„Europa verteidigen“ im Borchert-Theater Münster
Knallbunte Collage und flaue Appelle

Münster -

Sonntag ist Europawahl. Gewissermaßen zur Einstimmung liefert dazu das Borchert-Theater in Münster eine politische Groteske aus der Feder des jungen Erfolgsautors Konstantin Küspert. Doch die knallige Collage zündet nicht richtig. Ein Premierenbericht.

Freitag, 24.05.2019, 13:16 Uhr aktualisiert: 24.05.2019, 15:43 Uhr
Tiefer Griff in die europäisch-afrikanische Geschichte: Der römische Feldherr Scipio und seine Legionäre (v.l. Florian Bender, Jürgen Lorenzen, Ivana Langmajer) kämpfen gegen Hannibal und seine Elefanten. Doch die Szene hier wirkt schon wieder bunt und friedlich.
Tiefer Griff in die europäisch-afrikanische Geschichte: Der römische Feldherr Scipio und seine Legionäre (v.l. Florian Bender, Jürgen Lorenzen, Ivana Langmajer) kämpfen gegen Hannibal und seine Elefanten. Doch die Szene hier wirkt schon wieder bunt und friedlich. Foto: Klaus Lefebvre

Zum Finale – und wohl auch zur Wahl am Sonntag – schwenkt Europa (Rosana Cleve) die blaue Fahne mit den Sternchen durch den Bühnennebel. Die Akteure rufen zur Rettung des Kontinents auf: „Wenn wir sie (Europa) nicht getötet haben, dann lebt sie weiter!“ So politisch und grotesk das Stück des jungen Erfolgsautors Konstantin Küs­pert daherkommt, so vordergründig wirkt dessen pädagogischer Impetus. Europa muss fröhlich, friedlich, weltoffen und freundlich sein. Wer wollte das nicht unterschreiben?

Die Vorhersehbarkeit der von Tanja Weidner inszenierten politischen Groteske, eher eine knallige Collage, ist zugleich ihr Problem. Spannung erzeugt sie selten, weil sie weithin Bekanntes repetiert und die Textvorlage gerade in den analytischen und appellativ vorgetragenen Teilen der fünf „Zeitgenossen“ von heute eher wie ein Statement und nicht wie ein Theaterstück wirkt. Zugrunde liegt dem Ganzen als dünner Handlungsfaden die Entführung der phönizischen Prinzessin Europa durch den geilen Göttervater Zeus (Jürgen Lorenzen), der sich die Schönheit per iPad ausgeguckt hat.

Rassismus-Überwindung im Schnelldurchgang

Dazwischen gibt es ganz viel kriegerisches, fremdenfeindliches und kolonialisierendes Europa in Gegenwart und Geschichte. Wir sehen – dystopisch – zwei „Ösis“ auf einem Küstenwachtschiff, die im plastikverseuchten Mittelmeer ein Flüchtlingsboot versenken. Dann geht es über 2200 Jahre zurück. Scipio Africanus (Florian Bender) kämpft gegen Hannibal und die Karthager, wobei dessen patriotischer Text zur Verteidigung des Imperiums mehr beeindruckt als der bunte Kriegselefant, dessen Rüssel aus Blumentöpfen einen zuckenden Römer durchbohrt. Die Wikinger wiederum verlassen Europa und brechen im 10. Jahrhundert mit Erik dem Roten (Ivana Langmajer) nach Grönland auf.

Europa verteidigen

1/15
  • Florian Bender, Rosana Cleve, Jürgen Lorenzen, Johannes Langer, Ivana Langmajer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Johannes Langer, Ivana Langmajer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Jürgen Lorenzen, Ivana Langmajer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Jürgen Lorenzen, Johannes Langer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Florian Bender, Johannes Langer, Jürgen Lorenzen, Ivana Langmajer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Rosana Cleve, Ivana Langmajer, Jürgen Lorenzen

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Johannes Langer, Rosana Cleve

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Ivana Langmajer, Johannes Langer, Florian Bender, Rosana Cleve, Jürgen Lorenzen

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Jürgen Lorenzen, Rosana Cleve

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Johannes Langer, Florian Bender

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Ivana Langmajer, Florian Bender

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Ivana Langmajer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Johannes Langer, Rosana Cleve

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Rosana Cleve, Ivana Langmajer

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Ivana Langmajer, Rosana Cleve

    Foto: Klaus Lefebvre

Das hat angesichts der wild behörnten Männer im Ruderboot eher etwas von Kindergeburtstag. Tanja Weidner und ihre Mitarbeiterin Isabel Nagel vertrauen offenbar mehr der Wirkung dieser grellen Bilder und flotter Gesangseinlagen auf dreistufigem Bühnen-Postament als der Kraft der zeitgenössischen Europa-Texte. Wirklich zündende oder witzige Kontraste ergeben sich dabei selten. Vielleicht noch in der Szene mit Kaiser Wilhelm und General von Trotha, die gegen die Hereros in Afrika anreiten. Das Ensemble liefert mit Michael Jacksons „Black or White“ prompt die heutige Antwort. Rassismus-Überwindung im Schnelldurchgang.

Zum Stakkato geformter Applaus

Geballer und Beklemmung am Schluss, als ein deutscher MG-Schütze am Atlantikwall den Ansturm der Alliierten 1944 bremsen will. Da ist sie wieder, die Festung Europa, und es quillt viel Pulverdampf auf die Bühne. Dann hören wir final vom kriegstraumatisierten Heinrich, der als 96-jährige Oberförster seine Kinder komplett bis zur Rente in Frieden und Wohlstand hat aufwachsen sehen, was – natürlich – dem vereinten Europa zu verdanken ist.

Zum Thema

Nächste Termine: 25. und 26. Mai, 4., 5. und 6 Juni. | www.wolfgang- borchert-theater.de

...

Am Ende freundlicher, sich zum Stakkato formender Applaus für ein Ensemble, in dem als Fünfter im Bunde Johannes Langer (etwa als Walther von der Vogelweide) wie seine Kollegen viele Rollen schultern muss. Und die Moral von der Geschicht’? Europa: früher fast immer ein Problem, heute die Lösung. Aber das wissen Kulturbeflissene ja längst. Und die anderen kommen kaum ins Theater ...

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6636812?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
14-Jähriger gerät bis zur Hüfte ins „Schlam(m)assel“
Mit vielen tröstenden Worten kümmerten sich die Helfer der Feuerwehr, des DRK-Rettungsdienstes und der Polizei um den 14-Jährigen, nachdem er aus der Schlammkuhle befreit worden war.
Nachrichten-Ticker