„Fat Facts“ auf der Stubengasse
Raffiniertes Schauspiel über Zucker-süßes Leben

Münster -

Aktueller kann eine Arbeit kaum sein. Erst kürzlich stellt sich Deutschlands Landwirtschafsministerin mit einem Nestlé-Manager vor die Kamera, um den Konzern dafür zu loben, dass das Unternehmen freiwillig unter anderem Zucker in seinen Lebensmitteln reduziert. Eine gesetzliche Regulierung lehnt die CDU-Politikerin ab. Das rief einen Shitstorm hervor, Verbraucherschützer laufen Sturm. Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker in der ARD: „Nestlé hat gerade im Bereich Kinderlebensmittel ein völlig unausgewogenes überzuckertes Sortiment.“ Und diese Kinder stehen staunend um das „Flurstücke“-Projekt „Fat Facts“ auf der Stubengasse herum.

Sonntag, 23.06.2019, 18:08 Uhr aktualisiert: 24.06.2019, 18:26 Uhr
Ambivalente Süße: Ása Ástardóttir badet in Zucker und beklagt mangelnden Respekt für mollige Menschen. Ob die Kinder wissen, welche Folgen das süße „Gift“ für ihr Leben hat?
Ambivalente Süße: Ása Ástardóttir badet in Zucker und beklagt mangelnden Respekt für mollige Menschen. Ob die Kinder wissen, welche Folgen das süße „Gift“ für ihr Leben hat? Foto: Gunnar A. Pier

Die irritierende, raumgreifende und tiefschürfende Arbeit von Angie Hiesl und Roland Kaiser (nicht der Münsteraner) stellt 2,5 Tonnen raffinierten Zucker in Kilo-Paketen wie Stolpersteine in den Weg – flächen­deckend auf die Stubengasse mit drei Spots: An einer Stelle badet eine Mollige in Zucker, an anderer scheucht ein Dicker imaginäre Sportler durch eine Sporthalle und an dritter häkelt eine Korpulente einen Schal. Das weckt Gefühle: Ekel vielleicht oder Empörung oder Spott. Wer Ása Ástardóttir, Siiri Mälzer und Torsten Schierenbeck länger zuschaut und zuhört, dem können rasch Vorurteile bewusst und aus jenen Gefühlen der Distanz Haltungen von Mitgefühl, Respekt und Sympathie werden.

Denn Ása Ástardóttir zeigt als zuckersüße Schönheit inmitten des Zuckers Marke „Diadem Feine Körnung“ Selbstbewusstsein und Humor, wenn sie selbstironisch „Ich war schon mal viel dicker – und viel dünner“ sagt und fragt, als was sie ihren Körper beschreiben solle . . . Die isländische YouTube-Berühmtheit legt den Kopf neckisch zur Seite: „Mollig?“ Um trotzig selbstbewusst zu ergänzen: „Mollig ist perfekt!“ Um die Kölnerin bildet sich rasch eine dichte Traube Menschen, nachdem Kinder den Rasen um die Wanne gestürmt haben und höchst arglos das süße „Gift“ pur probieren. Das Vollbad in der Kalorienbombe tangiert dicke wie dünne Zuschauer, lässt wohl niemanden gleichgültig. Am Rand gibt es viele Gespräche und Diskussionen.

Die Provokation bei Torsten Schierenbeck ist zunächst nicht anders. Ein dicker Trainer scheucht seine Jungs und Mädels durch die Halle. Seine imaginären Anweisungen unterbricht Schierenbeck immer mal wieder, um von seiner Karriere zu erzählen, wie er als Junge als langer Lulatsch gehänselt wurde, den Basketballsport für sich entdeckte, irgendwann der Esssucht verfiel, bis hin zur Immobilität mit über 200 Kilogramm. Heute kämpft er (zusammen mit seiner Frau) darum, das er die Sucht beherrscht und nicht die Sucht ihn. 60 Kilo hat Schierenbeck abgenommen. Und trainiert heute professionell Jugendmannschaft im Basketball; der Teamgeist ist ihm wichtig: Respekt vor diesem Leben.

Siiri Mälzer liegt auf einer Palette Zucker und strickt. „Na und?“, denkt sich vielleicht der Passant, bis er nähertritt und sich das Flatterband anschaut, das sich über eine längere Strecke abrollt: „Wer verdient an meinem Bauch?“, „Voll von Fett“, „Glücksmoment“, „Schuldspeck“, „dralles Rund“, „Selbstoptimierungswahn“, „Liebe Frust und Lust“. Wörter und Sätze wie Urteile. Der Stoff, den die Frau daraus strickt, wird zu einer Haube, unter der sie sich immer wieder verschämt versteckt.

Des Öfteren ist zu beobachten, wie Zuschauer den drei Dicken und ihren Erzählungen gebannt lauschen, sich umdrehen und weitergehen wollen und dabei über den Zucker stolpern. Auf der Stubengasse ist der Zucker sichtbar, in vielen Lebensmitteln nicht. „Fat Facts“ ist auf eine Weise raffiniert, wie es Zucker nicht ist: „Fat Facts“ weckt auf und betäubt nicht.

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