Sinfonieorchester präsentiert Beethoven, Glass und Liszt
Konzertabend mit guter Nebenwirkung

Münster -

Noch weitgehend unbeeinflusst vom Corona-Virus verlief das 6. Sinfoniekonzert der Saison. Auf der Bühne begrüßte man sich allerdings korrekt mit einem Ellenbogen-Stupser. Das Konzert mit Werken von Beethoven, Glass und Liszt hatte jedenfalls hatte überaus positive Nebenwirkungen.

Mittwoch, 11.03.2020, 14:02 Uhr
Midori Goto spielte das Violinkjonzert von Philip Glass mit Vitalität und Virtuosität.
Midori Goto spielte das Violinkjonzert von Philip Glass mit Vitalität und Virtuosität. Foto: Jochen Quast

Dirigent Stefan Veselka macht es richtig, begrüßt er doch beim Sinfoniekonzert am Dienstag Konzertmeister Mihai Ionescu nicht per Handschlag, sondern beide stupsen sich mit den Ellenbogen. So hat Corona wenig Chancen. Doch das allgemeine Unbehagen an dem unsichtbaren Virus wächst.

Sichtbare Gefahren lassen sich da weitaus besser abstellen. Coriolan, der römische Feldherr, muss einst eine solche Gefahr gewesen sein, ein Despot, von seinem Volk quasi aus der Stadt verjagt! Das passiert mit den Coriolans von heute eher selten – umso besser, dass Beethoven den Egozentriker mit seiner Ouvertüre in einem klingenden Bild verewigt hat: Erst strotzt das Orchester vor Kraft, schon bald aber ahnt man des Römers Schicksal, bis der Klang in und mit den letzten schwachen Herzschlägen des Sterbenden verebbt. Das ist äußerst plastische Musik, bei der Stefan Veselka dank seiner packenden Interpretation nichts an Deutlichkeit schuldig blieb und so ganz „nebenbei“ signalisierte, wie gut aufgelegt das Sinfonieorchester auch an diesem Abend wieder mal war.

Wenn es in dem Violinkonzert von Philip Glass auch um irgendeinen Helden gehen sollte, dürfte dieser schon längst im Nirwana schweben, also dort, wo man die „Minimal Music“ des Amerikaners klanglich verorten könnte. Das ist im „Fall des Hauses Usher“ so, das momentan auf dem Opernspielplan steht, und eben auch im Violinkonzert, dem sich Solistin Midori Goto mit unglaublicher Vitalität und Virtuosität widmete. Zwei schnelle Sätze rahmen einen langsamen – immer geht es um Klangflächen und sich ineinander (ver)schiebende Rhythmen. Das bedarf höchster Konzentration der Ausführenden, ist aber auf Dauer ziemlich nervig für die Ohren, auch wenn hier und da mal tiefes Holz in die Streicher gurgelt oder ein Piccolo fiept. Die Schlagzeuger haben alle Hände voll zu tun, Midori Goto sowieso. Sie kratzt, sie streichelt, erreicht schwindelerregende Tempi – man achtet bald mehr auf sie als auf das musikalische Geschehen. Der Musik schadet das nicht. Dann betritt Doktor Faustus virtuell die Bühne, angesteckt vom Verlangen, noch einmal jung sein zu können. Der Teufel verspricht’s, Faust trifft auf Gretchen, das tragische Ende ist hinlänglich bekannt. Weniger dagegen Franz Liszt und seine aufwendige und herausfordernde Faust-Symphonie, mit der Stefan Veselka ein echtes Meisterstück abliefert. Aller Achtung! In Liszts „drei Charakterbildern“ ist wahnsinnig viel zu organisieren, zusammenzuhalten, zusammenzufügen, sind Farben zu entwickeln, Gefühle auszudeuten. Das gelingt Münsters Kapellmeister auf treffliche Weise, exemplarisch ablesbar an der „Höllen-Fuge“, die ihren Namen verdient. Und zum Schluss treten gar noch Solo-Tenor (achtbar: Martin Koch) und Herrenchor (Opern- und Konzertchor) hinzu und singen vom Vergänglichen und „Ewig-Weiblichen“, leider zugedröhnt von einer grauenhaft klingenden E-Orgel. Die kann, die muss man hier überhören.

Was bleibt, ist der Eindruck einer sinfonischen Stunde mit Nebenwirkungen, die sich allein durchs Hören einstellen und gar kein Risiko bergen.

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