NRW-Theatertreffen: „Bilder von uns“
Zerbrochene Ideale

Münster -

Beim NRW-Theatertreffen stand die Inszenierung von Thomas Melles Stück „Bilder von uns“ beispielhaft für das Festivalmotto „Vorsicht, zerbrechlich!“.

Donnerstag, 06.06.2019, 15:10 Uhr aktualisiert: 06.06.2019, 18:48 Uhr
Edle Einfalt, stille Größe: Die Bildsprache der Inszenierung zitiert die Antike.
Edle Einfalt, stille Größe: Die Bildsprache der Inszenierung zitiert die Antike. Foto: Uwe Schinkel

Griechische Statuen, Theatermasken, klassischer Kontrapost: Wie schön, wenn Schüler darüber etwas lernen. Und wie schrecklich, wenn aus der Anschauung harmonischer Körperproportionen etwas Anderes erwächst, wenn nackte Schüler fotografiert, Fotos ins Netz gestellt werden – und noch Schlimmeres passiert.

Der Schriftsteller Thomas Melle hat solche Vorgänge und ihre Folgen zur Grundlage seines Stücks „Bilder von uns“ gemacht, das jetzt im Wettbewerb des NRW-Theatertreffens aufgeführt wurde. Und das erkennbar jene Linie fortsetzt, die mit dem Titel des Festivals „Vorsicht zerbrechlich“ angesprochen wird. Es geht in den gespielten Stücken um Macht in mancherlei Gestalt, ganz gleich, ob sie ein Theatermacher oder ein Präsident ausübt; es geht um Zerstörung, die Menschen durch selbstgerechte Täter erleiden, seien es Terroristen oder religiöse Eiferer; es geht um Formen des Missbrauchs, wie sie eben auch Melles Stück thematisiert. Zerbrechlich sind Gesellschaftsformen wie die Demokratie, zerbrechlich sind aber vor allem die Menschen: Eine der Melles-Figuren wehrt sich gegen die Relativierung des Missbrauchs im Vergleich etwa zum Mord und benutzt dafür den Begriff „Seelenmord“.

Die Inszenierung von Henri Hüster für das Schauspiel Wuppertal hebt die realistischen Szenen des Stücks, das den Beinahe-Unfall seines Helden Jesko beim Anblick eines Handy-Fotos zum Ausgangspunkt hat, in eine bewusst künstliche Sphäre: mit Stilisierungen, zu denen der zeitweilige transparente Vorhang oder das chorische Sprechen gehören. Autor Thomas Melle selbst hat ein von Jesuiten geführtes Kolleg mit hohem Bildungsanspruch besucht, in dem es Missbrauch gab. Er hält, wie auch im Nachgespräch erwähnt wurde, „Authentizität“ nur durch hohe Kunstanstrengung für möglich. Das Publikum im prall gefüllten Kleinen Haus dankte für diese Form der Aufarbeitung mit großem Applaus.

Zum Thema

Die letzten Wettbewerbsbeiträge des Theatertreffens: Heute um 19.30 Uhr im Großen Haus „Die Unterwerfung“, am Samstag um 15 Uhr im Pumpenhaus „Die Hamletmaschine“. Preisverleihung dann um 22 Uhr im Kleinen Haus

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