Der Isenheimer Altar in Colmar wird erneut aufwendig restauriert
Von der Finsternis ins hellste Licht

Colmar/Münster -

Der Isenheimer Altar in Colmar zählt zu den bedeutensten Kunstwerken der Welt. Nun wird er wieder restauriert und aufgefrischt. Vier Jahre lang für 1,2 Millionen Euro. Und die Besucher können den Restauratoren dabei sogar zuschauen.

Donnerstag, 18.04.2019, 15:18 Uhr
Die Schauseite des Isenheimer Altars zeigt die wohl bekannteste Kreuzigungsszene der Kunstgeschichte. Nie zuvor hatte ein Maler die Kreuzigung und ihre Qualen derart realistisch und schonungslos gezeigt. Das runde Bild zeigt eine Restauratorin bei der Arbeit. Sie säubert eine Altartafel vorsichtig mit Wattestäbchen.
Die Schauseite des Isenheimer Altars zeigt die wohl bekannteste Kreuzigungsszene der Kunstgeschichte. Nie zuvor hatte ein Maler die Kreuzigung und ihre Qualen derart realistisch und schonungslos gezeigt. Das runde Bild zeigt eine Restauratorin bei der Arbeit. Sie säubert eine Altartafel vorsichtig mit Wattestäbchen. Foto: dpa/Unterlinden-Museum

Das Unsagbare ausdrücken. Das Unerhörte verkünden. Das Unfassbare künstlerisch darstellen. In allen Kirchen der Welt haben sich Künstler mit der Frage beschäftigt, wie Jesu Tod und Auferstehung abgebildet werden können. Auch im Münsterland und in Westfalen finden sich über die Jahrhunderte so namhafte Künstler wie der „ Meister des Schöppinger Altars “ (15. Jahrhundert), Johann Koerbecke (1415/20-1491) oder Conrad von Soest (1377 – nach 1472). Doch kaum ein sakrales Kunstwerk ist bekannter und ausdrucksstärker als der Isenheimer Altar im elsässischen Colmar.

Der bekommt nun erneut eine Frischekur. Das Meisterwerk von Matthias Grünewald (um 1480-1528) mit seiner realistischen Kreuzigungsszene wird seit 2018 für drei bis vier Jahre lang umfassend restauriert. Kosten: 1,2 Millionen Euro. Dabei bleibt das im Unterlinden-Museum in drei Teilen ausgestellte Meisterwerk, das Jahr für Jahr Tausende Touristen ins Elsass lockt, die ganze Zeit über zugänglich. Eine Live-Kamera überträgt die Arbeiten aus der Werkstatt in Paris, wo die Skulpturen restauriert werden. Die Arbeit an den Tafeln kann von den Besuchern direkt vor Ort beobachtet werden. Die Werkstatt dort ist im Altarraum eingerichtet und durch Plexiglasscheiben vom restlichen Besucherraum abgetrennt.

Der Bildtafeln des Wandelaltars sind vergilbt, gibt Blandine Chavanne, Chefin der Verwaltungsbehörde für die französischen Museen, zu bedenken. Um die Strahlkraft der Farben wieder herzustellen, soll der Schutz-Anstrich auf den Gemälden, der so genannte Firnis, zum Teil abgetragen werden. Zum Altar gehören auch Holzskulpturen. Sie werden sukzessive entstaubt; die Bemalung, die sich mancherorts gelöst hat, muss neu fixiert werden.

Über die Jahrhunderte ist der Isenheimer Altar immer wieder ausgebessert und erneuert worden. Das begann schon 1794-1797 mit einem Firnisauftrag. Nach langen Pausen hat sich ein engmaschigeres Restaurationsprogramm entwickelt, das im 20. und 21. Jahrhundert nun in fast jedem Jahrzehnt neue Arbeiten erforderlich macht. Und die Diskussionen um den rechten Weg gehören unter den Kunsthistorikern und Restauratoren unweigerlich dazu.

Der heiklen Arbeit an dem Meisterwerk gingen auch jetzt wieder umfangreiche Studien voraus: Die Bilder wurden geröntgt und mit 3D-Mikroskopen untersucht, Pigmentproben wurden entnommen. Die letzte Restaurierung wurde 2011 sogar abgebrochen. Die Fachpresse hatte ein zu schnelles Vorgehen angeprangert. Ein Experten-Komitee soll jeden Schritt begleiten, um zu verhindern, dass die Original-Malschicht Schaden nimmt.

