Fund in Bielefeld
LWL-Archäologie entdeckt 2000 Jahre altes Marschlager

Bielefeld-Sennestadt -

Als die Römer vor 2000 Jahren am Teutoburger Wald campierten, gab es Bielefeld noch nicht. Doch die Bielefelder heute dürfen sich darüber freuen. Denn die archäologisch bedeutsame Entdeckung des Marschlagers setzt einen neuen Mosaikstein in die provinzialrömische Forschung. Wieder und weiterhin darf darüber gerätselt werden, wie es damals, zur Zeit von Augustus und Varus, zwischen Römern und Germanen zwischen Rhein und Weser zuging.

Donnerstag, 09.05.2019, 06:44 Uhr aktualisiert: 09.05.2019, 07:29 Uhr
Eine Mitarbeiterin der Archäologie zeichnet sorgfältig die Umrisse des freigelegten römischen Wallgrabens ab. Der sieht hier allerdings mehr rund als spitz aus, versetzt aber die ansehnliche Journalistenschar dennoch in helle Aufregung.
Eine Mitarbeiterin der Archäologie zeichnet sorgfältig die Umrisse des freigelegten römischen Wallgrabens ab. Der sieht hier allerdings mehr rund als spitz aus, versetzt aber die ansehnliche Journalistenschar dennoch in helle Aufregung. Foto: Loy

Die bei sensationsfixierten Journalisten beliebte Frage, ob „die Geschichte nun neu geschrieben werden müsse“, stand am Mittwoch in Bielefeld erwartungsgemäß im Raum. Doch LWL-Archäologin Dr. Bettina Tremmel blieb cool: „Der Fund ergänzt den Lauf der Geschichte!“ Und das ist für Archäologen und Historiker schon spannend genug.

Zwei Jahre nach den ersten Prospektionen am und im Forst am Hang des Teutoburger Waldes steht fest: Hier campierten um die Zeitenwende, zur Zeit des Kaisers Augustus, für mindestens eine Nacht bis zu drei Legionen samt Hilfstruppen und Tross, um dann in Richtung Weser zu ziehen und die Cherusker zu ärgern. Mit einer Größe von 26 Hektar entspricht das Gelände etwa 36 Fußballfeldern und konnte bis zu 25.000 Menschen mit ihren Zelten und Ausrüstung aufnehmen.

Digitaler Laserscan hat geholfen

Nun ist es nicht Art emsiger Archäologen, sich selber auf die Schultern zu klopfen. So galt der Dank des LWL-Chefarchäologen Prof. Michael Rind und von Bettina Tremmel zuallererst dem historisch interessierten Niederländer René Jansen Venneboer, der am Rhein lebt. Der hatte mittels digitaler Laserscans aus der Luft und geschultem Auge schon 2017 eine wallähnliche Linie in dem Gelände entdeckt. Und zugleich jene für die augusteische Zeit typischen „Clavicula-Tore“, die dem Graben einen kleinen Schwenk verliehen, um möglicherweise einfallenden germanischen Partisanen den Weg ins Lager versperren zu können.

„Uns fehlen leider bislang noch römische Funde, die eine engere Datierung möglich machen würden“, bedauert Archäologin Tremmel. Aber das wird sich weisen. „Hier ist sicher für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Arbeit“, meinte die Archäologin auf die Frage, wie es denn nun weitergehe.

Im dichten Buchen- und Kieferforst sind die Wallstrukturen teilweise bis zu 40 Zentimeter hoch erhalten geblieben und bieten – trotz heterogener Besitzerverhältnisse – möglicherweise Ansätze für Grabungen. An einem solchen Schnitt direkt am Bildungshaus „Neuland“ erläuterten Tremmel, Rind und studentische Hilfskräfte Form und Funktion des Lagergrabens, der an dieser Stelle allerdings mehr rund als spitz aussieht.

Römische Lager in Westfalen

In Westfalen sind bereits Marschlager aus augusteischer Zeit bekannt. Zuletzt wurde 2011 bei Olfen im Kreis Coesfeld ein Lager entdeckt. Weiter westlich befinden sich im Kreis Recklinghausen in Dorsten-Holsterhausen und in Haltern am See gleich mehrere Marschlager entlang der Lippe. Ein weiteres befindet sich nordöstlich von Bielefeld an der Weser in Barkhausen bei Porta-Westfalica. Dazu kommen auch noch die festen Standlager in Haltern, Bergkamen-Oberaden und Lünen-Beckinghausen im Kreis Unna sowie Kneblinghausen (Kreis Soest) und Delbrück-Anreppen (Kreis Paderborn).

...

„Durch den Fund in Bielefeld verdichtet sich nun das Netz der römischen Lager in Westfalen“, unterstrich die für Kultur zuständige Landesrätin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. Zuletzt wurde bei Olfen ein römisches Marschlager lokalisiert. Gerne nutzten die Römer die Lippe, um dann in Märschen von rund 20 Kilometern pro Tag nordöstlich über den Teutoburger Wald hinweg Richtung Weser und Elbe zu marschieren. Da es zur Zeitenwende stetige Auseinandersetzungen zwischen den augusteischen Legionen, die Varus 9 n. Chr. wohl bei Kalkriese in den Untergang führte, gab, wird schwer zu erkunden sein, in welchem exakten historischen Kontext das Lager in Bielefeld-Sennestadt steht. Wie langlebig die Geschichte ist, zeigen die kleinen Erdwälle, die im Wald 2000 Jahre überdauerten. Und die „Arminia“ in Bielefeld heißt auch nicht zufällig so.

Mehrfach erging gestern übrigens der Hinweis, dass unautorisierte Sondengängerei bestraft wird!

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6597459?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
Eine Million Euro Schaden - zwei Teenager dringend tatverdächtig
Brandstiftung: Eine Million Euro Schaden - zwei Teenager dringend tatverdächtig
Nachrichten-Ticker