NRW-Theatertreffen in Münster
Mit Feinripp im Goldsaal

Münster -

Am zweiten und dritten Tag des NRW-Theatertreffens standen Stücke von Elfriede Jelinek und Édouard Louis im Blickpunkt. In beiden Inszenierungen teilten sich mehrere Schauspieler die manchmal sperrigen Erzähltexte.

Sonntag, 02.06.2019, 14:22 Uhr
Ein vierfacher König Trump im Palast? Das Schauspiel „König Ubu # Am Königsweg“ im Pumpenhaus ließ viele Assoziationen zu.
Ein vierfacher König Trump im Palast? Das Schauspiel „König Ubu # Am Königsweg“ im Pumpenhaus ließ viele Assoziationen zu. Foto: Joachim Schmitz

„Einem Blinden glaubt man alles. Er kann ja nicht lügen, weil er die Wahrheit nie kennenlernt.“ Ein Satz über Donald Trump und seine Anhänger? In Münsters Theater im Pumpenhaus war am Samstagabend eine Fülle solch teils hellsichtiger, teils sprachverspielter Formulierungen zu erleben, aus denen Elfriede Jelinek ihren üppigen Dramentext „Am Königsweg“ komponiert hat. Das „Theater an der Ruhr“ aus Mülheim hat ihn, gewürzt mit Passagen aus Alfred Jarrys „König Ubu“, beim NRW-Theatertreffen präsentiert.

Das Pumpenhaus, Ort für Freies und auch Experimentelles, war als neue Spielstätte des Theatertreffens in Münster von den Festival-Organisatoren passend für den bislang sperrigsten Text und die bisweilen selbstgenügsamste Inszenierung ausgewählt worden. Die neugierigen Zuschauer füllten das Haus bis auf den letzten Platz – ein Bild, das sich indes nach der Pause merklich geändert hatte. Die Bühne: ein Goldlametta-Raum, wo Stimmzettel verbrannt wurden und eine goldgeschminkte Vierfach-Herrscherfigur in weißen Socken den Zuschauern die Schönheit männlicher Bäuche in Feinripp und Bademänteln vor Augen führte. Dazu flirrte eine seltsame Seherin – wie die Männer mit Starr-Augen auf die Lider geschminkt – durch den Raum, und wenn sie den Zwischenvorhang zuzog, erschien darauf der geschminkte Bauch eines der Schauspieler als Fratze des trinkenden, rauchenden und schwadronierenden Herrschers Ubu.

Eine interessante Parallele der Theater-Erzählformen zum zweiten Festivaltag: Am Freitagabend hatte das Theater Bielefeld seine Version des Romans „Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis auf der Bühne des Kleinen Hauses präsentiert. Hier waren es drei Schauspieler, die sich die Texte des Ich-Erzählers (und der Erzählungen seiner Schwester) teilten. Bei der Geschichte eines vergewaltigten jungen Mannes habe man auf keinen Fall die Figur des Täters, eines Kabylen in Paris, individuell besetzen wollen, erklärte die Regisseurin Alice Buddeberg im Nachgespräch – und erntete mit ihrem Ensemble große Zustimmung bei den Zuschauern, denen besonders imponierte, wie das Ensemble die Fassungslosigkeit des Opfers umsetzte und auch seine Furcht, die eigenen Erlebnisse von Familie, Freunden und Polizei entwendet zu bekommen.

 

Drei Schauspieler verkörpern in „Im Herzen der Gewalt“ das Opfer – und andere.

Regen Gebrauch von dieser Möglichkeit der Diskussion nach der Aufführung machte das Publikum auch am dritten Abend; Widerstand oder Kritik erklangen bislang eher verhalten, doch im Pumpenhaus gab es sie: Muss man, so war den Nachfragen zu entnehmen, den langen und komplizierten Jelinek-Text noch mit „Ubu“ anreichern – auch wenn die Dichterin es ausdrücklich erlaubte? War die Aufführung geeignet, ihn verständlich zu machen?

Regisseur Philipp Preuss überlagerte jedenfalls Jelineks angedeutete Vorstellungen, zu denen eine Miss Piggy als blinde Seherin gehört, mit eigenen, nur selten direkt auf die Realität gemünzten Bildern: (fast) keine Trump-Frisur, keine Jelinek-Zöpfe für die Kassandra-Texte der Seherin. Das Ich von „Kö-nich“ oder „n-ich-t" ist ebenso Leitmotiv des Abends wie der Song „My Way“, zu dessen legendärer Sinatra-Version am Ende Atompilze erstrahlen.

Zum Thema

Heute um 19.30 Uhr folgt im Wettbewerb des NRW-Theatertreffens „Schuld und Sühne“ als „theatrale Filminstallation“ nach Dostojewski im Kleinen Haus. Am Dienstag geht es mit Kleists „Zerbrochnem Krug“ im Großen Haus weiter.

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