Premiere im U2: „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“
Deutscher Junge in Flüchtlingsnot

Münster -

Wer vor einem Krieg in ein sicheres Land flüchtet, erlebt dort womöglich nicht nur freundliche Aufnahme: Das ist auch in Deutschland zu beobachten. Ein Theaterstück im U2 dreht jetzt die Blickrichtung um und lässt einen deuschen Jugendlichen fliehen.

Sonntag, 26.01.2020, 16:16 Uhr aktualisiert: 28.01.2020, 18:20 Uhr
Valentin Schroeteler schlüpft in die Rolle eines Teenagers auf der Flucht vor dem Krieg.
Valentin Schroeteler schlüpft in die Rolle eines Teenagers auf der Flucht vor dem Krieg. Foto: Oliver Berg

Ein Schauspieler, ein Mikrofon und ein Mischpult – ansonsten ist die Bühne leer. Kalt und schwarz und leer. Aus den Lautsprechern ist eine Collage aus Satzfetzen zu vernehmen. Meldungen, Interviews, Berichte von Betroffenen? Schwer zu sagen, aber es klingt nicht gut. Es klingt nach Krieg. Und genau das ist es, was hier verhandelt wird.

Janne Tellers Schauspiel „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“, das am Samstag im U2 des Theaters Premiere hatte, ist eine Art Gedankenspiel. Im Mittelpunkt der Inszenierung von Sergej Gößner steht ein namenloser Junge. Gerade einmal 14 Jahre ist er alt, als in Deutschland Krieg ausbricht. Die Demokratie hat sich nicht halten können, Faschisten sind an die Macht gekommen und haben das Land in einen bewaffneten Konflikt mit Frankreich geführt.

Valentin Schroeteler spielt diesen Jungen. Im engen Bühnenraum des U2 wendet er sich an das Publikum und erzählt von seiner Wohnung, die zerbombt wurde, von verletzten oder auf mysteriöse Weise verschwundenen Freunden, von seiner Angst, selbst erwischt zu werden, und von seiner Flucht nach Ägypten, wo die Familie Asyl zu erhalten hofft. Ein welliger Klebestreifen an der Wand markiert die Fluchtroute – wo kommt man noch durch, wo sind die Lager schon überfüllt? Es hört sich alles leichter an, als es ist.

Irgendwann gelingt die Flucht dann doch. Aber die Probleme sind damit nicht gelöst. Das mit dem Asylantrag zieht sich. Der Junge kann nicht zur Schule, weil er die fremde Sprache nicht spricht. Die Schwester eckt mit ihren europäischen Ansichten in dem muslimischen Land an. Die Eltern verarmen, weil sie nicht die beruflichen Fähigkeiten haben, die dort gefragt sind. Irgendwann haben sie sich zwar an die Hitze und die fremde Kultur gewöhnt – aber nicht daran, dass sie nur noch Menschen zweiter Klasse sind.

Tellers Konzept, die Situation umzudrehen und einen deutschen Jungen zum Flüchtling zu machen, funktioniert erstaunlich gut. Da ist zum einen die Identifikationsmöglichkeit, die Schroetelers Spiel jungen Zuschauern ab 12 Jahren bietet. Man nimmt ihm den Teenager ab, den er auf die Bühne bringt, seine Nöte ebenso wie seine Hoffnungen. Hinzu kommt, dass das Stück weitgehend sachlich an das Thema Krieg und Flucht herangeht und auf Belehrung oder emotionale Beeinflussung verzichtet. Es ist das einfache „Stell dir vor“, das hier beachtliche Wirkung erzielt.

Die nächsten Aufführungen am 11. und 20. Februar

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