Gernot Wojnarowicz, heute Orchesterdirektor am Staatstheater Darmstadt, zieht Bilanz 
„Münster hat sich toll entwickelt“

Münster -

Münsters Sinfonieorchester, die Musikhochschule und die Westfälische Schule für Musik feiern in diesem Jahr gemeinsam das 100-jährige Bestehen. In einer Serie blicken Musiker, Dirigenten und Schauspieler mit Wurzeln oder prägenden Eindrücken in der Westfalenmetropole auf ihre Erfahrungen mit der Musik- und Bühnenwelt der Stadt zurück. Gernot Wojnarowicz, Orchesterdirektor am Staatstheater Darmstadt, blickt im Gespräch mit Harald Suerland auf seine Arbeit mit dem Sinfonieorchester Münster zurück.

Freitag, 15.03.2019, 16:24 Uhr
Gernot Wojnarowicz arbeitete früher viele Jahre für das Sinfonieorchester Münster und ist jetzt seit 2014 Orchesterdirektor am Staatstheater Darmstadt.
Gernot Wojnarowicz arbeitete früher viele Jahre für das Sinfonieorchester Münster und ist jetzt seit 2014 Orchesterdirektor am Staatstheater Darmstadt. Foto: Sonja Werner

Guten Morgen Gernot . Nach unserer gemeinsamen Studienzeit in Bochum bist Du ja zunächst als Dramaturg ans Essener Aalto-Theater gegangen und kamst im Jahr 1993 nach Münster. War das Dein eigentliches Ziel: für ein Orchester zu arbeiten?

Gernot Wojnarowicz: Ganz so würde ich es nicht sagen; denn ich liebe die Arbeit im Theater und speziell an Opernproduktionen. Als Orchestermanager war ich allerdings schon damals in Münster viel unmittelbarer mit künstlerischem Programm und Organisation befasst als bei der Dramaturgenarbeit im Opernbetrieb. Die erste Konzertsaison des damaligen Generalmusikdirektors Will Humburg habe ich ja schon mitgeplant, bevor ich selbst nach Münster kam.

Gernot Wojnarowicz

Gernot Wojnarowicz wurde 1962 in Duisburg geboren. Hochschul-Background erwarb er sich in Bochum und Wien (Musikwissenschaft/Geschichte). Seit September 2014 ist er als Orchesterdirektor und Konzertdramaturg am Staatstheater Darmstadt tätig. 1993 kam er als Orchestergeschäftsführer nach Münster. Von 2001 bis 2014 war Gernot Wojnarowicz Intendant der Philharmonie Südwestfalen. Über zehn Jahre hat Gernot Wojnarowicz mit Kollegen jährlich in Berlin den „Deutschen Orchestertag“ veranstaltet, der sich als wichtigstes Forum zum Austausch und zur Weiterbildung für Orchestermanager im deutschsprachigen Raum etabliert hat.

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Wie kam das?

Wojnarowicz: Humburg und ich kannten uns von der Essener Oper, und bevor er 1992 die Stelle in Münster antrat, haben wir gemeinsam das Programm erarbeitet – ich war damals noch Geschäftsführer der Musikfabrik NRW und bin ein Jahr später nachgekommen. Wir haben im Team die Programme entwickelt, gemeinsam mit Operndramaturg Wolfgang Haendeler und später seinem Nachfolger Berthold Warnecke.

Und gleich im ersten Jahr der Ära Humburg einen großen Erfolg gelandet ...

Wojnarowicz: Ja, unser erstes Jahresprogramm wurde mit dem Preis für das beste Konzertprogramm in Deutschland ausgezeichnet.

Den vergibt der Deutsche Musikverleger-Verband und legt dabei Wert auf Vielfalt und Kreativität, aber auch auf die Berücksichtigung zeitgenössischer Musik. War das eine Herausforderung für Münsters Publikum?

