Golo Bergs Gesprächskonzert „Hört, Hört!“ zur vierten Sinfonie von Johannes Brahms
Seelenregung hinter jedem Takt

Münster -

Was weiß man von den Gemälden, die man im Museum besucht, oder von Musik, die man im Konzertsaal hört: oft wenig. Gibt es einen goldenen Schlüssel für die Entschlüsselung von Kunstwerken? In der Musik scheint der Klang der schönste Schein, der verklärend alle (Er-)Klärung überflüssig zu machen scheint. Ein Blick in die Partitur aber enthüllt Hinter- und Abgründe musikalischer Architektur und Instrumentation. Einen solchen Blick hinter konzertante Kulissen möchte das neue Format des Gesprächskonzerts „Hört, Hört!“ gewähren – nun absolvierte Generalmusikdirektor Golo Berg in der Martinikirche die erste Runde.

Sonntag, 06.10.2019, 16:22 Uhr
Generalmusikdirektor Golo Berg erläuterte die e-Moll-Sinfonie von Brahms, das Orchester gab Klangbeispiele.
Generalmusikdirektor Golo Berg erläuterte die e-Moll-Sinfonie von Brahms, das Orchester gab Klangbeispiele. Foto: Günter Moseler

Brahms ’ Sinfonie e-Moll op. 98 – Zentralwerk im ersten Sinfoniekonzert – gilt als schwierig und „gelehrt“. Nach Kurzimpressionen zur Uraufführung leitete Golo Berg zur „fallenden und steigenden Terz“ im Kopfsatz über. Das in ehemaliger Altarnähe platzierte Sinfonieorchester spielte das Hauptthema an, Berg erläuterte den strukturellen Sinn der Terz („Dieses Intervall ist dem Menschen am nächsten“), fahndete mit Verweis auf „Themenkomplexe“ nach klassischen Charakterzügen der Jugend („stolz und kraftbewusst“, „sanft, voller Sehnsucht“), sah in der Musik „thematisiert und illustriert, wie es mit der Jugend ist“. Er setzte sie in Beziehung zum „alten Brahms“, der pas­sagenweise „versöhnlich auf seine Jugend zurückblickt“, und zog ein Fazit: „Immer wieder tauchen beim Meister Erinnerungen auf, Widersprüche können sich nicht auflösen.“ Derart wurde der Sinfonie ein Psychogramm erstellt, das lebensweltliche Umstände und (fiktive) Gedanken des Komponisten suggestiv ihrer Verfasstheit zurechnete.

Folgerichtig sah Golo Berg im elegischen zweiten Satz „Gedanken der Vanitas“ (Vergänglichkeit alles Irdischen) am und im Werk. Wieder ein kleines Klangbeispiel – „aber die anfängliche Tatkraft erlischt schnell, Brahms taucht in die mystische Welt der Erinnerung ab“. Dabei geht es nach E-Dur: „Episoden ziehen am Auge des Meisters vorbei (…) von unerbittlicher Härte“. Danach das Scherzo: „Keine Abgründe und Melancholie mehr“. Diverse Variationen der Passacaglia wurden akustisch sorgfältig differenziert, thematische Arbeit und Instrumentation beleuchtet. Oft aber lauerte in Golo Bergs Vortrag hinter jedem Takt eine Seelenregung, stand jede Analogie im Zeichen biografischen Kreuzfeuers. Als sei der Musik, wenn sie sich in Klang verwandelt, so eher auf die Spur zu kommen. Berg deutete Brahms’ letzte Sinfonie als Heroen-Saga, die dem Man­tra des Bildungsbürgers von „ewiger Kunst“ eher näher steht als ihr selber.

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