Burkhard Spinnen las aus seinem neuen Roman „Rückwind“
Trössners trostlose Tragik

Münster -

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen erzählt in seinem neuen Roman „Rückwind“ über das schwere Schicksal eines Mannes, der seiner Daseins-Katastrophe zu entrinnen sucht. Jetzt stellte er sein Buch im Franz-Hitze-Haus vor. Ein Blick in menschliche Abgründe und Tiefenschichten.

Donnerstag, 26.09.2019, 18:36 Uhr aktualisiert: 28.09.2019, 15:12 Uhr
Burkhard Spinnen bei seiner Lesung im Franz-Hitze-Haus.
Burkhard Spinnen bei seiner Lesung im Franz-Hitze-Haus. Foto: Moseler

Die biblische Geschichte Hiobs ist eine der fast vollständigen Vernichtung: Hiob verliert Kinder, Besitz und wird mit Krankheit geschlagen. Dennoch erscheint Hiob als Prototyp unbedingten Glaubens. Fast wie jenseits des Menschenmöglichen zweifelt er an seinem Gott nicht. In seinem Roman „Rückwind“, aus dem er im Franz-Hitze-Haus vorlas, setzt Burkhard Spinnen seinen Protagonisten einer analogen Daseinskatastrophe aus – ohne dass sich jener Hartmut Trössner eines religiösen Urvertrauens rückzuversichern hätte.

Trössner hadert mit Selbstmordgedanken, deren totale Verheißung ihn überfordert, und so unterwirft er sich der Autorität eines „tapferen Weiterlebens“. Er ist „nah dran“ und will doch „etwas erzählen“: sein Leben, Erinnerungen an den Vater, Krankenhausaufenthalte, therapeutische Sitzungen, Übernahme des Betriebs, der berufliche Erfolg als Produzent für Windräder. Es ist aber ein anonymer Erzähler („Lass mich erzählen!“), der (teilweise) Trössners Geschichte fast sachlich referiert und etwa die langwierige Selbstmordversuchsprozedur wie den Grundriss eines Fertighauses nacherzählt. Doch erklärt jemand: „Du warst einer, den es nicht alle Tage gibt“, und schon scheint Trössners Lebenspfad der goldenen Mitte auf seltsame Weise infrage gestellt.

Es war gerade das suggestive Vorlesen des Autors, das dem Text gestische Lebendigkeit wie Leichtigkeit verlieh und manchmal wie durch ironische Abdrift ins Komödiantische umlenkte. Trössners Figur schien dann wie aus künstlicher Tragik zu erwachen, als vermöchte sie, emotionale Extremwerte im selbstreflexiven Besprechen zu befrieden. In der Charakterisierung des plötzlich verstorbenen Vaters – „Nur sich selbst hatte er für sicher gehalten“ – erweist sich rückblickend Erinnerung als Hypothek, die nur in der Abwehr des Schicksalhaften ausgelöst werden kann. „Ich kann eine psychologische Verwerfung darstellen, indem ich Zerbrechen zur Darstellung des Textes werden lasse“, so Spinnen im späteren Gespräch.

So wird Hiob zur emphatischen Symbolfigur des von existenzieller Bedrohung jederzeit bedrohten Subjekts und wäre eine daraus ableitbare Hypothese „Kleine Menschen können große Schicksale haben“ nur ein blasses Bild für die unsäglichen Schicksale, die gerade den Bedürftigsten jenseits aller Hoffnungen und Tröstungen zu allen Zeiten zuteil wurden.

Burkhard Spinnens Roman lässt den modernen Menschen ein urwelttiefes Schicksal durchleiden: Auch ein persönliches Desaster ohne Gott bleibt unfassbar.

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