Die klassische Musikwelt trauert um Peter Schreier
Meister des feinen Tenorgesangs

Münster/Dresden -

Er sang Mozart-Partien mit großer Eleganz, war ein vorbildlicher Lied-Interpret, überzeugte aber auch bei den Bayreuther Festspielen: Im Alter von 84 Jahren ist Peter Schreier gestorben.

Donnerstag, 26.12.2019, 17:46 Uhr
Peter Schreier, einer der berühmtesten lyrischen Tenöre des letzten Jahrhunderts, starb im Alter von 84 Jahren am Ersten Weihnachtstag.
Peter Schreier, einer der berühmtesten lyrischen Tenöre des letzten Jahrhunderts, starb im Alter von 84 Jahren am Ersten Weihnachtstag. Foto: dpa

Selbst jene Journalisten, die Namens-Scherze grundsätzlich ablehnen, mussten in seinem Fall eine Ausnahme machen: Kein Sänger, darin herrschte Einigkeit, trug seinen Nachnamen so unverdient wie Peter Schreier . Denn das Feine, das Dezente beherrschte er wie kaum ein anderer. Ein singender Naturbursche, ein Schreier gar war er nie.

Wer Peter Schreiers helle Tenorstimme von einer seiner vielen Aufnahmen hört, der mag kaum glauben, dass er große Säle füllen konnte. Doch seine Karriere spricht Bände: Der in Meißen geborene Schreier kam mit acht Jahren zum Dresdner Kreuzchor und studierte später in Dresden Gesang und Dirigieren. 1959 stand er erstmals auf der Opernbühne – als Erster Gefangener in Beethovens „Fidelio“. Drei Jahre später schaffte er den Durchbruch als Belmonte in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. Danach gastierte er von New York bis Mailand auf den wichtigsten Opernbühnen der Welt und wurde international ausgezeichnet.

Mozart, natürlich: Schreier, als Klassik-Star zugleich ein künstlerisches Aushängeschild der DDR, füllte auch im Westen jene Lücke, die der frühe Tod des Fritz Wunderlich gerissen hatte. Und weil sein Singen weniger auftrumpfend war als das seines etwas älteren Kollegen, weil er melodische Linien mit instrumentaler Finesse zeichnete, galt er vielfach als idealer Mozart-Tenor.

Doch er konnte auch anders: In Bayreuth, dem Mekka der singenden Helden, trat er in stimmlich kleiner dimensionierten Rollen wie dem jungen Seemann in „Tristan und Isolde“ auf. Kein Wunder, dass der Dirigent Herbert von Karajan ihm eine wichtige Wagner-Partie für seine Schallplatten-Aufnahme der „Meistersinger von Nürnberg“ anvertraute: den David. Natürlich hatte es auch damit zu tun, dass diese Aufnahme in Dresden entstand, als West-Ost-Kooperation mit der berühmten Staatskapelle und zwei zentralen DDR-Sängern, nämlich Theo Adam als Hans Sachs und eben Peter Schreier. Beide liefern sich im dritten Akt ein wunderbares, vorbildlich kollegiales Miteinander, und besonders Schreier singt nicht nur so deutlich, dass man jedes Wort mitschreiben kann, sondern zudem mit vielen Nuancen, über die manche Interpreten hinweggehen. Karajan schätzte solche Liebe zum Detail und setzte Schreier später noch in seiner Filmversion des „Rheingold“ als Loge ein: Man muss nicht mal Schreiers Mimik im Video sehen, um hörend zu begreifen, welch durchtriebener Stratege dieser Feuergott ist.

All das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Schreier aus der kirchenmusikalischen Schule stammt, dass er (zum Teil ebenfalls gemeinsam mit Theo Adam) in den Bach-Passionen bewegende Aufführungen schuf und einer der führenden Lied-Interpreten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Schubert-Zyklen wie die „Winterreise“ gestaltete er so feinfühlig wie packend, die „Schöne Müllerin“ hat er mit unterschiedlichen Instrumentalpartnern oft gesungen – auch in Münster stellte er seine Version mit Gitarren- statt Klavierbegleitung vor.

Gewiss gibt es auch Gesangs-Enthusiasten, die seine aus den stimmlichen Vorgaben resultierende Gestaltungsweise als zu „klein“ empfanden. Für den Beginn von Mahlers „Lied von der Erde“ mag das zutreffen – aber in der Dramatik der Heine-Vertonungen aus Schuberts „Schwanengesang“ ging Peter Schreier bis an seine Grenzen und schuf dadurch packende Momente, wie sie manch größer tönende Sänger nicht erreicht.

Mehr als 60 Opern-Partien hat Schreier verkörpert, war bei den Salzburger Festspielen engagiert. Er genoss Privilegien, und das ohne SED-Parteibuch. 1972 war er an der Staatsoper Berlin von ehemaligen Kommilitonen gefragt worden, ob er nicht mal den Taktstock führen wolle. Er stand dann unter anderem bei den Wiener Philharmonikern und beim New York Philharmonic Orchestra am Pult.

„Ich lebe von der Erinnerung, aber nicht mit Wehmut, eher vielleicht mit etwas Stolz“, hatte Schreier kurz vor seinem 80. Geburtstag 2015 gesagt. Da ruhte die Tenorstimme schon seit einer Dekade. Vereinzelt gab er noch Meisterkurse, ließ das Dirigieren aber langsam auslaufen. „Es strengt mich zu sehr an“, erklärte der von Rückenproblemen Geplagte, der mit mehreren Bypässen lebte. Am ersten Weihnachtsfeiertag ist Peter Schreier nach langer Krankheit in Dresden gestorben.

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