Theatertreffen: „Der zerbrochne Krug“
Das zweifache Opfer Eve

Münster -

Beim NRW-Theatertreffen in Münster inszenierte Laura Linnenbaum Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ mit überraschendem Ende.

Donnerstag, 06.06.2019, 14:44 Uhr
Oben der Dorfrichter Adam (Andreas Grothgar), unten sein Opfer Eve (Cennet Rüya Voß)
Oben der Dorfrichter Adam (Andreas Grothgar), unten sein Opfer Eve (Cennet Rüya Voß) Foto: Sandra Then

Ein Klassiker beim Theatertreffen: Das ist in diesem Jahr keineswegs selbstverständlich. Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ hat neben mehreren Roman-Bearbeitungen und den Dramentexten von Bernhard, Jelinek, Melle und Horváth den Weg in den Wettbewerb gefunden. Ein altes Stück im Großen Haus, das allerdings in der Düsseldorfer Inszenierung von Laura Linnenbaum so gar nicht alt aussieht.

Was auch nicht verwundert: Geht es doch um einen Dorfrichter, der seine Strippenzieher-Macht im Kaff Huisum nutzt, um sich über ein junges Mädchen herzumachen. Der mächtige Mann und sein Opfer – das Thema ist allgegenwärtig geworden. Der unvermutete Kontrollbesuch eines Gerichtsrats verhindert in Kleists Stück immerhin, dass Richter Adam ungeschoren davonkommt. Aber ist damit alles gut für die junge Eve ?

Kann ja nicht, sagt Linnenbaums Inszenierung und holt einen weithin unbekannten Monolog des Opfers ins Stück zurück, der nach der Uraufführung gestrichen wurde. Mehr noch: Der scheinbar so gesetzestreue Aufklärer wird bei ihr zum zweiten Vergewaltiger des Mädchens. Und die Leute drumherum, etwa ihre Mutter, der es nur um den titelgebenden Krug geht, oder der karrieregeile Schreiber Licht, sind auch nicht gerade vorbildtauglich.

Dass Regisseurin Laura Linnenbaum, die an Münsters Theater schon „Andorra“ inszenierte und in der kommenden Saison mit Shakespeares „Maß für Maß“ zurückkehrt, das Stück in einem renovierungsbedürftigen Marmorpalast spielen und auf eine so böse Pointe zutreiben lässt, beschäftigte auch die vielen interessierten Zuschauer im Nachgespräch. Aus ihren Beiträgen sprach auch starkes Mitleid mit dem Opfer, dem durch die doppelte Schändung der Weg in eine bürgerliche Ehe verbaut werde. Die Tatsache, dass Eves Mutter Marthe den „zerbrochnen Krug“ nicht real, sondern auf Handy-Fotos präsentierte, interessierte einen Diskussionsteilnehmer allerdings weniger als ihr intensiver Zigarettenkonsum. Das gelungene komödiantische Timing der Regie hob eine andere Zuschauerin hervor: Es öffne die Haltung des Publikums für das böse Ende.

Zum Thema

Der Wettbewerb des NRW-Theatertreffens wird heute um 19.30 Uhr mit Horváths „Zur schönen Aussicht“ im Kleinen Haus und morgen mit „Unterwerfung“ im Großen Haus fortgesetzt. Am Samstag, 8. Juni, um 15 Uhr schließlich folgt „Die Hamletmaschine“ im Pumpenhaus. Preisverleihung um 22 Uhr im Kleinen Haus.

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