Nie zuvor hatte ein Maler die Kreuzigung und ihre Qualen derart realistisch gemalt wie Matthias Grünewald. Der Körper des Gekreuzigten ist im Todeskampf verdreht, die Hände öffnen sich gegen den Himmel; der ungewöhnlich groß dargestellte Nagel, der die Füße am Kreuz befestigt, zerreißt förmlich den Fuß, Blut tropft herunter. Das Haupt Christi ist von einem ungewöhnlich großen Dornengeflecht gekrönt und voller Blut und Wunden. Die Lippen sind blau angelaufen; Zunge und Zähne sind sichtbar. Stacheln stecken im Oberkörper – Relikte der Geißelung. Eitrige Geschwüre sind über den Körper, der eine fahle Färbung aufweist, verteilt. Matthias Grünewald wollte die totale Erniedrigung und völlige Zerstörung der menschlichen Natur Christi darstellen. Das Bild sollte so zur Compassio, zum Mitleiden auffordern.

Eine Restauratorin säubert mit Wattestäbchen die Oberfläche der Altartafeln.

Eine Restauratorin säubert mit Wattestäbchen die Oberfläche der Altartafeln. Foto: Unterlindenmuseum

Der Isenheimer Altar

Das Herzstück der Sammlungen des Musée Unterlinden, der Isenheimer Altar, zählt zu den berühmtesten Kunstwerken der Welt. Das Polyptychon wurde zwischen 1512 und 1516 von Matthias Grünewald (Tafeln) und Niklaus von Hagenau (Schnitzfiguren) geschaffen. Es schmückte ursprünglich den Hochaltar der Antoniter-Präzeptorei in Isenheim, einem elsässischen Dorf nahe Colmar. Die Mönche des Hospitaliterordens der Antoniter versorgten die Pilger und behandelten die Kranken, die am sogenannten „heiligen Feuer“ oder „Antoniusfeuer“ litten. Dabei handelte es sich um eine Vergiftung durch den im Brot verbackenen Mutterkornpilz, der zum Absterben von Gewebe führen kann. Der Anblick des Altars, der nur zu besonderen Feiertagen ganz aufgeklappt wurde, sollte die mit dieser Krankheit geschlagenen Patienten trösten. Bereits im November 2018 nahm das Restaurierungsteam im Unterlindenmuseum vor den Augen der Besucher seine Arbeit auf. Es führte 30 neue Reinigungsproben durch, 24 auf den Bildtafeln und sechs auf den Rahmen. Zuvor wurden die Tafeln mit Glasfasertüchern schonend entstaubt. Die Zustandsanalysen der jeweiligen Farbschicht wurden auf der Grundlage der Untersuchung von 2013/2014 verfeinert. Die Proben wie auch die neue Dokumentation geben die Richtlinien für die Restaurierung vor, die seit März 2019 im Kirchenschiff, in dem der Altar ausgestellt ist, fortgesetzt wird.

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Mit übergroßem Zeigefinger weist Johannes der Täufer (rechts) auf den Gekreuzigten. Auf Latein steht dort: „Er muss wachsen, ich muss kleiner werden.“ Bleich und ohnmächtig sinkt Maria in den Armen des stets bartlos dargestellten Apostels und Lieblingsjüngers Johannes zurück. Maria Magdalena, mit langem losem Haar dargestellt, ringt mit den Händen.

In prächtigen Farben hat Matthias Grünewald den auferstandenen Christus gemalt. Die Wächter stürzen geblendet zu Boden.

In prächtigen Farben hat Matthias Grünewald den auferstandenen Christus gemalt. Die Wächter stürzen geblendet zu Boden. Foto: Musée Unterlinden, Colmar

Düster ist es in der Welt. Doch am Ende siegt die Hoffnung auf Leben: Auf der in ihrer leuchtenden Farbkraft unerreichten Altartafel der Auferstehung tritt dem Betrachter das unerhörte Geschehen fast wie ein atomarer Blitz entgegen. Aus dem geöffneten Sarkophag schwebt der aus dem Grab erstandene Christus zum Himmel, umstrahlt von einem in hellen Farben abgestuften Lichtkreis, goldgelb, rot und blau. In der mittelalterlichen Theologie wurde dieser Lichtkreis als Symbol der göttlichen Dreieinigkeit gedeutet. Bald wird dieser Lichtkreis noch heller erstrahlen als zuvor.

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