Igor Levit im Schoneberg-Konzert
Brillant gegen die Regeln

Münster -

Er blieb einfach sitzen. Nachdem der letzte leise E-Dur-Akkord von Beethovens Sonate op. 109 verklungen war, hielt Pianist Igor Levit die Spannung und fügte den ebenso leisen Beginn der nachfolgenden Sonate unmittelbar an. Als wäre da keine Zäsur, kein Wechsel der Tonarten, sondern ein fließendes Klang-Kontinuum. Darf man das?

Donnerstag, 02.05.2019, 15:34 Uhr
Igor Levit begeisterte im Theater Münster.
Igor Levit begeisterte im Theater Münster. Foto: Robbie-Lawrence

Levit könnte mit Max Frisch antworten: „Erlaubt ist, was gelingt.“ Denn die letzten drei Beethoven-Sonaten, die der in Nizhni Nowgorod geborene deutsch-russische Pianist beim Schoneberg-Konzert präsentierte, haben sich ja von formaler Regelmäßigkeit weit entfernt. Beethoven experimentiert, geht über Gattungsgrenzen hinaus – und Levit machte das gleich zu Beginn klar, als er den ersten Satz der E-Dur-Sonate wie ein sanft schweifendes Präludieren in Münsters Großes Haus strömen ließ. Der schnelle Mittelsatz war kaum mehr als eine Brücke zum Variationen-Finale des Stücks, in dessen zweitem Abschnitt die Melodie wie eine Bellini-Opernarie über der Begleitung schwebte, während sich kurz darauf die Triller-Flächen wie orchestraler Klangzauber entfalteten – von Levit filigran umgesetzt.

Die unmittelbar angeschlossene Sonate im klanglich dann gar nicht so fernen As-Dur ist das scheinbar konventionellste der drei Werke, mit großem Finale – aber gerade darin passieren unerhörte Dinge. Aus der grüblerischen Stimmung erheben sich instrumentale Rezitative, die nur wenig mit ihrem selbstbewussten Gegenstück in der neunten Sinfonie gemein haben, und zum triumphalen Ausklang im Gestus einer Bach-Orgelfuge braucht es zwei Anläufe. Igor Levit zeigte sich hier als kompromissloser Interpret der riesigen Kontraste, dessen pianistische Klasse es ihm ermöglicht, ohne Netz und doppelten Boden in die Extreme zu gehen und die Zuhörer dann staunend in die Pause zu schicken.

Dass Levit einer der angesagtesten Pianisten nicht nur in Deutschland ist, hängt auch ein bisschen mit der Entschiedenheit seines gesellschaftlichen Engagements zusammen: Er spielte auf einem Grünen-Parteitag, er gab frühzeitig seinen Echo zurück ... Es passt vielleicht, dass einer wie er das Regelsprengende beim späten Beethoven sucht.

In dessen letzter Klaviersonate op. 111, die mit ihren zwei Sätzen den kompletten zweiten Konzertteil ausmachte, musste er dazu gar nicht mehr viel erhellen, zumal der eröffnende c-Moll-Satz noch am meisten von der Wucht des jüngeren Beethoven enthält. Im Variationen-Finale gab es dann neuerlich ein bewegendes Spiel mit flirrenden, pianistisch ganz fein abgestimmten Klangflächen, die Levit schließlich im feinsten Pianissimo verklingen ließ.

Dass er seinem kompakten Programm trotz des anhaltenden Fortissimo-Beifalls keine Zugabe folgen ließ, wirkte nur konsequent.

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