Wojnarowicz: Das habe ich so nicht feststellen können. Wir hatten keinerlei Probleme – unsere Programme passten ja zur Stadt. Auch vorher gab es hier gute Musik und gute Dirigenten, etwa Alfred Walter. Ich kann aber nicht beurteilen, ob es einen übergeordneten inhaltlichen Zugriff gab, so wie wir ihn angestrebt haben, auch über die Konzertsparte hinaus mit einer Opernproduktion wie Azio Corghis „Divara“ oder Stücken wie Bernd Alois Zimmermanns „Ekklesiastischer Aktion“. Der Verlag Aschendorff hat das ja sogar in dem Buch „Musikalische Bekenntnisse“ dokumentiert.

Der heutige Generalmusikdirektor Golo Berg sagt, man müsse eben nur das Vertrauen des Publikums gewinnen ...

Wojnarowicz: Genau so sehe ich das auch. Man kann eine Menge machen, und es liegt nicht nur am Programm, ob die Leute kommen: Man muss ihnen herausfordernde Erlebnisse bieten.

Wie war es denn eigentlich für Dich, aus dem heimischen Ruhrgebiet nach Münster zu kommen?

Wojnarowicz: Ich fand es hier schon sehr katholisch (lacht) – was ich ja selber bin. An eine kuriose Debatte kann ich mich erinnern: Eine Bruckner-Sinfonie in einer Kirche konnten wir erst durchsetzen, als wir sie mit Orgelmusik von Messiaen kombiniert haben. Ansonsten hat sich Münster seit damals ja atmosphärisch toll entwickelt: Als ich hier anfing, musste man Außengastronomie fast noch suchen – das italienische Flair kam erst nach und nach.

Wie war es denn atmosphärisch mit dem Sinfonieorchester Münster: Hast Du die Musiker irgendwie als speziell erlebt?

Wojnarowicz: Nicht als speziell, sondern als sehr kollegial. Mir waren und sind ja die kammermusikalischen Veranstaltungen immer wichtig, und es machte großen Spaß, die Erbdrostenhof-Konzerte gemeinsam mit dem Cembalisten Gregor Hollmann und die Rathauskonzerte mit den Orchestermusikern zu organisieren. Aus dem Orchester kam ja auch der Wunsch, ein Ensemble für Neue Musik zu gründen, was wir mit „Compania“ getan haben – bis hin zu einem Kompositionsauftrag. Kann schon sein, dass mir meine Arbeit bei der Musikfabrik NRW dabei geholfen hat, wo ich Komponisten und neue Werke kennenlernte.

Ich kann mich aus unserer Studienzeit an Deine Leidenschaft für Schostakowitsch erinnern. Hast Du beim Programmplanen mit Will Humburg auch mal solche Vorstellungen durchgedrückt?

Wojnarowicz: (lacht) Da musste man nichts durchdrücken, wir haben das wunderbar im Team besprochen. Aber klar, ein noch junger Generalmusikdirektor kann ja nicht alles kennen – das war schon eine Chance.

Du bist 2001 als Intendant zur Philharmonie Südwestfalen gegangen, später aber wieder mit Humburg am Staatstheater Darmstadt zusammengetroffen. Er ist mittlerweile wieder weg, Du bist noch da?

Wojnarowicz: Genau, ich habe hier meinen Vertrag verlängert und genieße es, in der Umgebung viel Konzert und Theater mitzukriegen, in Frankfurt etwa – selbst Köln ist gut zu erreichen. Abgesehen davon bin ich aus familiären Gründen oft in Hamburg.

Und wie findest Du die Debatten um die Elbphilharmonie, wie sie zuletzt nach dem Konzert Jonas Kaufmanns wieder aufgebrochen sind?

Wojnarowicz: Ich finde den Saal großartig, man muss eben mit der Akustik umgehen können – und wer einen romantischen Schmelzklang erwartet, ist hier nicht unbedingt richtig. Man sollte aber auch bedenken, dass wir heute von Stradivari-Geigen schwärmen, die 300 Jahre alt sind: Ein Saal ist wie ein Instrument, dessen Klang sich entwickelt. Und das wird keine 300 Jahre dauern!

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