Der Mai ist gekommen, und alle Vögel sind schon da – auch in der klassischen Musik
Der Kuckuck ist der Superstar

Münster -

Sie pfeifen und flöten, zwitschern und rufen – die Singvögel im heimischen Garten. Für klassische Komponisten war es stets eine Herausforderung, ihre Musik nachzuahmen. Nachtigall und Lerche sind gut vertreten. Aber es gibt auch Fremdlinge wie Huhn und Taube.

Donnerstag, 30.04.2020, 16:20 Uhr
Dieser Kuckuck (Cuculus canorus), ein Männchen aus Schottland, hält offensichtlich gerade den Schnabel – ausnahmsweise.
Dieser Kuckuck (Cuculus canorus), ein Männchen aus Schottland, hält offensichtlich gerade den Schnabel – ausnahmsweise. Foto: imago-images

Der Kuckuck ruft, die Lerche flattert: Bricht der Frühling aus, brechen die gefiederten Freunde auf und zwitschern manchen Langschläfer frühzeitig aus dem Federbett. Wer aber das Privileg genießt, in der Corona-Zeit mit mehr Muße als sonst die heimische Fauna beobachten und belauschen zu können, dürfte seine Freude an den Singvögeln haben. Und sich kaum darüber wundern, dass auch klassische Komponisten sich hier immer gern bedienten.

Schon die Barockmeister wie Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi hatten ihren Spaß daran, Vogelstimmen in der Instrumentalmusik nachzuahmen: Händel ließ Kuckuck und Nachtigall in einem Orgelkonzert gegeneinander antreten, Vivaldi komponierte seinen „Frühling“ und „Sommer“ mit allerlei Gezwitscher in den Kopfsätzen und widmete dem Gardellino (Stieglitz oder Distelfink) ein ganzes Flötenkonzert, in dem der Solist munter drauflos trillert. Aber natürlich bieten nicht alle Vögel klingende Labsal: Hahn und Henne sind in der klassischen Musik eher gackernd als singend aktiv, sei es in einem Cembalostück von Jean Philippe Rameau, sei es in Joseph Haydns zweiter „Pariser Symphonie“ – wobei Haydns Huhn eher eine Assoziation als ein Tierporträt in Tönen ist.

Da war Ludwig van Beethoven deutlicher. Zwar mahnte er die Zuhörer, seine „Pastorale“ sei mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei, aber am Ende des zweiten Symphoniesatzes „Szene am Bach“ ist die Klangmalerei der Vogelrufe unverkennbar – und in den Noten vermerkt: Nachtigall, Wachtel und Kuckuck haben mit charakteristischem Triller, Rhythmus oder Intervall ihre Auftritte.

Überhaupt, der Kuckuck: Er ist der Superstar der Musik, was natürlich ein bisschen mit seinem typischen Ruf (die fallende kleine Terz) zu tun hat. Der Witz aber ist: Während etwa Händel und Beethoven ihn direkt zitieren, passen Komponisten wie Frederick Delius im Orchesterstück „On Hearing the First Cuckoo in Spring“ oder Gustav Mahler in seiner ersten Symphonie den Ruf ihren musikalischen Vorstellungen an: So kriegt der (ungenannte) Kuckuck bei Mahler das Quart-Intervall zugewiesen – und bleibt dennoch erkennbar. Delius variiert die Intervalle und webt aus den sanften Rufen eine lichte Klang-Atmosphäre – man meint, den Frühlingsduft durch die Musik hindurch wahrzunehmen. Wie auch bei seinem englischen Pendant Ralph Vaughan Williams, der mit einem üppigen Violinsolo die Lerche aufsteigen lässt: „The Lark Ascending“. Und bei Mahler schließt sich ein Kreis, wenn er im „Lied von der Erde“ beim melancholischen „Abschied“ die Vögel zitiert, um sie hernach verstummen zu lassen.

An zwei speziellen Vogelfreunden kommt man natürlich nicht vorbei, sobald man sich auf das Thema einlässt. Der Franzose Olivier Messiaen, eine der prägenden Gestalten des 20. Jahrhunderts, ist mit seinem Werk ohne seine ornithologischen Studien gar nicht zu denken: All die Vogelstimmen, die er erlauschte und auf Band konservierte, sind bis in die tiefen Strukturen seiner Stücke eingegangen. In der riesigen Turangalîla-Symphonie sind beispielsweise Nachtigall, Amsel und Bartgrasmücke im Klavierpart aufgehoben, und fürs Klavier hat er einen ganzen Vogelkatalog geschaffen. Ganz so gründlich war sein italienisches Landsmann Ottorino Respighi nicht. Aber mit „Gli Ucelli“ hat er eine der schönsten Vogelstimmen-Sammlungen überhaupt geschaffen – die auf alte Vorbilder zurückgehen, womit wir wieder bei Rameaus Henne angekommen wären. Und dann serviert uns Respighi auch noch einen echten Vogel: Im dritten Satz seiner „Pinien von Rom“ darf eine Original-Nachtigallenstimme ihr Lied über den Streicherklängen des Orchesters ausbreiten.

Dass Joseph Haydn neben Lerche und Nachtigall ein Taubenpaar girren lässt, scheint in seinem Oratorium „Die Schöpfung“ mit all den Tieren unvermeidlich. Aber auch in der Instrumentalmusik gibt es einen verwandten Vogel, nämlich Antonín Dvořáks Waldtaube. Richard Wagner hingegen darf hier nicht mitspielen: Sein „Waldvogel“ singt zwar süß, gehört aber in ein Musikdrama, nämlich den „Siegfried“. Deshalb ist er der kuriose Fall eines klassischen Singvogels mit gesungenem Text.

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