„Das Heerlager der Heiligen“ nach Jean Raspail
Lieber kämpfen als teilen?

Recklinghausen -

Sie haben sich fein eingebunkert. Das Haus des alten Professors in luftiger Höhe stammt aus dem Jahr 1673, wuchtige Eichenbalken tragen die Decke des Kaminzimmers, in dem der Hausherr und seine Getreuen erlesene Speisen der französischen Küche genießen. „Arme, Arme überall“, stöhnt der Schlemmer, wenn er von lästigen Bettelbriefen erzählt. Aus sicherer Distanz kann er das heranrückende Ungemach beobachten: Flüchtlingsschiffe mit 800 000 Menschen sind von Kalkutta aus an der Mittelmeerküste gelandet, Bürgerkrieg breitet sich aus, Soldaten desertieren.

Sonntag, 05.05.2019, 12:56 Uhr
Fein geht es zu im historischen Haus des Professors (Michael Schütz, l.) und seiner Getreuen (hier Andreas Vögler). „Wir alle sind die Happy Few“, sagen sie und möchten, dass es so bleibt.
Fein geht es zu im historischen Haus des Professors (Michael Schütz, l.) und seiner Getreuen (hier Andreas Vögler). „Wir alle sind die Happy Few“, sagen sie und möchten, dass es so bleibt. Foto: Robert Schittko

Es klingt wie ein Text zur aktuellen politischen Lage in Europa, doch die Vorlage zu diesem Theaterstück stammt aus dem Jahr 1973: Der Franzose Jean Raspail hat, lange vor Michel Houellebecq , in seinem Roman „Das Heerlager der Heiligen“ eine Schreckensvision entworfen, die später von rechten Populisten wie Marine Le Pen nur zu gern zitiert wurde. Eine vollständige deutsche Fassung kam nicht zufällig im Verlag des Rechten Götz Kubitschek heraus. So mag es zunächst erstaunlich klingen, dass das Schauspiel Frankfurt daraus jetzt einen Theatertext gemacht und ihn bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt hat.

Doch wie bei Houellebecq geht es bei Raspail weniger um die „Gefahr“ von außen als um die Zerrüttung der europäischen Gesellschaft von innen. Hier setzen Dramaturgin Marion Tiedtke und Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer den Hebel an: Ihre knapp zweistündige Bühnenfassung ist ein – manchmal schwer zu durchdringendes – Kurz-Konzen­trat verschiedener Reaktionen auf die Situation, durchweg gespiegelt allerdings von jenem sauberen Dutzend, das sich als „die letzten wahren Franzosen“ begreift und nicht erst am Ende zur Waffe greift.

Insofern kann man durchaus von einer Aneignung des Romantextes sprechen, zumal die Regie keine Zweifel an der Absurdität einer Gesellschaft lässt, die als Alternativen „Kämpfen oder Teilen“ kennt und sich natürlich gegen das Teilen entscheidet. Schauspieler Michael Schütz in seiner wunderbar selbstgefälligen Helmut-Schmidt­haftigkeit (ein Zitat des legendären Kanzlers über die Bevölkerungsexplosion erklingt aus dem Off) futtert und futtert, bis ihm am Ende dieses großen Fressens ein Teil jener Plastik-Babypuppen aus dem schmerzenden Leib zu quellen scheint, die schließlich in großer Zahl auf den Bühnenboden gekippt werden – eines von mehreren drastischen Bildern, mit denen Schmidt-Rahmer und sein Team ihre durchaus lautstarke Inszenierung anreichern. Die stärkste ist allerdings eine leise Szene kurz vor Schluss, ein apokalyptischer Albtraumtext über aufgeschichtete Leichen. Das ist definitiv kein Abend für Marine Le Pen.

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