Doppelausstellung im Kunstmuseum
Präsenz von Licht und Farbe

Ahlen -

So viel Wertschätzung hat eine Plastiktüte bislang wohl selten erfahren. Die Einkaufstüte mit dem markanten diagonalen blau-weißen Streifenmuster und dem Logo des Lebensmitteldiscounters Aldi hatte Roland Klein, Vertreter des Vorstands der Sparkasse Münsterland Ost, rahmen lassen und überreichte sie Dr. Stefan Trescher als stellvertretendem Leiter des Kunstmuseums Ahlen am Donnerstag beim Pressetermin zur neuen Ausstellung.

Sonntag, 10.03.2019, 02:00 Uhr aktualisiert: 10.03.2019, 04:00 Uhr
Dr. Robert Freiberg hat die Ausstellung mit Werken des Malers Günter Fruhtrunk kuratiert
Dr. Robert Freiberg hat die Ausstellung mit Werken des Malers Günter Fruhtrunk kuratiert Foto: Dierk Hartleb

Das blaue-weiße Muster geht auf einen der bekanntesten deutschen Künstler der Nachkriegszeit zurück: Günter Fruhtrunk (1923 -  1982). Diesem Maler, der 1982 in seinem Atelier in der Münchener Akademie der Bildenden Künste durch Freitod aus dem Leben schied, widmet das Kunstmuseum in seinem Neubau eine Ausstellung mit Werken aus dem Zeitraum von 1957 bis 1982. Leihgeber ist die Sammlung Maximilian und Agathe Weishaupt aus Ulm. Im Altbau wird parallel ein ausgewählter Querschnitt von Ar­beiten des 2016 in München verstorbenen Fo­tografen Andreas Horlitz mit den Schwerpunkten aus Glas- und Spiegelarbeiten, Leuchtkästen und sogenannten Kopiermontagen gezeigt.

Für die Gestaltung der Aldi-Plastiktüte hat sich Fruhtrunk bei seinen Studenten damals entschuldigt, weil Auftragsarbeiten für die Wirtschaft seinerzeit verpönt waren, wie Dr. Robert Freiberg als Kurator erläutert. Der Qualität der Werke tut dieser „Sündenfall“ keinen Abbruch, denn sie bestechen durch ihre großartige formale und farbliche Qualität.

Spannend ist es, die künstlerische Entwicklung Fruhtrunks in der Ausstellung zu verfolgen. In den 1950er Jahren bestimmen geome­tri­sche, verschiedenfarbige Formen wie Kreis, Quadrat und Quader die Kompositionen, die in ein spielerisches Verhältnis zueinander gesetzt sind. Dieses rhythmische Spiel mit den Grundformen weicht zunehmend meist horizontal oder vertikal angeordneten Streifen – ein Ausdruck, den Fruhtrunk laut Freiberg verabscheut haben soll – oder Balken, wobei das Rhythmische beibehalten wird. Die Nähe zur Musik ist unverkennbar, manche Bilder können sogar als Partituren interpretiert werden.

Ab Ende der 1960er Jahre verbreitern sich die jetzt oft diagonalen Balken zu regelrechten Farbfeldern mit feinen, ebenfalls farbigen Rändern, die eine faszinierende Farb- und Leuchtkraft entwickeln und sich auch wegen des Verzichts auf Rahmen in den umgebenden Raum ausdehnen.

Farbe und Leuchtkraft sind auch Charakteristika, die die Arbeiten von Andreas Horlitz (1955 - 2016) auszeichnen, das gilt exemplarisch für die Leuchtkästen. „Durch die schiere Präsenz von Licht und Farbe werden die Bildgegenstände geradezu überstrahlt und in eine ganz neue bildliche Balance gebracht“, sagt Trescher, der diesen Teil der Ausstellung kuratiert. Geordnet sind die Bildwerke, die Horlitz wie ein visuelles „Lexikon“ betrachtet, nach ihren Grundfarben Rot, Blau und Gelb.

Auch in den flächigen Glasarbeiten des Fotografen „spielt das Licht eine entscheidende Rolle“, so Trescher, wenn auch in einer anderen Intensität. Im Mittelpunkt stehen Porträts von Personen aus dem Umfeld des Künstlers oder „Autoportraits“, in denen es nicht um äußere Erscheinung, sondern um die DNA geht. Dazu bedient sich Horlitz biologisch-medizinischer Bildverfahren, um zum Beispiel seinen Schlaf- und Wachrhythmus zu dokumentieren. In allen Bildern tritt der Betrachter als weitere Person hinzu und sieht sich im Spiegelbild des Künstlers als Anderen.

In einer dritten Serie beschäftigt sich Horlitz mit den sogenannten „Kopiermontagen“, bei denen er vorgefundene Bildmotive aus Kunst, Zeitgeschehen und Naturwissenschaft durch Doppelbelichtungen derart verfremdet, dass nur noch die von ihm verwendeten Piktogramme sicht- und erkennbar bleiben, während die ei­gentlichen Bildmotive durch die veränderte Kontextualisierung verschwommen bleiben.

In seinem Testament hat der Künstler dem Kunstmuseum Ahlen seinen Nachlass vermacht, nachdem das ZKM Karlsruhe abgelehnt hatte. Diese Ausstellung mit dem Titel „Reflection“ ist die erste Präsentation mit dem Konvolut des Künstlers, das in weiten Teilen noch auf seine Aufarbeitung wartet.

Zu Eröffnung der Doppelausstellung am heutigen Samstag, 9. März, um 16 Uhr sprechen beide Kuratoren, Dr. Stefan Trescher und Dr. Robert Freiberg.

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