Hagen Rether in Münster
Zeitdiagnosen und Veränderungsappelle

Münster -

An Hagen Rether scheiden sich die Geister. Seinem oft makaberem Humor halten nicht alle stand. In Münster aber hat er eine treue Fangemeinde: Am Sonntagabend war der Kongresssaal mit 1400 Zuschauern ausverkauft.

Montag, 03.02.2020, 20:04 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 20:52 Uhr
Hagen Rether im Kongresssaal der Halle Münsterland
Hagen Rether im Kongresssaal der Halle Münsterland Foto: Zempelin

Da sitzt der Essener, inzwischen leicht ergraut, im schwarzen Anzug und tiefenentspannt vor seinem mit vier Bio-Bananen gespickten Flügel. Eine verspeist der Veganer schon zu Beginn, nachdem er sein Publikum mit dem für ihn üblichen Geplänkel begrüßt hat. An schwierigen Themen mangelt es bei ihm aber nie: Klimawandel, Flüchtlinge, Religionen und Faschismus, bis hin zu den Auswirkungen des „neoliberalen Turbokapitalismus“. Von der Unverhältnismäßigkeit in den Debatten spricht er immer wieder: So von den Windrädern, die Vögel töten, aber von wildernden Haus-Katzen, „die viel mehr Vögel töten, dabei nicht einmal Strom produzieren“, rede keiner.

Rether beschreibt den „weißen Mann“, besonders die „Bosbachs oder Kubickis“ dieser Welt als pars pro toto des untergehenden Systems: Das fahre gerade vor die Wand, aber jene wollten mit aller Macht daran festhalten, um ihre Pfründe nicht zu verlieren. Er erklärt wieder und wieder, warum es billiger geworden wäre, vor mindestens 15 Jahren auf die „Ökospinner“ gehört zu haben. Dabei scheut der Kabarettist, der vor zwei Jahren zuletzt in Münster gastierte, keine Tabus, weder die „nicht christliche Politik der CDU “ noch den Antisemitismus, der so alt sei wie die westliche Welt. Er klagt die rechte Gewalt an, die von Politik und Medien, besonders im Vergleich zur linken Gewalt, nicht ernst genug genommen werde. US-Präsident Trump darf bei Rether nicht fehlen: Der sei „eine fehlgelaufene Integration eines Mannes mit deutscher Herkunft in den USA“.

Personalmangel bei der Polizei

Immer wieder unterbricht ihn das Publikum mit Applaus und befreiendem Lachen bei Sätzen wie: „Die FDP ist zeitgemäß wie ein Heizpilz“. Auch die CSU bekommt ihr Fett weg: „Bei dieser bayerischen Gurkentruppe ist selbst Franz-Josef Strauß froh, dass er schon tot ist.“ Und falls Gauland mal ein Pflegefall würde, wünscht Rether ihm einen Syrer als Pfleger. Für die Misere bei der Pflege hat er sogar eine Lösung: „60.000 Metzger in die fehlenden 60.000 Pflegestellen einstellen, falls die Gesellschaft endlich beginnen würde, weniger Fleisch zu essen“.

Sogar für den Personalmangel bei der Polizei weiß er einen Ausweg: „Wir haben genug Polizisten, die müssen nur anders eingesetzt und nicht in Hundertschaften zu Fußballstadien transportiert werden, um Hooligans ihren Spaß zu gönnen“. Statt jährlich 100 Millionen Euro für teure Polizeieinsätze auszugeben, solle man mal die Hooligans sich selbst überlassen. „Dann hätte sich das Problem innerhalb von 5 Wochen von selbst erledigt“.

 

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Hagen Rether in der Halle Münsterland. Foto: Werner Zempelin


Empört zeigt sich Hagen Rether, dass Feuerwehrmänner, denen für ihren gefährlichen Einsatz nicht nur nicht gedankt werde, die dagegen sogar angegriffen werden: „Was ist das für eine Gesellschaft! So geht das nicht.“ Wie verwahrlost müsse man sein, um ein Mädchen wie Greta anzumachen? „Die haben Angst“, vermutet er.

Langanhaltender Applaus

Hagen Rethers Pointierungen, sein bissiger, trockener Humor, die Genialität der Wortspielereien, der wache Esprit dahinter, der die Spiegelung der Zustände auf die Spitze treibt, fasziniert sein treues Publikum und hält es lange gefangen: an diesem Abend immerhin vier Stunden. Und es ist, als stehe er mit seiner ganzen Person dahinter, wenn er meint, nur „wir, wer denn sonst, können die Welt retten“.

Hagen Rether ist ein Mensch, der Hoffnung anbietet, der an Veränderung durch Herzensbildung glaubt: „Jeder, der irgendwas tut, ändert alles“. Positiv gestimmt entlässt er sein Publikum: „Seien Sie dankbar, seien Sie gut zu Ihren Kindern und kommen Sie gut nach Hause.“ Langanhaltender Applaus ist für ihn in Münster fast selbstverständlich. Am Ende wirkt der bekennende Veganer erstaunlich frisch, das Publikum ist fertig – und wollte doch keinen Satz versäumt haben.

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