. Als junger Messdiener in St. Stephanus habe ich schon die Trompete gespielt.

Matthias Foremny

1972 geboren in Münster1991 Abitur, Paulinum1992-1998 Studium in Detmold und Wien1995 Gewinner des Dirigentenwettbewerbs „Prager Frühling“1998-2000 1. Kapellmeister und stellvertretender GMD am Landestheater Detmold2000-2003 1. Kapellmeister Komische Oper Berlin2003-2012 GMD und Operndirektor am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin2012 Echo-Klassik-PreisSeit 2011 Erster ständiger Gastdirigent an der Oper LeipzigSeit 2013 Chefdirigent des Stuttgarter KammerorchestersSeit 2014 Professor für Dirigieren und Orchesterleitung an der Hochschule für Musik in LeipzigBedeutende Orchester:Gewandhausorchester, Staatskapelle Dresden, Deutsches Sinfonieorchester Berlin, Bundesjugendorchester, Rundfunksinfonieorchester von Berlin bis Helsinki.

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War die Trompete schon immer Ihr Lieblingsinstrument?

Foremny: „Wenn Du auf Dauer etwas mit Musik anfangen willst, dann brauchst Du als solide Grundlage das Klavier“, sagte mein Vater. Also habe ich mit acht Jahren mit dem Klavierunterricht angefangen. Aber nicht zu Hause, sondern in der Westfälischen Schule für Musik bei Ursula König. Zur Kommunion habe ich dann die ersehnte Trompete geschenkt bekommen.

Bei wem hatten Sie Trompetenunterricht?

Foremny: „Du gehst zum besten Trompeter in Münster!“, hieß es. Und das war Alfred Bertram , und der war für mich in menschlicher und künstlerischer Hinsicht ein Glücksfall. Bertram war Leiter des Westfälischen Jugendblasorchesters und Solotrompeter am Theater. Ein Musiker zum Anpacken, man kann fast sagen: ein „Besessener“, aber im positiven Sinne. Bertram hat für die Konzertaufführungen des Jugend­orchesters in seinem Keller noch selber Bühnendekorationen zusammengezimmert.

Vom Trompeter zum Dirigenten, ist das ein eher ungewöhnlicher Weg?

Foremny: Schon etwas, aber für mich hat sich das alles sehr organisch entwickelt. Vorteilhaft war, dass ich mit der Trompete in einem Orchester spielen konnte und so wusste, wie so ein Klangkörper tickt. Dann habe ich ein Blechbläserquintett gegründet. Vater nahm mich mit zum Stephanus-Kirchenchor und ließ mich Chorsätze einstudieren. Ähnlich erging es mir am Paulinum, wo Uta Hussong und zuvor Gerhard Wild mich schon früh mit Einstudierungen für den Schulchor beauftragten. Die Oper in Leipzig Foto: Kirsten Nijhof

Wie viel Zeit haben Sie im Laufe der Jahre für die Musik investiert?

Foremny: Das war schon erheblich. Ursula König hat mir einiges abverlangt. Dann kamen die Prüfungen und Wettbewerbe, etwa bei Jugend musiziert, oder auch Kammermusikauftritte. In der gymnasialen Oberstufe war das schon ein ziemliches Pensum. Erst die Schule und dann drei Stunden Musik am Tag. Klavier zu Hause und Trompete in der Krypta der Stephanuskirche ...

In der Krypta?

Foremny: Na ja (lacht), also den Nachbarn in der Aaseestadt konnte man die Trompetenklänge am Abend nun wirklich nicht zumuten. Also durfte ich mit Erlaubnis des Pfarrers abends in der Kirchen-Krypta üben.

Zum 100. Jubiläum lobt Münsters Musikwelt die harmonische Verzahnung der Kultur- und Musikinstitutionen. War das früher auch schon so?

Foremny: Ich denke, die Vernetzung ist in Münster immer schon etwas dichter gewesen als anderswo. Die Stadt hat dafür eine ideale Größe. Man kennt sich eben. Durch meinen Vater und durch das Paulinum mit seiner musikalischen Ausrichtung und dann natürlich die Lehrer an der Musikschule stand für mich zugleich immer der Weg zum Theater offen.

War Ihnen schon früh klar, dass die Reise Richtung Dirigent geht?

