Matthias Habich las bei Weverinck „Michael Kohlhaas“
Das Geschäft der Rache

Münster -

„Darf ich den Satz noch einmal lesen?“ Ganz unerwartet tritt Matthias Habich aus seiner Vorleser-Rolle heraus und wendet sich ans Publikum. Er wolle die Aufmerksamkeit auf Heinrich von Kleists Sprache lenken, sagt der Schauspieler im voll besetzten Kleinen Haus, und trägt dann abermals eines der verschlungenen Sprachgebilde aus der Novelle „Michael Kohlhaas“ vor: einen Satz aus 119 Wörtern.

Sonntag, 28.04.2019, 16:30 Uhr aktualisiert: 29.04.2019, 18:54 Uhr
Mit kleinen Gesten unterstreicht Matthias Habich seine Kleist-Lesung in Münster.
Mit kleinen Gesten unterstreicht Matthias Habich seine Kleist-Lesung in Münster. Foto: Petra Noppeney

Womöglich hatten sich die Zuhörer vor diesem kleinen Einsprengsel gar nicht so bewusst gemacht, welchem Formulierungs-Furor sie in dem scheinbar so bekannten Text begegnen. Denn die Geschichte des rechtschaffenen Rosshändlers Kohlhaas , der durch Willkür ungerecht behandelt wird, im Streit um seine wertvollen Pferde sogar den Tod seiner Frau erleiden muss und schließlich als rachedurstiger Bandenführer auf dem Schafott landet, zieht einen ja schon durch ihre Handlung in den Bann. Wenn sie dann aber noch von einem wie Habich gelesen wird, geht die kunstvolle Sperrigkeit des Satzbaus genüsslich in der Kunst des Vortrags auf.

Der mittlerweile 79-jährige Film- und Theaterstar strukturiert den Text so übersichtlich, dass sich kein Zuhörer im Dickicht der Nebensätze verheddern muss, hebt wichtige Elemente dramatisch hervor wie „ein Schlagbaum?“ oder „das Geschäft der Rache!“. Einen Zöllner lässt er sächseln, den Junker säuseln, den Vogt bedrohlich grollen.

Habich, der Mann mit der zauseligen Frisur und der rauchigen Stimme, gibt sich bei der Weverinck-Lesung eben nicht als perfekter Sprech-Automat oder eitler Schön-Töner. Viel eher erinnert er an einen Moritatensänger, der dem atemlos lauschenden Publikum eine schauerliche Geschichte mit eigentümlicher Moral erzählt – lässt doch Kleist seinem Kohlhaas unmittelbar vor der Hinrichtung Gerechtigkeit in der ursprünglichen Streitsache widerfahren, verbunden mit dem Hinweis auf seine rüstigen Nachfahren, während der Kurfürst in den Annalen der Geschichte verschwindet. Matthias Habich versteht es, solch feine Pointen des Textes zu akzentuieren, was die Lesung mit einem kaum zu erwartenden Humor würzt.

Und auch, wenn er das Stabfeuerzeug entzündet, um Kohlhaas’ Brandstifterei optisch (mit ein wenig Lichtregie) zu illustrieren, entsteht eine kommunikative Nähe zum Publikum, die sich am Ende der gut zweistündigen Lesung in langem Beifall entlädt.

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