Bei Sandra del Pilar im Atelier
Täter und Opfer auf schmalem Grat

Ahlen / Soest -

Im Kunstmuseum Ahlen ist die Deutsch-Mexikanerin Sandra del Pilar derzeitig im Rahmen der Intermezzo-Reihe mit der Ausstellung „Narziss am Fenster“ vertreten. Sie gewährt Einblick in ihr Atelier in Soest.

Samstag, 03.08.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 03.08.2019, 20:40 Uhr
In der Abgeschiedenheit ihres Ateliers in einer ehemaligen Schule entwickelt Sandra del Pilar ihre künstlerischen Konzepte.
In der Abgeschiedenheit ihres Ateliers in einer ehemaligen Schule entwickelt Sandra del Pilar ihre künstlerischen Konzepte. Foto: Peter Schniederjürgen

Es hat etwas von einer perfekten Idylle. Ein altes Schulhaus in der ländlichen Umgebung von Soest aus dem Jahr 1828 als Atelier. Doch die Bilder, die hier entstehen, sind alles andere als idyllisch. Sie zeigen Menschen als Opfer oder Täter von Gewalt. Nicht immer lässt sich mit Bestimmtheit sagen, welcher Natur die Gewalt ist, physisch oder psychisch. Doch das ist für die Bildaussage wenn überhaupt zweitrangig.

In dem 180 Jahre alten Fachwerkhaus ist Sandra del Pilar umgeben von ihren Bildern. Im Kunstmuseum Ahlen ist die Deutsch-Mexikanerin derzeitig im Rahmen der Intermezzo-Reihe mit der Ausstellung „Narziss am Fenster“ vertreten. Darin führt sie das von ihr entwickelte Prinzip der Bildüberlagerungen geradezu meisterhaft vor, in dem sie transparentes Gewebe (Gaze) bemalt und so übereinanderspannt, dass eine Art Zerrbild entsteht. Mit ihren Mehrfachbildern, die sich je nach Blickwinkel verändern, gibt die Künstlerin eine Antwort auf die Problemstellung, wie sich der Blick durch das Fenster, in dem sich der Beobachter zugleich selbst spiegelt und durch Mehrfachbrechung des einfallenden Lichts zum Bestandteil des beobachteten Geschehens wird, in seiner Komplexität darstellen lässt.

Diese Raffinesse hat sich die Künstlerin in der Abgeschiedenheit ihres Ateliers erarbeitet. Nicht loslassen will sie das Thema der allgegenwärtigen Gewalt. Besonders drastisch wird das in ihren Bearbeitungen von Gewaltexzessen in Abu Ghraib, wo US-Amerikaner während des Irak-Kriegs Gefangene auf unmenschlichste Weise folterten. Dabei vermeidet es die Künstlerin, die auch promovierte Kunsthistorikerin ist, die Gewalt als solche darzustellen. Sie zeigt stattdessen Menschen, wie sie Gewalt erleiden oder ausüben. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, ein Prozess, den sie an sich selbst erlebt, wenn sie sich in die Rolle der Opfer versetzt. Beim Malen erlebt sie, wie schmal der Grat ist, auf dem sich Täter und Opfer bewegen und wie schnell Menschen bereit sind, Grenzen zu überschreiten wie beim Stanford-Prison-Experiment von 1971, als unter Versuchsbedingungen 24 Studenten die Rolle von Gefängniswärtern und Gefangenen übernahmen. Das Experiment musste nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Gewalt außer Kontrolle zu geraten drohte.

Auch in den Arbeiten der Medienkünstlerin Myriam Thyes – der zweiten Intermezzo-Ausstellerin im Kunstmuseum – ist Gewalt ein Thema, allerdings in subtilerer Form. Interessierte können am morgigen Sonntag, 4. August, um 15.30 Uhr an der öffentlichen Führung teilnehmen.

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