Theodor Fontanes Preußen-Welt des 19. Jahrhunderts ist auch heute noch spannend
Heimreise am Heiligen Abend

Münster/Neuruppin -

Verstaubt, altmodisch? Manch unberechtigtes Vorurteil hängt den Romanen Theodor Fontanes an. Dabei sind sie nicht nur als Zeitdokumente interessant, sondern in der Psychologie ihrer Figuren staunenswert aktuell.

Freitag, 27.12.2019, 14:52 Uhr aktualisiert: 27.12.2019, 15:40 Uhr
Als habe der Dichter gerade eine Wanderung durch die Mark Brandenburg unterbrochen: Theodor-Fontane-Denkmal in seiner Heimatstadt Neuruppin.
Als habe der Dichter gerade eine Wanderung durch die Mark Brandenburg unterbrochen: Theodor-Fontane-Denkmal in seiner Heimatstadt Neuruppin. Foto: Johannes Loy

Am Ersten Feiertag ist Bescherung. Nicht nur für die kleine Familie, sondern vorab schon für die Armen und Kinder des Dorfes am Schloss Hohen-Vietz. Dorthin ist Lewin, der Held des Romans „Vor dem Sturm“, gereist, um die Weihnachtstage in seinem Vaterhaus zu verbringen. „Driving home for Christmas“ mit Theodor Fontane .

Der Autor hatte seinen ursprünglichen Apotheker-Beruf schon als knapp 30-Jähriger aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Durch journalistische Texte, Reisebeschreibungen und Gedichte war er bekannt geworden; nun, im Jahr 1863, begann er mit der Arbeit an einem wuchtigen, am Ende vierbändigen historischen Roman nach dem Vorbild des damals berühmten Walter Scott. „Vor dem Sturm“ erschien schließlich 1878 und thematisiert einen scheiternden Aufstand gegen die napoleonischen Besatzer im Winter 1812/13.

Der preußische Adel und die Politik im 19. Jahrhundert: Man darf am Ende des Fontane-Jahres noch einmal fragen, ob Bücher mit solchem Inhalt denn heute noch interessant sind, sofern man nicht in alte Zeiten eintauchen möchte. Und mit einem entschiedenen „Ja“ antworten, wozu auch der in Münster lebende Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Burkhard Spinnen beitragen kann. In seinem kleinen Buch „Und alles ohne Liebe“ widmet er sich den Frauen bei Fontane – und das ist kein „modischer“ Zugriff, sondern wurzelt tief im Werk eines Romanciers, der Titelheldinnen wie „Stine“, „Cécile“ und natürlich „Effi Briest“ schuf. Die beiden letztgenannten teilen das Schicksal, von ihren Müttern buchstäblich und über alle moralischen Bedenken hinweg an den Mann gebracht zu werden, sich in die geplanten Rollen fügen zu müssen. Beide sterben nach dem Duelltod ihres Verehrers oder Geliebten: Mag solch ein erzählerisches Element auch dem Jahrhundert Fontanes geschuldet sein, so sind doch die geschilderten Verhaltensweisen von Müttern und Töchtern zeitlos aktuell. Und die der Männer natürlich auch: So genießt in „Irrungen, Wirrungen“ ein smarter Baron das Techtelmechtel mit der jungen Lene, sieht sich dann aber aus finanziellen Gründen gezwungen, standesgemäß zu heiraten – auch wenn ihm Lenes lebenskluge Geradlinigkeit viel lieber ist als das Lachen und Plappern seiner Gattin. „Mir ist er“, schreibt Burkhard Spinnen, „offen gestanden von allen männlichen Hauptfiguren der acht (von ihm vorgestellten) Romane der mit Abstand liebste, auch, nein, gerade wegen seiner Selbsttäuschungen.“ Die ebenfalls ein zeitloses Phänomen sind.

 

Gewiss, es gibt auch in diesen Berliner Romanen Theodor Fontanes längere Passagen, die um Preußen, um das Militär, um den alten Adel kreisen: Das geschieht besonders in den langen Gesprächen, für die Fontane bekannt ist. Auf diese Inhalte, auf Lokalkolorit und Beschreibung der Zeitläufte muss man sich gerade bei der Lektüre des Spätwerks „Der Stechlin“ einlassen, und Fontane selbst hat mit der ihm eigenen Ironie die äußere Handlung des Buches beschrieben: „Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten“.

Spannender ist dann doch sein üppiger Erstling „Vor dem Sturm“. Zumal auch hier schon die Ironie des Autors aufblitzt – sei es bei der politischen Verbissenheit von Lewins Vater, die zu tragischen Ergebnissen führt, sei es bei einem Detail wie der Weihnachtspredigt von Pastor Seidentopf, der unter der „Wucht der Vorstellung, dass eine richtige Predigt auch eine richtige Länge haben müsse“, die versammelte Gemeinde langweilt. Was man dem Autor der „Effi Briest“ gewiss nicht vorwerfen kann.

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