Foremny: Durch die frühen Kontakte mit Chören, mit der Schulmusik, sodann mit Orchestermusikern und mit dem Theater wurde ich optimal gefördert. Mit 16 Jahren war mir eigentlich bewusst: Das könnte mein Weg sein. Ich durfte dann später bei Will Humburgs „Salome“-Produktion hospitieren. Es wurde immer klarer: Das geht in die Richtung Orchester und Theater.

Wie sieht Ihr musikalisches und berufliches Umfeld heute aus?

Foremny: An der Musikhochschule in Leipzig bin ich Professor für Dirigieren und Orchesterleitung. Das ist mein fester beruflicher Pol, für den ich dankbar bin. Mit etwa 20 Abenden, ein bis zwei Premieren im Jahr, bin ich Gastdirigent an der Leipziger Oper. Das ergänzt sich ideal, zumal ich dort bei der Vernetzung der Kulturinstitutionen Gewandhaus, Oper und Thomanerchor aktiv mitwirke, was wiederum den Studierenden zugute kommt, die im Fach Dirigieren bei Opernaufführungen die Tasteninstrumente im Gewandhausorchester bedienen dürfen, aber auch szenische Proben an der Oper auf dem Klavier begleiten. Kürzlich hat das Hochschulorchester vor 2000 Zuhörern die wöchentliche Kantate des Thomanerchores in der Thomaskirche begleitet.

Gab es einen beruflichen Höhepunkt in Ihrer Karriere? Den Dokumentarfilm über den Pianisten David Helfgott 2016 etwa?

Foremny: Dieser Film war sehr gelungen und traf auch in Münster im Schlosstheater auf ein begeistertes Publikum. Es war schön zu sehen, wie ein faszinierender Musiker mit einem Handicap und die Musik zu einem großen Ereignis zusammenfinden. Ich finde es bedauerlich, dass das Thema Inklusion im Bereich der klassischen Musik so gut wie kein Thema ist. Nach Thomas Quasthoff ist der Hornist Felix Kieser derzeit der einzige prominente Musiker mit einer starken Behinderung. Man kann ihm für sein Spiel nicht genug Respekt und Anerkennung zollen. Hier sind Agenturen, Intendanten und Konzertveranstalter, die ausnahmslos das oberflächlich Schöne und vermeintlich Perfekte präsentieren, aber auch Musikschulen und Hochschulen gefordert; flexible Aufnahmebedingungen und bauliche Veränderungen auch in den Backstage-Bereichen der Opernhäuser, Probenräume und Konzertsäle sind notwendig. Ein Umdenken in dieser Frage würde ganz sicher weitere Barrieren zu unserem Publikum abbauen. Das hat der Helfgott- Film eindringlich gezeigt.

Schwebt Ihnen bei allen Erfolgen noch so etwas wie ein Traumjob vor oder haben Sie konkrete Planungen als Dirigent?

Foremny: Ich bin dankbar, dass ich den sicheren Hafen Leipzig habe, ich mag diese Stadt mit ihrer speziellen Patina. Mit dem Kammerorchester in Stuttgart arbeite ich weiterhin eng zusammen. Aktuell bin ich mit dem Münchner Rundfunkorchester und der dortigen August-Everding-Akademie in München dabei, die Oper „L’Ancêtre“ von Camille Saint-Saëns nach 113 Jahren auf der Bühne des Prinzregententheaters wiederzuentdecken. Premiere ist am 20. März. Im November dann werde ich die Sinfonie­orchester in Wuppertal und dann auch in Münster zum Jubiläum dirigieren.

Ein Wort noch zu Münster, das ja gerne Musik-Stadt sein möchte ...

Foremny: Ich denke, in Münster läuft, was die musikalische Ausbildung betrifft, vieles vorbildlich. Es ist wichtig, dass sich die mit der musikalischen Förderung befassten Institutionen breit aufstellen und kommunizieren. Die Generalmusikdirektoren der Stadt, wie ich sie mit Will Humburg, Fabrizio Ventura und jetzt mit Golo Berg erlebt habe, hatten und haben eine prägende Wirkung und die nötige Erfahrung, Münster als Musik- und Theaterstadt weiter nach vorne zu bringen. Leider hat das damals mit einer neuen Musikhalle nicht geklappt ...

Dafür denkt man hier jetzt an einen Musikcampus in Kooperation mit der Universität Münster...

Foremny: Eine vielversprechende Idee. Ich wünsche Münster, dass das Wirklichkeit wird.

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