Die Opernwelt trauert um die große Sopranistin Jessye Norman
Majestätische Gesangskunst

Münster -

Sie war eine der größten Sängerinnen unserer Zeit: Jessye Norman ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Dienstag, 01.10.2019, 16:04 Uhr aktualisiert: 01.10.2019, 16:12 Uhr
Auch beim Jazzfestival in Montreux trat der gefeierte Opernstar Jessye Norman auf und wurde umjubelt.
Auch beim Jazzfestival in Montreux trat der gefeierte Opernstar Jessye Norman auf und wurde umjubelt. Foto: dpa

Wenn sie bei den Salzburger Festspielen einen Liederabend gab, reichte das Große Festspielhaus gerade mal aus: Majestätisch, in wallenden Gewändern empfing Jessye Norman ihre vielen Bewunderer, und es war fast gleichgültig, ob Johannes Brahms oder Richard Strauss auf dem Programm stand: Nur diese Stimme schien zu zählen.

Es war aber nicht allein ihre außergewöhnliche Sopranstimme, die die gestern in New York verstorbene Sängerin zu einer der größten ihrer Zeit machte. Die 1945 im US-Staat Georgia geborene Jessye Norman sang schon als Kind in Kirchen und auf Dorffesten, ließ sich durch Rundfunkübertragungen von der Oper faszinieren und später so sorgfältig ausbilden, dass sie 1968 einen aufsehenerregenden Sieg beim ARD-Wettbewerb davontrug. An der Deutschen Oper Berlin begann ihre internationale Karriere, die sie zunächst an berühmte Häuser wie die Scala und die Met führte – und dann einen ungewöhnlichen Verlauf nahm: Jessye Norman gab die festen Engagements auf, verzichtete weitgehend auf Opern-Engagements. Experten wie Jürgen Kesting und Jens Malte Fischer führen das einerseits auf die Scheu der stattlichen Frau zurück: „Der Verdacht liegt nahe, dass man in der Ära der TV-Übertragungen zwar große Stimmen erwartet, große Staturen aber ablehnt“, meinte Kesting. Denkbar ist aber auch, dass sie die Kontrolle über ihre Entwicklung nicht den Wünschen der Öffentlichkeit nach immer größeren Rollen opfern wollte. Norman konzentrierte sich lange Zeit auf konzertante Auftritte und auf Schallplattenproduktionen – und die künden in reicher Fülle von ihrer künstlerischen Größe. So hat schon ihre Aufnahme von Richard Wagners Wesendonck-Liedern Maßstäbe gesetzt. Die dunkle Fülle und die glanzvolle Höhe der Stimme sind hier ebenso zu genießen wie das genaue Musizieren der Sängerin und ihr verantwortungsvoller Umgang mit dem deutschen Text. Auch ihre Interpretationen französischer Partien künden vom Einfühlungsvermögen der Sängerin.

Vier letzte Lieder

Zu den wahren Jessye-Norman-Legenden zählt eine Schallplatte, die sie 1982 mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung Kurt Masurs aufgenommen hat: die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss. Kritiker, die beim ersten Lied „Frühling“ noch mutmaßen, hier ginge es einer Sängerin hauptsächlich darum, mit ihrer Jahrhundertstimme den üppigen Orchesterklang zu überfluten, müssen schon beim zweiten Stück „September“ Abbitte leisten: Der Piano-Bogen, den sie über Hermann Hesses Text „Langsam tut er die müdgewordnen Augen zu“ spannt, ist atemberaubend. Bei den „freien Flügen“ der Seele im dritten Lied wiederum steigert die Singstimme das klangliche Leuchten der Solovioline, und wie Norman in perfekter Übereinstimmung mit Masur im vierten Lied den Eichendorff-Schluss „Wie sind wir wandermüde, ist dies etwa der Tod?“ fast bis zum musikalischen Stillstand dehnt, das ist so radikal wie bewegend.

Jessye Normans Repertoire reichte von verzierten, technisch anspruchsvolle Partien etwa Mozarts bis hin zum hochdramatischen Fach – nur sang sie eine Salome oder Isolde eben nicht auf der Opernbühne, weil sie als kluge Künstlerin ihre naturgegebenen Grenzen genau kannte. Als populärer Star erinnerte sie sich auch gern an den Gospel- und Spiritualgesang ihrer Jugend (wovon etwa eine Platte mit ihrer Kollegin Kathleen Battle kündet) und veredelte sogar die deutsche Fernsehwerbung: In den Weihnachtsspots eines Schokokonzerns sorgte ihr „Christmastide“ für wohlige Stimmung. Gestern ist sie 74-jährig in einem New Yorker Krankenhaus an einem septischen Schock und Multiorganversagen infolge von Komplikationen nach einer Rückenmarksverletzung, die sie 2015 erlitten hatte, gestorben.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6972102?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
Traktoren-Korso bremst am Dienstag den Verkehr aus
Bereits im April 2019 demonstrierten Landwirte aus dem Münsterland mit ihren Traktoren in Münster. 
Nachrichten-Ticker