Die Bayreuther Festspiele präsentieren in diesem Jahr einen neuen „Tannhäuser“
Skandalträchtiger Wettbewerb

Bayreuth -

Richard Wagners frühe Oper „Tannhäuser“, sein chronologisch zweites Werk im Bayreuther Festspiel-Repertoire nach dem „Fliegenden Holländer“, hat in ihrer Aufführungsgeschichte selbst schon für einige Skandale gesorgt. Nun steht eine Neuinszenierung im Glutofen des Festspielhauses an. Tobias Kratzer hat als Regisseur Hand angelegt.

Dienstag, 23.07.2019, 15:44 Uhr
Sommerstimmung am Festspielhaus Bayreuth. Das dürfte am Donnerstagabend wieder eine schweißtreibende Veranstaltung werden, wenn die Neuinszenierung „Tannhäuser“ Premiere feiert.
Sommerstimmung am Festspielhaus Bayreuth. Das dürfte am Donnerstagabend wieder eine schweißtreibende Veranstaltung werden, wenn die Neuinszenierung „Tannhäuser“ Premiere feiert. Foto: dpa

Bei den Minnesängern geht es gesittet zu. Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide besingen die Liebe in schönen Tönen und feinen Versen, huldvoll und schwärmerisch. Einer jedoch findet das alles verlogen und schwülstig: Der nach langer Abwesenheit an den Hof auf der Wartburg zurückgekehrte „Tannhäuser“ (eigentlich: Heinrich von Ofterdingen) feiert in seinen Beiträgen zum Sängerwettstreit die körperliche Lust anstelle der holden Minne. Kein Wunder, dass er sich bei diesem Casting um die Gunst der schönen Elisabeth den Zorn der Gesellschaft zuzieht. Was ihn natürlich noch stärker reizt: Jetzt verrät er, wo er die ganze Zeit steckte: im Venusberg, direkt bei der Liebesgöttin. Skandal!

Richard Wagners frühe Oper „Tannhäuser“, sein chronologisch zweites Werk im Bayreuther Festspiel-Repertoire nach dem „Fliegenden Holländer“, hat in ihrer Aufführungsgeschichte selbst schon für Skandale gesorgt. Die Uraufführung 1845 ging noch ganz gediegen über die Dresdner Bühne, aber die zweite Fassung fürs Pariser Publikum fiel 1861 im hämischen Gejohle durch. Bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth sorgte 1972 ein kecker DDR-Regisseur ebenfalls für kräftige Buhs: Götz Friedrich machte die holde Elisabeth und die verruchte Venus zu ein und derselben Person und ließ die Gesellschaft der Wartburg, die in Wagners Stück so gern „Heil“ ruft, wie einen rechten Mob agieren. Im Jahr 2011 erntete Sebastian Baumgarten ebenfalls ein Buh-Konzert für seine Deutung in Bayreuth – und sorgte, schlimmer noch, für sinkende Nachfrage beim Kartenverkauf, was bei den Festspielen bislang undenkbar schien. Das hatte es in den Jahrzehnten davor mit der abstrakten Routine Wolfgang Wagners und der bunten Teletubbie-Welt von Philippe Arlaud nicht gegeben.

Nun ist Tobias Kratzer an der Reihe, ein 39-jähriger Regisseur, der das Stück schon in Bremen inszeniert und auch Erfahrung mit Opern von Giacomo Meyerbeer gesammelt hat – jenem deutschen Komponisten in Paris, der Wagner gefördert, aber zugleich neidisch gemacht hat und dafür zum Opfer antisemitischer Ausfälle Wagners wurde.

Kratzer inszeniert die Dresdner Fassung der Oper: Sie ist gerade im ersten Akt, der den Titelhelden im Venusberg präsentiert, knapper und der musikalischen Tradition eher verpflichtet als jene Pariser Variante, in die Wagner seine Erfahrungen mit „Tristan und Isolde“ einkomponierte. In einem Interview deutete Kratzer an, dass er auch der „Wartburg-Gesellschaft“, die sich gegen den forschen Titelhelden stellt, Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Wichtig in beiden Versionen der Wagner-Oper ist nicht zuletzt die Religionskritik im dritten Akt: Der zerknirschte Tannhäuser ist als Büßer zum Papst gereist, wird von diesem aber schroff zurückgewiesen – das Wunder der Erlösung findet dennoch am Sarg der sich opfernden Elisabeth statt.

Das besondere Interesse an der neuen „Tannhäuser“-Produktion zieht indes der Dirigent auf sich: Valery Gergiev, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, debütiert im tiefen Orchestergraben des Bayreuther Festspielhauses. Unter anderem wegen seiner Nähe zu Wladimir Putin ist der russische Dirigent umstritten – ein Problem, mit dem sich auch Starsopranistin Anna Netrebko schon konfrontiert sah, die in diesem Jahr ihr lang erwartetes Bayreuth-Debüt in zwei „Lohengrin“-Vorstellungen gibt. Womöglich geht es Gergiev aber wie dem musikalischen „Hausherrn“ in Bayreuth, Dirigent Christian Thielemann: Wenn der nach einem grandiosen Opernabend auf der Bühne erscheint, gehen kurzfristig alle Vorbehalte in den Applauswogen unter.

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Die diesjährige Festspieleröffnung in Bayreuth mit der Oper „Tannhäuser“ wird am 25. Juli übrigens zeitversetzt um 18 Uhr in verschiedene Kinos übertragen, darunter auch in das Schlosstheater in Münster.

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